Sondersynode

Einbringung der Spar- und Strukturvorschläge der Kirchenleitung an die Landessynode durch Präses Nikolaus Schneider

Sperrfrist: Heute, Freitag, 9. Juni 2006, 14 Uhr. Es gilt das gesprochene Wort.

Wir haben uns an diesem Wochenende zu einer außerordentlichen Landessynode versammelt, welche den Auftakt bildet für richtungsweisende Entscheidungen, um die äußere Gestalt unserer Evangelische Kirche im Rheinland den geänderten Rahmenbedingungen unseres kirchlichen Dienstes anzupassen. Dabei dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren, dass alle Ebenen unserer Landeskirche auf einander bezogen sind, so dass Entscheidungen für eine Ebene Auswirkungen auf alle Ebenen unseres kirchlichen Lebens haben. Ich gehe allerdings davon aus, dass durch die morgen zu treffenden Entscheidungen die Aufgabenstellungen der landeskirchlichen Ebene nicht wesentlich verändert werden.

Eine gründliche theologische Debatte über die Ordnungsprinzipien unserer Rheinischen Kirche wird auf der Synode im Januar 2007 zu führen sein, denn die Vorschläge von AG I und AG II greifen tiefer in das Ordnungsgefüge unserer Kirche ein als die heute und morgen zur Verhandlung anstehenden Überlegungen des Strukturausschusses und der Kirchenleitung.

Bereits für die Sondersynode 1994 hat Präses Beier Vorschläge für die Aufgabenstellung der landeskirchlichen Ebene unterbreitet hat. Dazu hat auch die Perspektivkommission 1997 sich theologisch geäußert. Die Erhebungen zum ‚Pfarrbild’, unsere Beschlüsse zur ‚Gesamtkonzeption gemeindlicher Dienste und Aufgaben’, zur Verpflichtung unserer Kirche, ‚Vom offenen Himmel (zu) erzählen’ sowie die Überlegungen zur ‚Missionarischen Volkskirche’ und das dazu geführte theologische Gespräch in unserer Kirche - alle diese Überlegungen sind einzubeziehen und aufzuarbeiten, wenn wir uns der theologischen Grundlegung unserer Kirche und ihrer Ordnungen neu vergewissern. Die vom Strukturausschuss selbst und vom Ständigen theologischen Ausschuss unserer Kirche vorgelegten ‚Ekklesiologische(n) Gesichtspunkte für die Arbeit des Strukturausschusses’ beziehen sich auf die 4 Wesenseigenschaften der Kirche (Einheit, Heiligkeit, Katholizität, Apostolizität), die unser Kirchesein als Kirche Jesu Christi bestimmen. Dass unsere Kirche diesen Wesensmerkmalen entspricht, darauf hat auch die landeskirchliche Ebene zu achten; sie hat besonders für die Gestaltwerdung der Einheit der Kirche Sorge zu tragen. Die Wahrung und Weiterentwicklung der Presbyterial-Synodalen-Ordnung ist dabei eine ihrer spezifischen Aufgaben. In diesem Horizont wurden ekklesiologische Kontrollfragen entwickelt, die mir ausreichend zu sein scheinen, um die Arbeit dieser Sondersynode auch theologisch verantworten zu können.

Den oben genannten theologischen Überlegungen möchte ich einige Reflexionen hinzufügen, die sich zunächst mit der Frage auseinandersetzen, welche Handlungsanweisungen der Herrn der Kirche selbst, Jesus Christus, seinen Jüngerinnen und Jüngern gegeben hat.

Nach dem Bericht der Apostelgeschichte sagt Jesus seinen Jüngern schon beim letzten gemeinsamen Mahl, dass sie Jerusalem nicht verlassen sollen, weil sie schon in wenigen Tagen mit dem Heiligen Geist getauft würden (1,4). Und die Jünger sollen dann Jesu Zeugen werden "in Jerusalem und ganz Judäa und Samarien bis an die Grenzen der Erde" (1,8). Am Pfingstfest wird diese Ankündigung Jesu zur leibhaftigen Erfahrung für die zahlreichen Jüngerinnen und Jünger, die seither in seinem Namen unterwegs sind, um ihn dem bewohnten Erdkreis, der Ökumene, bekannt zu machen.

