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Landessynode 2007

Im Wortlaut: Thesenpapier zum Vortrag zum Thema „Familie“

Achtung, Sperrfrist: Montag, 8. Januar 2007, 15.30 Uhr! Es gilt das gesprochene Wort. Thesenpapier zum Vortrag zum Thema „Familie“, Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe, aus Anlass der 57. ordentlichen Tagung der Landessynode 2007

Ob sich die nachwachsende Generation in unserer Gesellschaft künftig für Lebensentwürfe mit Kindern und damit für die Übernahme von generativer Sorgearbeit entscheiden wird oder nicht, hängt maßgeblich von der Attraktivität der vorhandenen Arbeits- und Lebensbedingungen in ihrem unmittelbaren Umfeld ab. Die Vision einer kinder- und familienfreundlichen Kommune reduziert sich dabei keineswegs allein auf die Verbesserung des Angebots an Kinderbetreuung. Vielmehr geht es zunächst um ein klares Bekenntnis aller kommunalen Akteure zur Zielgruppe „Familie“ in unterschiedlichen Variationen. Viele Kommunen haben heute das Ziel, kinder- und familienfreundlicher zu werden, weil sich vor dem Hintergrund des demographischen Wandels allmählich die Einsicht durchsetzt, dass Familien nicht in erster Linie einen Kostenfaktor darstellen, sondern dass sie an ihrem Lebensmittelpunkt soziale Netze knüpfen, ihren Alltag unter Rückgriff auf vorhandene Infrastrukturbedingungen gestalten und durch ihre vielfältigen Aktivitäten, darunter vor allem in Form von generativer Fürsorgearbeit gegenüber ihren Kindern und bedürftigen Familienangehörigen einen wertvollen Beitrag zur Vitalität und Lebensqualität vor Ort leisten, der durch andere soziale Gruppen nicht ersetzt werden kann.

Angesichts der absehbaren demographischen Entwicklungen fällt ebenso ins Gewicht, dass das weibliche Bildungs- und Qualifikationspotential in Zukunft auf dem regionalen Arbeitsmarkt eine unvergleichlich größere Rolle spielen wird, so dass die Nachfrage nach kind- und familienbezogenen Dienstleistungen vor Ort ebenso wie nach koordinierten Zeiten von familienrelevanten Institutionen von Seiten berufstätiger Mütter und Väter steigen wird. Der zeitliche Bedarf an verlässlicher Betreuung durch die erhöhte Flexibilität in der Arbeitswelt, aber auch durch längere Arbeitswege für Familienväter und (-mütter), die zwischen Arbeitsplatz und Wohnung pendeln, ist erheblich gestiegen. Hinzu kommt, dass Arbeitszeiten, Betreuungs- und Schulzeiten, Arzttermine, Erledigungen zur täglichen Versorgung, Behördengänge, Sport- und Freizeitaktivitäten meist von außen gesetzt sind und sich keineswegs differenziert an den Bedarfslagen der Familien orientieren. Diese mangelnde Synchronisation von Zeiten erschweren Familien ihren Alltag. Die Mobilitätsforschung spricht in diesem Zusammenhang von den „multiplen weiblichen Wegeketten“: denn es sind meist die Frauen, die diese Ungleichzeiten austarieren müssen, meist um den Preis der Reduzierung ihrer beruflichen Teilnahme am Erwerbsleben. Diese Situation erzeugt Zeitstress und ist Ausdruck der gesellschaftlich nicht gelösten Vereinbarkeitsproblematik. Soll die Abwanderung von Familien vermieden werden und Familienalltag unter den heutigen Bedingungen gelingen, so sind differenzierte Konzepte und innovative Kooperationsformen in unterschiedlichen kommunalen Handlungsfeldern ebenso von Nöten wie familien- und kinderzentrierte Investitionen, was allerdings zunächst einmal die sachliche Analyse und Wahrnehmung grundsätzlicher Veränderungen in den Familienstrukturen, den Geschlechterrollen, aber auch in der Bildungs- und Erwerbsbeteiligung der nachwachsenden Frauengeneration voraussetzt.

