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Ausstellung 'Der geteilte Himmel' Blick in die Ausstellung "Der geteilte Himmel"

Ausstellung

"Der geteilte Himmel" über dem Ruhrgebiet

Das religiöse Leben im Ruhrgebiet ist bunt. Mehr als 250 Glaubensgemeinschaften allein in Essen und Umgebung haben die Ausstellungsmacher der Schau „Der geteilte Himmel. Reformation und religiöse Vielfalt an Rhein und Ruhr“ für die Gegenwart gezählt.

Noch vor dem eigentlichen Eingang zur Schau ziehen die Namen der vielen unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften auf weiße Fahnen gedruckt die Aufmerksamkeit auf sich. „Das ist die Vielfalt des Glaubens, die wir heute hier haben. Und das ist ganz eindeutig eine Frucht der Reformation: Die Möglichkeit der freien Entscheidung zur Religion. Das wäre zur Zeit von Luther undenkbar gewesen“, erklärt Dr. Rolf-Michael Hilkenbach an dieser Stelle. Der Museumspädagoge führt eine interessierte Besuchergruppe durch die Ausstellung im Ruhrmuseum in Essen.

"Hat etwas in den Köpfen der Menschen ausgelöst"

Im Fokus der Schau steht die Entwicklung der Religionen an Rhein und Ruhr während und seit der Reformation. Dafür wird zunächst ein Blick auf den Zustand der katholischen Kirche vor 1517 geworfen. „Es ging um die Frömmigkeit: Wie kann sich der Mensch dem Wirken Gottes öffnen“, erläutert Dr. Hilkenbach. Gezeigt werden Beispiele für die Verehrung von Heiligen, Reliquien und der Mutter Gottes - wie eine Marienstatue aus Holz, die etwa 1460 angefertigt worden ist. Natürlich geht es auch um den Ablasshandel – bekanntermaßen ein Hauptkritikpunkt Luthers. Das Ausmaß der Kommerzialisierung dieser kirchlichen Praxis verdeutlicht ein vorgedruckter Ablassbrief von 1517, bei dem nur der Name handschriftlich eingetragen werden musste.

Große Bedeutung käme aber auch der Schrift Luthers „Über die Freiheit des Christenmenschen“ zu, betont Dr. Hilkenbach. „Die war zentral und hat etwas in den Köpfen der Menschen ausgelöst.“ Darin beschreibt Luther den richtigen Weg der Menschen zum Glauben und dass die Seele - anders als der Körper - frei sei. „Ohne diesen Gedanken von der Freiheit des Christenmenschen hätten wir heute sicher nicht im Grundgesetz die Glaubensfreiheit stehen und es gäbe keine Säkularisierung“, meint Dr. Hilkenbach.

Erasmus von Rotterdam, Melanchthon und Calvin

Doch Luther war nicht der einzige Kirchenkritiker. Anderen widmet sich die nächste Station der Schau. Zum Beispiel Erasmus von Rotterdam, Philipp Melanchthon und Johannes Calvin. Ein Bild von Albrecht Dürer zeigt den bedeutenden Humanisten Erasmus von Rotterdam schreibend an einem Pult, umgeben von Büchern und Briefen. Auf einem Kupferstich aus dem 17. Jahrhundert sind Luther und Calvin in einem Religionsgespräch mit Vertretern der Reformation aus verschiedenen Ländern zu sehen. "Calvin betonte den sakramentalen Charakter der Predigt“, erläutert Dr. Hilkenbach.

Eine große regionale Bedeutung wird Hermann Hamelmann beigemessen, der als Reformator Westfalens gilt. „Der hat sich sehr für die Volksbildung eingesetzt. Auf ihn geht auch die Idee einer Volksschule zurück“, sagt Dr. Hilkenbach den Besuchern. Die Ausstellung präsentiert eine Gegenschrift zu einem Flugblatt Hamelmanns an die Bürgerschaft Dortmunds, in der er 1562 unter anderem den Gebrauch der deutschen Sprache während des Gottesdienstes gefordert hatte.

Immer wieder arbeitet der Museumsführer die Unterschiede zwischen der katholischen und der evangelischen Kirche heraus, beziehungsweise. die Besonderheiten der verschiedenen Richtungen, die sich in der Folge der Reformation bildeten. Dazu gehören zum Beispiel die Evangelisch-Reformierten, die sich ganz auf die Verkündigung des Evangeliums konzentrieren und ihre Kirchen betont schlicht halten. Als Beispiel ist ein vergoldeter Abendmahlskelch der reformierten Gemeinde in Schwerte aus dem Jahr 1658 zu sehen.