Nicht irgendwo geschieht dieses Pfingstereignis, sondern in Jerusalem. Jerusalem steht dafür, dass der Anfang der christlichen Gemeinde nicht voraussetzungslos geschieht. Die christliche Gemeinde steht in Kontinuität mit dem Volk Gottes, der es am Zionsberg in Jerusalem gelehrt hat und dort auch wieder zusammenführen will. Jerusalem und die Zionstradition stehen für angekündigten und geforderten Frieden, für Recht und Gerechtigkeit und die Freiheit der Menschen. Der Geist Gottes, der an Pfingsten auf die Jünger herabkommt, ist kein unbestimmter Geist, sondern ist der Geist dieses Gottes Israels in heilsgeschichtlicher Kontinuität. Hieraus ergeben sich Beauftragungen, die für die Kirche Jesu Christi verpflichtend sind und die durchzuführen kirchliche Ordnung sowohl ermöglichen wie sicherstellen muss.

Der Geist Gottes steht nach biblischem Zeugnis für Aufbruch und neue Entwicklungen. Dazu gehört wesentlich, dass nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 587 v.Chr. der Prophet Deuterojesaja mit der Forderung auftritt, Israel solle Licht werden für die Völkerwelt (42,6;49,6). Diese Forderung wird an Pfingsten aufgenommen und ihre Realisierung durch die Gabe des Geistes Gottes ermöglicht.

Die Aufhebung der Begrenzung der Wirksamkeit des Geistes Gottes auf Israel allein wurde in der jungen Kirche längst nicht von allen geteilt und war doch seit Pfingsten nicht mehr aufhaltbar. Die universale Ausbreitung des Geistes in seiner bleibenden Bindung auch an Israel steht für den von Gott gewollten Aufbruch, dass an seinem Wort und seinem Geist alle Menschen überall partizipieren sollen. Auch die sich daraus ergebenden Verpflichtungen der Kirche Jesus Christi hat unsere Ordnung sowohl zu ermöglichen wie sicherzustellen.

Im ältesten Evangelium nach Markus erhalten die Jünger vom Engel am Grab Jesu den Befehl, nach Galiläa zurückzugehen, um den Auferstandenen zu sehen (Markus 16,7). Die Jünger gehen noch einmal dorthin , wo einst alles mit Jesus begann. Und dieses Erleben von Anfang an durchschreiten sie nun noch einmal im Lichte des Ostermorgens mit der Gewissheit , dass Jesus mitten unter ihnen lebt. Diese Gewissheit hat Kirche zu bezeugen und auch durch ihre äußere Gestalt zum Ausdruck zu bringen.

Die enttäuschten Emmausjünger, die auf den Weg in ihr Dorf zurück sind, werden nach Jerusalem zurückgeschickt (Lukas 24). Und das heißt nichts anderes, als dass die Kirche nun im politischen Zentrum des Landes angelangt ist und sich ihrer Verantwortung stellen muss.
Die universalistische Ausrichtung des Geistes Gottes und seine konkrete Verortung mitten in unserer Welt haben deshalb auch etwas mit Organisation und Aufgabenstellung der Kirche Christi tun.

Neben diesen inhaltlichen Aufgabenstellungen für kirchliches Leben, Denken und Handeln ist für die Frage nach der angemessen äußeren Gestalt der Kirche Jesu Christi in der konkreten historischen Erscheinung der Evangelischen Kirche im Rheinland die Zusage Jesu Christi bestimmend, dass er da sein will, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind. In seiner Freiheit bindet sich Jesus Christus durch den Heiligen Geist an das Volk Gottes, das in seinem Namen sich sammelt und organisiert. Dabei will er selbst das Haupt seiner Kirche sein. Daraus ergibt sich die Frage, welche Organisationsformen vorhanden sein müssen, damit das Handeln des Hauptes der Kirche durch den Heiligen Geist nicht verhindert oder möglichst wenig behindert wird. Diese Fragestellung setzt voraus, dass mit dem Wirken des Geistes von Anfang an die Setzung von Recht gegeben ist.

Insgesamt möchte ich drei Prinzipien nennen - hilfreich zur Bestimmung von Organisationsformen, die das Leitungswirken des Heiligen Geistes möglichst wenig behindern.