Der gegenwärtig hohe Aufmerksamkeitswert gegenüber der Familie - auch auf kommunaler Ebene - verdankt sich in erster Linie dem stillen, aber durchaus wirkungsmächtigen „Gebärstreik“ der Frauen in Deutschland, hinzu kommt in letzter Zeit eine Art „Zeugungsstreik“ der jüngeren Männergeneration. Sicherungssysteme drohen zu implodieren, in etlichen Regionen wird bereits deutlich, was sich in den nächsten Jahren ausweiten wird: Kindergärten, Schulen und andere Einrichtungen werden in Ermangelung von Nachwuchs schließen müssen; von der Wirtschaft wird bereits ein Fachkräftemangel prognostiziert. Diese Entwicklung ist eine Folge der über Jahrzehnte unterschätzten Veränderungen in der Lebenssituation von Frauen, gepaart mit einer Familienideologie, die wider besseren Wissens und im Gegensatz zu profunden Erkenntnissen aus der internationalen Forschung hartnäckig an der These festhielt, dass es für das gedeihliche Aufwachsen eines Kindes am besten sei, wenn seine eigene Mutter eine Rundum-Betreuung übernimmt, ergänzt um den Besuch eines Halbtagskindergartens. Dieser Müttermythos kollidierte mehr und mehr mit den berechtigten Ansprüchen der inzwischen am besten ausgebildeten Frauengeneration aller Zeiten, ihre erworbenen schulischen und beruflichen Qualifikationen auch im Erwerbsleben umzusetzen. Vor die Alternative „entweder Familie oder Beruf“ gestellt, entscheidet sich heute ein immer größerer Teil der nachwachsenden Frauengeneration für den Beruf. Dabei gilt: Je besser die Frauen qualifiziert sind, desto öfter trifft das zu. Bei den westdeutschen Akademikerinnen bleiben inzwischen ca. 35 Prozent zeitlebens ohne Kinder.

Aber nicht nur die Akademikerinnen bleiben immer häufiger kinderlos, sondern auch die sehr gut qualifizierten Männer. Das ist u.a. eine Folge der Veränderungen auf dem Beziehungs- und Heiratsmarkt: Während noch in den 1970er Jahren Männer überwiegend diejenigen waren, die über höhere schulische und berufliche Abschlüsse verfügten als ihre Partnerinnen, begegnen sich Männer und Frauen – was ihre Bildungsabschlüsse angeht – heute zunehmend „auf gleicher Augenhöhe“ (Arzt heiratet nicht mehr Krankenschwester, sondern Ärztin). Damit stellt sich die Frage, wer nach der Geburt eines Kindes beruflich zurückstecken soll und wie lange, mit einer ganz anderen Tragweite. Die wenigen „neuen Väter“, die sich an der Kinderbetreuung und bei der anfallenden Hausarbeit beteiligen (wollen), treffen in ihrem beruflichen Umfeld zusätzlich auf vielfältige mentale Vorurteile. Immer öfter wird dann die Realisierung von Kinderwünschen aufgrund der fehlenden Unterstützung zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf biographisch „verschoben“ bzw. überhaupt auf die Geburt eines Kindes verzichtet. Die gesellschaftliche Tragweite dieser vermeintlich „privaten“ Entscheidungen ist gravierend: Es bleiben gerade diejenigen ohne Kinder, die von ihren Bildungsvoraussetzungen und Erwerbsperspektiven her ihren (potentiellen) und mehrheitlich gewünschten Kindern bestmögliche Bedingungen des Aufwachsens bieten könnten. Dieser Tatbestand kann auf Grund seiner schwerwiegenden Folgen für eine Gesellschaft, die im internationalen Wettbewerb keine anderen Ressourcen einbringen kann als ihr Humanvermögen – also ihr kulturelles und soziales Kapital –, gar nicht ernst genug genommen werden. Mit anderen Worten: eine Gesellschaft, der es nicht mehr gelingt, ihre Funktions- und Leistungseliten zu reproduzieren, verspielt ihre Standortvorteile und ihre Zukunft auf lange Sicht.