Jan van Leiden nannte sich "König der Täufer"

Ein weiteres Thema ist die Bewegung der Wiedertäufer, heute Täufer genannt. Sie kritisieren die Kindstaufe und taufen erst Erwachsene. In Münster errichtete Jan van Leiden eine Hochburg der Täufer und übte als selbsternannter „König der Täufer“ eine Schreckensherrschaft aus. „Die Leute waren froh, als sie ihn loswurden“, beschreibt Dr. Hilkenbach das Ende, als die Katholiken Münster zurückeroberten – und van Leiden und einen Mitstreiter qualvoll folterten und ihre Leichen in eisernen Körben am Turm von St. Lamberti in die Luft zogen. Die Herstellung von Medaillen, auf denen Jan van Leiden abgebildet war, verdeutlicht das große Interesse der Zeitgenossen am Täuferreich in Münster. Einige davon sind in der Schau zu sehen.

„Was ist wichtig an dieser Bewegung?“, fragt der Museumsführer resümierend zu den Täufern und setzt fort: „Es kristallisiert sich ein Mann heraus, der als Sprecher gesehen wird: Das war Menno Simons. Deswegen nennt man sie auch die Mennoniten", erklärt er, und sagt weiter: "Hutterer, Baptisten, Amish People in den USA: Das alles kommt aus dem Bereich der Wiedertäufer-Bewegung.“ Denn im 18. Jahrhundert wanderten viele Mennoniten aufgrund der Bedrohung in Westeuropa nach Nordamerika aus.

Eine weitere Station der Ausstellung widmet sich dem tätigen Christentum. „Nächstenliebe und Barmherzigkeit im Christentum sind klar. Aber dass man sich gesamtgesellschaftlich großen Aufgaben widmet wie der Krankenpflege, der Erziehung, der Bildung, das ist eine Frucht der Reformation“, weiß Dr. Hilkenbach. Gezeigt werden Beispiele der katholischen und evangelischen Kirche sowie des Judentums: die Tracht einer Diakonissin aus Düsseldorf-Kaiserswerth, ein Rosenkranz der Barmherzigen Schwestern zu Essen, der Bericht des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen in Köln.

Rhein-Ruhr-Gebiet hat hohe religiöse Pluralität

Pietismus und Gegenreformation sind weitere Stichworte, die in der Schau erläutert werden. Zum Schluss geht es dann um die gegenwärtige Vielfalt der Religionsgemeinschaften. „Das Rhein-Ruhr-Gebiet gehört heute, wie Berlin, Tokio, Mumbai oder New York, zu den Ballungszentren mit dem höchsten Grad an religiöser Pluralität“, heißt es auf einer Tafel. Einige von ihnen, wie der Islam, der Buddhismus, der Hinduismus und das Judentum werden näher erläutert, und Ähnlichkeiten der Religionen untereinander aufgezeigt: eine Tora-Rolle, eine Koran-Handschrift, hinduistische Veden und buddhistische Lehrsätze zeigen beispielsweise, dass auch andere Religionen heilige Schriften haben. Das gleiche gilt für Gebetsketten. Auch Musik wird in allen Religionen als Botschaftsträger genutzt, es werden Beispiele für Gebets- und Gotteshäuser gezeigt, für Feste und Rituale, für Pilgerfahrten. Bei allen Unterschieden zwischen den Religionen zeigt die Ausstellung also, dass der "geteilte Himmel" über dem Ruhrgebiet auch ein gemeinsamer ist.

Die Ausstellung „Der geteilte Himmel. Reformation und religiöse Vielfalt an Rhein und Ruhr“ ist noch bis 31. Oktober im Ruhrmuseum in der Zeche Zollverein in Essen zu sehen und täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Sie ist Teil eines kulturellen und wissenschaftlichen Programms mit gleichem Titel, das das Forum Kreuzeskirche Essen, das Martin Luther Forum Ruhr und das Ruhr Museum gemeinsam veranstalten.

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ekir.de / Alexandra Stoffel / Foto: Ruhr Museum/ Deimel + Wittmar / 02.10.2017



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