Interview mit Mitri Raheb (Bethlehem)

Auch heute einen Olivenbaum pflanzen

Hoffnung auf eine bessere Zukunft ist ein rares Gut in Palästina. Aber es gibt sie. Mitri Raheb ist seit 1988 Pfarrer an der evangelisch-lutherischen Weihnachtskirche in Bethlehem. Für EKiR.de sprach Karin Vorländer mit Pfarrer Mitri Raheb.

Das Grundgefühl der meisten Menschen in Palästina ist Untergangsstimmung, aber Christen leben aus Hoffnung und in Hoffnung und auf Hoffnung hin: Pfarrer Mitri Raheb. Das Grundgefühl der meisten Menschen in Palästina ist Untergangsstimmung, aber Christen leben aus Hoffnung und in Hoffnung und auf Hoffnung hin: Pfarrer Mitri Raheb.

Bethlehem gehört mit den Nachbarorten Beit Jala und Beit Sahur zum Siedlungsschwerpunkt der Minderheit der arabischen Christinnen und Christen, die landesweit zwei Prozent der Bevölkerung ausmachen. Im Raum Bethlehem liegt der Anteil bei 30 Prozent.

Zur Gemeinde gehört auch das 1995 gegründete „International Center of Bethlehem – Dar Annadwa Addavilyya“, das sich besonders dem Wohl und der Ausbildung von Kindern, Jugendlichen und Frauen und der Begegnung unterschiedlicher Bevölkerungsschichten widmet.

Die Dar al-Kalima-Schule, eine Fachhochschule sowie ein medizinischer Dienst gehören ebenfalls zum Zukunftsprogramm der Gemeinde. Mitri Raheb ist zudem Mitglied der im September gegründeten Deutschen Initiative für den Nahen Osten (DINO), die es sich zum Ziel gesetzt hat, Verständnis für die komplizierten Zusammenhänge in der Region zu schaffen und zur Friedenslösung beizutragen.

 

 

Die Weihnachtskirche in Bethlehem, besprayt mit dem Kampfbegriff Dschihad. LupeDie Weihnachtskirche in Bethlehem, besprayt mit dem Kampfbegriff Dschihad.

Hat die christliche Gemeinde in Palästina Zukunft? Viele christliche Palästinenserinnen und Palästinenser wandern aus.

Insgesamt stimmt das. Es wandern mehr und mehr Christen aus Palästina aus. Vor allem die gut ausgebildeten. Es wandern auch Muslime aus. Aber dadurch, dass die Christen so klein an Zahl sind, merkt man das natürlich eher. Für unsere Gemeinde stimmt dieser Trend aber nicht. In den letzten fünf Jahren sind nur zwei Gemeindemitglieder ausgewandert. Bei uns gibt es die gegenteilige Tendenz, dass junge Palästinenser, die im Ausland leben, zurückkehren, weil sie von unserer Vision und unserer Arbeit angesteckt worden sind. Sie möchten hier beim Aufbau einer Zukunft und einer zivilen Gesellschaft beitragen.

Auf welche Weise bekommt die Evangelische Gemeinde in Bethlehem neue Mitglieder?

Vor allem durch die Taufe von Kindern. Wir haben hier in Bethlehem im Jahr viel mehr Taufen als Beerdigungen. Die Zahlen sind stabil, sogar mit einer kleinen Tendenz zum Wachsen. Ab und zu kriegen wir neue Mitglieder, die aus einem anderen Hintergrund kommen und sich entschließen, evangelisch zu werden. Aber wir sind da sehr vorsichtig. Wir müssen wirklich immer sehen, dass die Leute wirklich aus voller Überzeugung als Christen in unsere Gemeinde kommen.

Die politische und wirtschaftliche Situation im Land wird seit Jahren immer schwieriger. Im September erst hat Israel 14 Prozent des Stadtgebietes von Bethlehem konfisziert, um die Mauer zu bauen, die Bethlehem bald von drei Seiten umgeben wird. Es gibt innerpalästinensische Kämpfe. Seit Monaten fällt die Schule aus.70 Prozent der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze. Wo nehmen Sie die Kraft her, überhaupt von Zukunft zu sprechen?

Das Grundgefühl der meisten Menschen hier ist Untergangstimmung. Hoffnung hat für mich mit meinem christlichen Glauben zu tun. Als Christen leben wir aus Hoffnung und in Hoffnung und auf Hoffnung hin. Das ist nichts Theoretisches. Die Zukunft wird nicht einfach von allein kommen. Wir müssen sehr hart dafür arbeiten, damit sie entsteht. Wir versuchen viel an Infrastruktur aufzubauen. Wenn ich erlebe, dass junge christliche Palästinenser ihr Dasein in den USA aufgeben und hier hin zurückkommen, dann macht mir das Mut. Wenn ich die Kinder und die Jugendlichen sehe, die hier im Kulturzentrum ihre Talente entdecken und entfalten, dann gibt mir das immer wieder Hoffnung. Für uns gilt das Wort Martin Luthers: Wenn ich wüsste, dass die Welt morgen untergeht… Die einzige Alternative, die wir haben ist: heute in den Garten gehen und Olivenbäume pflanzen. Heute, nicht morgen. Denn morgen ist zu spät. Alles was wir machen, ist Olivenbäume pflanzen. Ob das das Kulturzentrum ist, die neue Dar al-Kalima-Schule oder die neue Fachhochschule.

An Ihrer Kirche, der evangelischen Weihnachtskirche, haben unbekannte Sprayer das arabische Wort für „Heiliger Krieg“ gesprüht. Macht Ihnen das Angst?

Nein, so eine Sprayerei ist ärgerliche Umweltverschmutzung und Geldverschwendung. Aber sie macht uns keine Angst. Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft. Wir sind aufgerufen, uns nicht zu fürchten – und nicht panisch zu reagieren. Und wir sind im Kontext der Instrumentalisierung von Religionen aufgerufen, für eine neue Form von tiefer Spiritualität zu sorgen. Es scheint, dass wir als Christen in Zeiten wie diesen am meisten gebraucht werden. Es ist unsere Berufung, eine Vision neuer Hoffnung anzubieten. Ich empfinde es nicht nur als Herausforderung, sondern auch als Ehre und als Privileg, daran mitzuwirken.

 

 

 

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Montag, 20. November 2006. Die letzte Aktualierung erfolgte am Dienstag, 21. November 2006. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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