Der tiefgreifende Strukturwandel von Familie hat zu erheblichen Veränderungen in der Zusammensetzung der Wohnbevölkerung in den Kommunen geführt: einerseits ist seit Jahren die Abwanderung gerade der gut ausgebildeten Eltern mit ihren Kindern aus den Städten ins Umland zu verzeichnen, andererseits konzentrieren sich benachteiligte Familien mit und ohne Migrationshintergrund in bestimmten stigmatisierten Wohnquartieren. Viele Armuts- und Sozialberichte haben nachgewiesen, dass es in diesen Stadtteilen und Wohnquartieren zu einer Kumulation von ungünstigen Entwicklungs- und Sozialisationsbedingungen für die dort aufwachsenden Kinder und Jugendlichen kommt. Somit widerspiegelt sich auf der kommunalen Ebene die wachsende soziale Ungleichheit der bundesdeutschen Gesellschaft. In der gerade veröffentlichten Shell-Studie wird geschätzt, dass etwa 15 % der Elternhäuser definitiv überfordert sind; mehr als 10 % jedes Altersjahrgangs verlassen die Hauptschule ganz ohne Abschluss, Fehlernährung, mangelnde körperliche Bewegung gehören ebenso zu den Insignien dieser Kinder und Jugendlichen wie ein extrem schädlicher Medienkonsum, Gewalterfahrungen und teils problematische Beziehungen zum Elternhaus.

Wenn im Jahre 2000 immerhin 43 % aller Kinder mit einer Mehrfachbenachteiligung außerhalb des Kindergartens keinerlei Frühförderung erfahren haben, so wird deutlich, dass es mit einer „öffentlichen Verantwortung für das Aufwachsen von Kindern“ hier zu Lande nicht gut bestellt ist. Die Privatisierung der Kinderfrage und der ausgeprägte westdeutsche Müttermythos haben – pointiert gesagt – gerade für Kinder aus benachteiligten Herkunftsverhältnissen und mit Migrationshintergrund oft ein Zuviel an Familie und ein Zuwenig an kindgerechten und familienergänzenden Betreuungs-, Bildungs- und Förderangeboten hervorgebracht. Gerade Kinder aus Familien in armen und prekären Lebenslagen brauchen einen anregungsreichen Kinderalltag jenseits ihrer teils bedrückenden Herkunftsmilieus. Eine gute Betreuung und Bildung von Anfang an, gepaart mit einer Stärkung der Alltags- und Erziehungskompetenz der Eltern stellt die einzige Möglichkeit dar, wie Kinder aus diesen Herkunftsverhältnissen dem Teufelskreis von Armut entkommen können. Nur so werden sie sich – wie uns die Neurobiologie lehrt – gut entwickeln können, körperlich und geistig, und damit die personalen Voraussetzungen für die Ausprägung von Kreativität, Selbstwahrnehmung, Problemlösungs- und Sozialkompetenz. Ein soziokulturelles Existenzminimum allein ist folglich für arme Kinder und ihre Familien keinesfalls hinreichend, sondern hat zu ihrer „fürsorglichen Vernachlässigung“ (P. Nolte) beigetragen. Vielmehr sind armutspräventive Maßnahmen einer sensiblen Kinder- und Jugendarbeit von der gezielten Frühförderung über eine verlässliche Begleitung und Unterstützung dieser Kinder in der Schulzeit bis hin zu einem gelingenden Ausbildungsabschluss von Nöten. Für ihre Eltern braucht es – basierend auf einem soziokulturellen Existenzminimum – eine begleitende Beratung und Unterstützung mit dem Ziel ihrer Reintegration in den Arbeitsmarkt, die verbunden ist mit vielfältigen vernetzten Formen von aufsuchender und anleitender hauswirtschaftlicher, soziapädagogischer und –psychologischer Familienhilfe und Familienbildung, um Alltagskompetenzen zu vermitteln, Familienbeziehungen zu stabilisieren oder ein „Entgleiten von Zeitstrukturen“ zu verhindern. Zusätzliche monetäre Transfers sind insbesondere für Familienhaushalte keine Lösung, die schon über mehrere Generationen in Armutslagen leben, weil sich dadurch an der Problemstruktur des Familienalltags und dem Ausgabeverhalten der Eltern schlicht nichts ändert. Anders verhält es sich bei alleinerziehenden Müttern (und Vätern): Sie müssen ihren Alltag mit den im Vergleich zu allen anderen Lebensformen niedrigsten Einkommen bewältigen, so dass sie und ihre Kinder auf eine Verbesserung ihrer finanziellen Lage dringend angewiesen sind.