1. Orientierung an der Heiligen Schrift
Die presbyterial-synodale Ordnung unserer Kirche ist nicht allein ein menschliches Ordnungsprinzip, sondern wir leiten sie aus den Schriften des Neuen Testaments ab. Älteste haben nach der Schrift nicht nur ein formales Aufsichtsamt (vgl. 1 Petrus 5,1-5), sondern auch geistliche Funktionen (vgl. Titus 1,7; 2. Timotheus 1,3; 1. Timotheus 3,2; Titus 1,9). Und damit geht einher, dass das Ältestenamt nicht durch patriarchale Machtansprüche, sondern durch besondere geistliche und menschliche Fähigkeiten gekennzeichnet ist. Die Reformatoren haben die Frage, wie solche Menschen zu finden sind, dadurch beantwortet, dass sich die Gemeinde ihre Presbyterinnen und Presbyter sowie Pfarrerinnen und Pfarrer aus der Mitte des Volkes Gottes selber aussuchen soll. Die Beauftragung für die genannten Dienste geschieht also durch die Gemeinde, in unserer Kirche heißt das durch Wahl.
Die Ordnungen unserer Kirche sollen also darauf ausgerichtet sein, dass der Herr der Kirche sich solcher Personen bedienen kann, um unsere Kirche durch sie und mit ihnen durch seinen Geist zu leiten.

2. Das Prinzip: Kirche als Gemeinde und als verbindliche Gemeinschaft der Gemeinden
Durch das Neue Testament sind wir auf einen Sprachgebrauch festgelegt, der für die Gemeinde vor Ort das gleiche Wort wählt, wie für die Universalkirche: ekklesia. Beide sind gleich ursprünglich Gemeinde. Dass nun jede Gemeinde im vollen Sinne Kirche ist und nicht eine Unterabteilung oder Filiale der universalen Kirche –also Kirche nur im eingeschränkten Sinn-, das musste gegen viele zentralistische Tendenzen zuletzt durch die Barmer Theologische Erklärung durchgesetzt werden. Die Ortsgemeinde benötigt kein ihr übergeordnetes kirchliches, bischöfliches oder päpstliches Amt, um Kirche Jesu Christi sein zu können.
Gleichzeitig gilt aber auch, dass jede örtliche Gemeinde nicht exklusiv und für sich alleine Kirche sein kann, sondern notwendig nur mit den anderen Gemeinden zusammen. Übergeordnete Verbände wie der Kirchenkreis, die Landeskirche oder auch die EKD sind ekklesia und nehmen jeweils Aufgaben wahr, die von der Einzelgemeinde nicht geleistet werden können, zum Leben der Kirche Jesu Christi aber unabdingbar hinzugehören.
Die Ordnungen unserer Kirche müssen also sicherstellen, dass die Gemeinden ihre Aufgaben als vollgültige Kirche wahrnehmen können und gleichzeitig verbindlich in die Gemeinschaft der Gemeinden eingebunden sind, so dass alle Aufgaben der Kirche Jesu Christi durch die dazu notwendigen Dienst, Werke und Ämter auch erfüllt werden können.

3. Das Prinzip: Innen- und Außenorientierung
Gemeinde vor Ort und Gemeinde als universale Größe verstanden sind niemals Selbstzweck. Wie sie sich nach innen hin versammeln, sich aufbauen, trösten und stärken, so und mit gleichem Ernst und mit gleicher Kraft wirken sie nach außen und tun ihren Dienst in der Welt. Sie tun diesen Dienst in der Welt oft gemeinsam mit Menschen, die keine Christinnen und Christen, sondern nur durch das Engagement mit ihnen verbunden sind. Mit solchen Menschen dürfen Christinnen und Christen nicht geringschätzig umgehen, weil der Herrschaftsbereich Jesu Christi viel weiter ist, als dass die Kirche ihn allein abbilden könnte. Christinnen und Christen können gelassen mit anderen an einer Sache arbeiten, wenn sie sich ihrer eigenen Sache gewiss sind.
Unsere Ordnungen müssen einen solchen Dienst zum Aufbau der Gemeinde und zum Dienst in der Welt ermöglichen.

