Beschlüsse Landessynode 2004

Namibia

An dieser Stelle dokumentieren wir die Beschlüsse der Landessynode. Hinweis: Rechtlich verbindlich ist nur die im Protokoll autorisierte Version der Beschlüsse.

Beschluss:

Erinnern, versöhnen, gemeinsam Zukunft gestalten
100 Jahre – Beginn des antikolonialen Befreiungskrieges in Namibia

Am 12. Januar 2004 jährt sich zum 100. Mal der Beginn des Kolonialkrieges im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika, in dessen Verlauf bis zum Ende im Jahre 1908 große Teile des Volkes der Herero, aber auch der Nama und der Damara vernichtet worden sind. Die Entrechtung dieser Völker führte zu Landenteignungen, Vertreibungen, Passgesetzen, Zwangsarbeit und zur Trennung von Klein- und Großfamilien. Die historische Forschung bezeichnet diese Vernichtung heute mit großer Übereinstimmung als kolonialen Völkermord und stellt diesen Genozid in die Reihe der Völkervernichtungen des 20. Jahrhunderts.

Die Rheinische Missions-Gesellschaft, eine der Vorgängerinstitutionen der Vereinten Evangelischen Mission, die seit 1842 in Namibia gearbeitet hatte, war mit beiden Kriegsparteien verbunden und so in einem doppelten Loyalitätsverhältnis gefangen. Dies gilt auch für die in Namibia tätigen rheinischen Missionare, die einerseits für die Belange der heimischen Bevölkerung eintraten, aber andererseits mit den Kolonialbehörden zusammenarbeiteten. So hat auf deren Bitte hin die Rheinische Missions-Gesellschaft Überlebende des Krieges gesammelt, die dann in Konzentrationslagern der Kolonialregierung interniert wurden, in denen ein großer Teil der gefangenen Namibier ums Leben kam. Diese doppelte Loyalität bestimmte die Haltung der Mission auch während großer Perioden der südafrikanischen Mandatsherrschaft über Namibia.

Auch 100 Jahre nach Beginn des antikolonialen Widerstandskrieges in Namibia stellen sich hinsichtlich der Rolle von Kirche und Mission noch viele Fragen zu diesem „dunkelsten Kapitel in der gemeinsamen Geschichte Deutschlands und Namibias“ (so der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Präses Manfred Kock, anlässlich eines Besuchs in Namibia im Jahr 2000).

Das Jahr 2004 ist deshalb ein besonderer Anlass, im Dialog mit den Nachkommen der Herero, Damara und Nama und der gesamten namibischen Gesellschaft der Opfer des Völkermordes und des antikolonialen Widerstandskrieges zu gedenken, sie dem Vergessen zu entreißen, an Schuld und die Ursachen und Folgen der Verbrechen der Kolonialzeit zu erinnern und so einen Beitrag zur Versöhnung und Vertiefung der Beziehung zwischen Deutschen und Namibiern zu leisten.

Gemeinsam mit ihren Brüdern und Schwestern in Namibia wird die Evangelische Kirche im Rheinland die Folgen für ihr gegenwärtiges Handeln angesichts gewaltsamer Konflikte in vielen Teilen dieser Welt bedenken, Begegnungen und Gespräche zwischen Menschen aus Deutschland und Namibia ermöglichen, um so Zukunft gemeinsam zu gestalten.

Die Evangelische Kirche im Rheinland und die Vereinte Evangelische Mission haben sich zu ihrer besonderen Verantwortung in den Beziehungen zu den Kirchen in Namibia bekannt. Diese findet zudem konkreten Ausdruck in der Partnerschaftsarbeit zwischen Gemeinden und Kirchenkreisen unserer Kirchen.

Es ist aber folgerichtig und notwendig, die deutsch-namibische Missions- und Kolonialgeschichte weiter aufzuarbeiten und aus der Erfahrung und Perspektive unserer afrikanischen und asiatischen Partnerkirchen zu qualifizieren, auch hinsichtlich der Konsequenzen für die aktuelle Missionstheologie und –praxis (z.B. in Ruanda, im Kongo und in Westpapua).

Die Vereinte Evangelische Mission wird gebeten, auf der Generalversammlung 2004 des namibischen antikolonialen Widerstandes und der Opfer des Genozid in Namibia zu gedenken, in der Perspektive, die ihr Moderator, Bischof Dr. Zephania Kameeta, formuliert hat: „Aus der Asche der Vernichtung ist eine lebendige Kirche entstanden... In all den Schrecken der Vernichtung ist Gott in der Geschichte wirksam gewesen.“

Die Evangelische Kirche in Deutschland wird aufgefordert, ihre Verantwortung hinsichtlich der Kolonialgeschichte gegenüber den Kirchen in Namibia auch in einer öffentlichen Erklärung zu formulieren und ihren Beitrag zur Vereinigung der drei lutherischen Kirchen in Namibia zu intensivieren.

An koloniale Verbrechen in Namibia zu erinnern, fordert und verpflichtet aber nicht nur uns als Kirchen, sondern unsere ganze Gesellschaft.

Die Bundesregierung und der Bundestag werden anlässlich des Jahres 2004 dazu aufgerufen, die von Parlament und Regierung zum Ausdruck gebrachte besondere Verantwortung Deutschlands in den Beziehungen mit der Republik Namibia zu bekräftigen und dies durch konkrete Maßnahmen in der Gestaltung der bilateralen Beziehungen zum Ausdruck zu bringen.

Wir bitten die Bundesregierung anlässlich der Erinnerung an die Ereignisse der Jahre 1904-1907, sich ausdrücklich zur Verantwortung Deutschlands für die Verbrechen des Kolonialismus und des Rassismus auf dem Gebiet des heutigen Namibia, insbesondere des Völkermordes an den Herero, Damara und Nama, zu bekennen.

Wir bitten die Bundesregierung, vor diesem Hintergrund einen besonderen Beitrag im Rahmen ihrer Entwicklungszusammenarbeit und darüber hinaus für die Fortführung einer Landreform zu leisten, durch die die kolonialgeschichtlich verursachte ungleiche Verteilung von kommerziell genutztem Farmland in Namibia korrigiert wird.


(Einstimmig)


 

 

 

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Donnerstag, 15. Januar 2004. Die letzte Aktualierung erfolgte am Donnerstag, 15. Januar 2004. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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