Aus dem Gesagten ergeben sich vielfältige Handlungserfordernisse in unterschiedlichen Politikfeldern. Arbeitsmarktpolitische Strategien sollten betont auf den Ausbau einer familien- und personenbezogenen Dienstleistungsinfrastruktur setzen, anstatt zu meinen, hier weiter mit Ehrenamt und dem lange Jahre praktizierten „Mut zur Lücke“ fortzufahren, jüngst ergänzt um das Instrument der Ein-Euro-Jobs. Wenngleich die Bundesrepublik Deutschland auch in Zukunft ein wichtiger Industriestandort bleiben wird, ist der Wandel zu einer Dienstleistungsgesellschaft unverkennbar und sollte durch staatliche „Markteinführungshilfen“ offensiv und zielgerichtet begleitet werden. Dabei geht es nicht in erster Linie um unternehmensnahe computergestützte Dienstleistungen, sondern um die schrittweise Besserstellung der feminisierten Dienstleistungsberufe, um ihre höhere Wertschätzung und weitere Professionalisierung, wie es andere europäische Länder bereits seit Jahren praktizieren. Die Lebensqualität von Kindern, Familien und pflegebedürftigen Gesellschaftsmitgliedern hängt perspektivisch ganz entscheidend von einem flexiblen und vielfältigen Angebot an solchen Diensten und einer bedarfsorientierten Qualifizierung des Personals mit hoher Schnittstellenkompetenz ab. Deshalb brauchen wir dringend eine öffentliche Diskussion über die Standards in der Kinderbetreuung, der Ernährung, Bildung, Gesundheit und Pflege. Viel zu lange waren diese Tätigkeiten „unsichtbar“ in den Privatbereich verbannt und gesellschaftlich gering geschätzt. Der Ausbau einer vitalen familienergänzenden Infrastruktur hätte drei positive Wirkungen: zum einen wäre das eine wichtige Ermutigungsstrategie zum Leben mit Kindern für AkademikerInnen, zum zweiten böte sie Kindern und Eltern aus benachteiligten Familien vielfältige Unterstützung im Sinne einer systematischen Armutsprävention und würde dadurch Folgekosten in Milliardenhöhe vermeiden. Drittens schließlich könnten auf diesem Wege in den Kommunen rationalisierungsresistente Beschäftigungschancen für unterschiedliche Qualifikations- und Berufsgruppen entstehen.

In der Bildungspolitik ist eine Abkehr von der einseitigen Fixierung auf die Vermittlung von Kompetenzen zur Vorbereitung auf das Erwerbsleben von Nöten. Beispielsweise besteht mit dem Ausbau von Ganztagsschulen die Chance, Kindern und Jugendlichen an ihren Lern- und Lebensorten vielfältige Angebote zu unterbreiten, die ihre körperliche und geistige Entwicklung in jeder Hinsicht befördern, ein Lernen und Be-greifen ihres Umfeldes mit allen Sinnen und zwar unabhängig von ihrer sozialen Herkunft. Das beginnt am Lern- und Lebensort „Schule“ mit einer ausgewogenen Pausen- und Mittagsverpflegung, die in ihrer Bedeutung der Vermittlung von notwendigen Kompetenzen im Lesen, Schreiben und Rechnen keineswegs nachsteht. Gerade Pädagogen neigen jedoch häufig dazu, die ernährungsphysiologische Grundwahrheit zu unterschätzen, dass die Konzentrations- und Lernfähigkeit von Kindern unter anderem substantiell auch von ihrer Versorgung mit Nährstoffen und Vitaminen sowie von einer ausreichenden Flüssigkeitszufuhr abhängt. Da Kinder in ihren Herkunftsfamilien teilweise nicht mehr optimal versorgt werden und auch die notwendigen Kulturtechniken und Alltagskompetenzen häufig nicht mehr erwerben, gilt es diese Themen in den Alltag von Kindergarten und Schulen systematisch zu integrieren und Kinder auch stärker in den Prozess der Mahlzeitenvor- und -zubereitung einzubeziehen. Der Tatbestand, dass heute bereits zwischen 7 und 10 % der Kinder adipös (fettleibig) und weitere 25 bis 30 % übergewichtig sind, zeigt den Ernst der Lage hinreichend an.