Wie wir gehört haben, soll das Pfingstereignis daran erinnern, dass wir als Individuen wie als Gemeinschaft hineingenommen sind in die Dynamik, welche das Walten des Geistes Gottes in der Geschichte bedeutet. Und das bedeutet nicht einfach ein stetiges Mengenwachstum, sondern dazu gehören auch  Anpassungen an geringer werdende Kräfte und Mittel. Wesentlich für unser Kirchesein ist nicht das Mengenwachstum, sondern das Wachsen auf den hin, der das Haupt ist, Christus.
Für die notwendigen Anpassungen an unsere geringeren Ressourcen sollten folgende Gesichtspunkte leitend sein:

1. Es wird an unsere Entscheidungsfähigkeit und Entscheidungsgeschwindigkeit appelliert, damit wichtige Schritte nicht auf die lange Bank geschoben werden. Unsere Entscheidungen müssen gleichzeitig bedacht und zügig erfolgen.

2. Durch die Heilige Schrift belehrt und durch die Geschichte reformatorischer Kirchen bewährt ist die Erkenntnis, dass das Predigtamt das Fundament unserer Evangelischen Kirche im Rheinland sein muss. Der Dienst am Wort ist die ‚Kernkompetenz’ des Pfarramtes. Dieser Dienst ist aber nicht auf das Pfarramt beschränkt, sondern wird auch durch andere Gemeindeglieder wahrgenommen, wenn sie dazu geeignet sind, von der Gemeinde beauftragt und durch die Landeskirche ausgebildet und zugerüstet werden. Dieses Verständnis vom Predigtamt darf bei unseren Entscheidungen nicht verloren gehen. Im übrigen vertrauen wir darauf, dass der Geist Gottes weiterhin Menschen bewegt, sich in den Dienst am Wort rufen zu lassen.

3. Es ist kennzeichnend für unsere Kirche, dass für ihren Verkündigungs- und Zeugnisdienst verschiedene Berufe benötigt werden. Bei allen Entscheidungen werden wir darauf zu achten haben, dass die Zahl der Menschen, die in den verschiedenen Berufen tätig sind, bezogen auf den grundlegenden Dienst unserer Kirche angemessen bleibt.

4. Und schließlich gilt für die unterschiedlichen Ebenen der ekklesia Gottes, dass leitendes Handeln unbedingt erforderlich ist. Das bedeutet nicht, dass Leitung dirigistisch und abgehoben von den Verhältnissen geschieht. Aber sie muss ausgeübt werden - eine besondere Herausforderung für eine Kirche, die auf kollektive Leitungsorgane setzt und das Leitungshandeln Einzelner eher skeptisch beurteilt.

Die Befugnis und Bevollmächtigung zur Leitung bedarf nicht nur der äußeren, sondern auch der inneren Berufung. Wenn das Bewusstsein für deren Notwendigkeit und die Gewissheit der vocatio interna bei denen, die unsere Kirche auf allen Ebenen leiten, nicht oder nur schwach ausgeprägt sind, dann wirkt sich das nach meiner Überzeugung als Schwäche in der Leitung aus. Auch bei der Organisation von Leitung ist das Vertrauen in das Walten des Geistes Gottes ausschlaggebend. Sie soll von der Gewissheit geprägt sein, dass der Geist die leitenden Personen unserer Kirche begleitet und sie zum Handeln befähigt.

Wer vom Geist Gottes getragen leitet und entscheidet, kann sich aus eigener Kraft nicht freimachen von der verzweifelten Frage des Paulus in Römer 7: Ich will das Gute tun, sehe aber eine ganz andere Gesetzmäßigkeit in mir walten. Wer wird mich daraus erretten?

Die menschliche Schwäche zu überwinden ist nach Paulus Aufgabe des Geistes Gottes, der in Jesus Christus ist: Er hilft unserer Schwachheit auf, er wird uns begeleiten auf dem Weg zu dem, der alleine unsere Zukunft ist. Auch wir können bei unseren Beratungen heute und morgen darauf vertrauen, dass der Heilige Geist unser Leiten leiten will.

 

 

 

 

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Freitag, 9. Juni 2006. Die letzte Aktualierung erfolgte am Freitag, 9. Juni 2006. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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