Mit dem geplanten Ausbau von Ganztagsbetreuungsangeboten ergibt sich darüber hinaus die Chance, in den konkreten Erfahrungs- und Lernzusammenhängen von Kindern und Jugendlichen zu vermitteln, dass die Familienarbeit keineswegs selbstverständlich oder gar „naturgegeben“ in den Zuständigkeitsbereich von Mädchen und Frauen fällt, sondern Aufgabe beider Geschlechter ist. Bislang jedoch wird eine differenzierte Auseinandersetzung mit den tradierten Geschlechterrollenmustern in der Schule kaum geführt. Eher wird den Mädchen die Illusion vermittelt, dass ihnen später alle Chancen offen stehen, wenn sie sehr (gute) Schulabschlüsse erreichen. Demgegenüber gibt es bis heute eine Schweigespirale in Sachen Haus- und Fürsorgearbeit, für deren Übernahme Frauen nach wie vor verantwortlich gemacht werden, sobald sie sich für Kinder entscheiden. Auch die daraus folgenden negativen Konsequenzen für ihre Berufsperspektive, ihr Lebenserwerbseinkommen und ihre Altersicherung werden nicht thematisiert. Erst im Übergang zur Elternschaft wird zudem deutlich, dass die Erwartungshaltungen beider Geschlechter an eine Partnerschaft mit Kindern teils erheblich divergieren. Das beeinflusst die Qualität der Partnerschaft negativ: die gegenseitige Wertschätzung, gemeinsame Unternehmungen und Zärtlichkeit nehmen nach der Geburt eines Kindes ab, fast die Hälfte der Paarbeziehungen sind nach fünf Jahren auf dem Tiefpunkt angelangt. Der „Rückzug der Männer aus der Familie“ zugunsten von Erwerbsarbeit und Karriere hat aber noch einen weiteren fatalen Effekt: Als Erwachsene treffen Männer in den verschiedensten (Führungs-)Positionen von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik vielfach Entscheidungen, die aufgrund der ihren i.d.R. fehlenden Fürsorge- und Alltagskompetenzen (bzw. aufgrund des Mangels an Wertschätzung diesen Aufgabenbereichen gegenüber) nicht sachkundig und bedarfsgerecht ausfallen. Deshalb müssen wir Jungen und jungen Männern in Zukunft Erfahrungs- und Lernfelder von fürsorglicher Praxis eröffnen. Nur so lässt sich ein gesellschaftliches Leitbild umsetzen, das Männer und Frauen für die Erwirtschaftung ihres Unterhalts durch eigene Erwerbsarbeit gleichermaßen verantwortlich macht wie für die entlang des Lebensverlaufs anfallenden Fürsorgeverpflichtungen gegenüber Kindern, kranken und pflegebedürftigen Familienmitgliedern.

Dieses Zukunftsmodell eines verantwortlichen Erwachsenendaseins für beide Geschlechter braucht sozialpolitische Flankierungen. Bisher wirken sich Unterbrechungen der Erwerbbiographie nachteilig für die aktuelle Lebenssituation aus, aber auch für die beruflichen Wiedereinstiegschancen und die Alterssicherung. Lücken in der Erwerbsbiographie und die Annahme von prekären Beschäftigungsverhältnissen sind oft gleichbedeutend mit Lücken in der Versicherungsbiographie. Während Männer entlang ihrer Erwerbsbiographie bislang ganz überwiegend in Vollzeit arbeiten, geht der Zuwachs der Erwerbsbeteiligung von westdeutschen Frauen wesentlich auf eine Zunahme von ungeschützten Beschäftigungsverhältnissen mit einer Wochenarbeitszeit von weniger als 20 Stunden zurück, wohingegen der Anteil der in Vollzeit erwerbstätigen Frauen seit 1991 stagniert. Zuzüglich der familienbedingten Unterbrechungen von Erwerbsarbeit ergeben sich daraus kumulative Nachteile für die Lebenserwerbseinkommen und Berufsbiographien von Frauen. Das Leitbild der/s Erwerbstätigen, die/der im Lebensverlauf zugleich auch familiale Fürsorgeaufgaben zu übernehmen hat, kann demnach nur dann durchgesetzt werden, wenn einerseits eine Kontinuität in der Erwerbsbiographie für beide Geschlechter angestrebt wird, andererseits aber auch Unterbrechungen der Erwerbsverläufe lebbar werden zwecks Anpassung der Erwerbsbiographie an Anforderungen zum Beispiel für (Weiter)bildung oder Fürsorgeverpflichtungen im Sinne von „garantierten Optionalitäten“. Das schließt die verstärkte Förderung von Übergängen aus Phasen der Familienarbeit, der (Weiter-)bildung oder der Arbeitslosigkeit in die Erwerbsarbeit und umgekehrt ein. Darüber hinaus braucht es Wiedereinstiegshilfen nach Elternzeit- und Pflegeunterbrechungen, aber auch Möglichkeiten des Wechsels zwischen Vollzeit- und Teilzeit. Außerdem steht eine Reorganisation des Beginns und des Endes von Erwerbsbiographien an: Sowohl die Eintrittsphase in das Erwerbsleben als auch die Austrittsphase haben sich mehr und mehr zu eigenständigen Phasen entwickelt. Kürzere Schul- und Ausbildungszeiten könnten ebenso wie bessere Bedingungen der Vereinbarkeit von Ausbildung und Familiengründung zur Dekompression von Erwerbsbiographien beitragen, was angesichts der hohen Lebenserwartung und bei einer flexiblen Gestaltung der Ausstiegsphase machbar wäre. Nur so ließe sich die „Rush-Hour of Life“ schrittweise auflösen, d.h. die Konzentration von Aufgaben im mittleren Lebensalter, nämlich berufliches Engagement, Familiengründung und Fürsorgeaufgaben für Kinder bzw. pflegebedürftige Angehörige synchron bewältigen zu müssen.

Für kommunale Akteure heißt das, diese veränderten Realitäten zum Ausgangspunkt für eine nachhaltige Politik für Familien zu machen und über eine integrierte Arbeitsmarkt-, Bildungs-, Wohnungsbau- und Infrastrukturpolitik zugleich eine weitere soziale Spaltung von Städten und Regionen zu vermeiden, das heißt die Kluft zwischen privilegierten und sozial benachteiligten Stadtteilen bzw. Regionen möglichst zu vermindern. Kommunale Akteure müssen sich vor allem auch klar machen, dass benachteiligte Bewohner ohne Bildungs und Berufsabschlüsse in der Regel nicht umziehen, d. h. ihre mangelnde gesellschaftliche Integration auch für die Kommune zu sich kumulierenden Problemen und Folgekosten führt. Somit dürften sich staatliche und kommunale Investionen in frühkindliche Bildung und Erziehung unter Einbindung des Elternhauses als gut angelegte soziale und auch ökonomische Zukunftsinvestitionen erweisen. Der dänische Sozialpolitiker Esping-Andersen hat dafür den Begriff einer „neuen kindzentrierten Investitionsstrategie“ kreiert, denn: Bürgerinnen und Bürger eignen sich einen Großteil jenes Kapitals in der Kindheit an, das sie später auf der Suche nach einem guten Leben einsetzen können.

Der von der Sachverständigenkommission des 7. Familienberichts geforderte Dreiklang von Infrastruktur-, Zeit und Geldpolitik für Familien wird nur dann im Familienalltag spürbar, wenn Kommunen, ausgehend von einer differenzierten Bestandsaufnahme der Bedarfslagen von Familien vor Ort den politischen Willen haben, notwendige strukturelle Veränderungen vorzunehmen und die kommunalen Akteure und Ressourcen zielorientiert zu aktivieren und zu vernetzen. Es geht wesentlich darum, die historisch gewachsenen geschlechtersegregierten Zeitstrukturen und räumlichen Distanzen zwischen jenen Einrichtungen und Orten zu überwinden, die heute den Alltag von Familien zwischen Arbeitswelt und der Sorgearbeit für Kinder, aber auch für ältere Familienangehörige so schwierig machen, besonders für die Mütter. Je besser es einer Kommune gelingt, das Bildungskapital der ortsansässigen jungen Frauen- und Männergeneration zu halten oder anzuziehen , sie zur Realisierung ihrer Kinderwünsche zu ermutigen, Bedingungen für mehr Bildungsgerechtigkeit aller Kinder aus unterschiedlichen Schichten unter Einschluss der Kinder mit Migrationshintergrund zu fördern und Familien später auch bei der Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Pflege von Angehörigen zu unterstützen, um so höher wird die Lebensqualität, die Wirtschaftskraft und Attraktivität für potentielle Investoren der betreffenden Kommune sein. Denn: Familien sind die besten Investoren in soziale Netzwerke. Junge Paare mit guter Ausbildung und Arbeitsmarktchancen haben Kaufkraft und schaffen mit ihrer Nachfrage nach Konsumgütern und Dienstleistungen letztlich auch Arbeitsplätze für BewohnerInnen mit mittlerer und niedriger Bildung.

 

 

 

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Montag, 8. Januar 2007. Die letzte Aktualierung erfolgte am Montag, 8. Januar 2007. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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