Interview aus Afghanistan

Präses: Entscheidend ist der zivile Aufbau

Zuhören, was Soldatinnen und Soldaten, Militärseelsorge, NGO’s und Einheimische sagen: Mit Präses Nikolaus Schneider, bis Samstagspät auf Pastoralreise in Afghanistan, telefonierte Anna Neumann.

Präses Nikolaus Schneider. Foto Archiv ekir.de/Hans-Jürgen Vollrath LupePräses Nikolaus Schneider. Foto Archiv ekir.de/Hans-Jürgen Vollrath

Sie haben gesagt: „Ich bin gekommen, um zuzuhören.“ Was hören Sie?
Ich höre ganz verschiedene Stimmen - von Soldatinnen und Soldaten, von Verantwortlichen der Nichtregierungsorganisationen, von Menschen hier in Afghanistan selber. Von den Soldatinnen und Soldaten höre ich, was sie zu ihrem Einsatz und ihrem Erleben sagen. Das hat eine Grundmelodie: Alle sind der Meinung, dass der Dienst hier wichtig und sinnvoll ist. Diese Grundmelodie unterscheidet sich dann aber in der Frage, inwieweit der Einsatz zu einem erfolgreichen Ende geführt werden kann. Einige sagen: „Wir sind gut unterwegs und auf dem richtigen Weg, das kriegen wir hin.“ Es gibt andere, die sind viel skeptischer. Sie sagen: „Wir sind hier lange nicht über den Berg, und ob der Einsatz wirklich gelingt, das muss man mal sehen.“ Und dann höre ich natürlich sehr viel Persönliches. Sehr bewegend war heute das Gespräch mit Menschen aus Einheiten, die von Aufständischen angegriffen wurden und unter Feuer kamen.

Auch unterschiedliche Sicherheitskonzepte waren Gesprächsthema.
Die Verantwortlichen haben uns erklärt: Wenn Militärs von Sicherheit reden, meinen sie einen großen Raum, den sie absichern, so dass man sich in ihm frei bewegen kann, aus dem Aufständische herausgedrängt werden, damit sich ziviles Leben entwickeln kann. Die Vertreter der zivilen Entwicklungsorganisationen, die wir ja auch besucht haben, sagen: Über diese nötige Form von Sicherheit hinaus brauchen wir eigentlich eine völlig andere Sicherheit – nämlich das Vertrauen und die Zustimmung der Bevölkerung.

Diese darf gut und gern durch Polizei abgesichert sein.
Wir haben auch mit Polizisten gesprochen, die hier afghanische Polizei ausbilden. Das hat sich nach unserem Eindruck viel getan. Sie steigern ihre Ausbildungszahlen im Augenblick ganz enorm, verdoppeln sie geradezu, jedenfalls hier in Masar-i-Scharif. Bisher wurden 400 Polizisten ausgebildet, ab März werden es 800 sein.

Stichwort Gespräche mit zivilen Aufbauhelfern. Wen haben Sie getroffen?
Wir haben eine Schule für 3000 Mädchen besucht, ihre Direktorin und einige Frauen aus dem Kollegium gesprochen, ich habe auch mit dem afghanischen Architekten des neuen, von einer deutschen Hilfsorganisation gesponsorten Schulgebäudes geredet. Da spürten wir die Freude und den Stolz, dass sie jetzt in ihrem neuen Schulgebäude ganz andere Möglichkeiten haben. Dann war ich in einem Lehreraus- und –fortbildungszentrum. Ich habe mit einer Verantwortlichen eines Frauenhauses geredet, außerdem mit einem Vertreter von Programmen zur gewaltfreien Konfliktbereinigung. Und mit vielen mehr: Die Christoffel-Blindenmission ist hier unterwegs, die Kindernothilfe aus Duisburg, die Diakonie-Katastrophenhilfe. Das alles macht deutlich: Die Debatte in unserem Land hat eine gewisse Schieflage, sie ist auf das Militärische fokussiert. Aber das eigentlich Entscheidende ist der zivile Aufbau. Ich hätte nicht gedacht, dass so viel passiert, dass so viele Menschen hier engagiert sind.

Die Reise hat sich gelohnt?
Ja! Es hat sich gelohnt. Ich bin natürlich nun nicht plötzlich Experte für Afghanistan, nicht nach drei Tagen. Aber ich habe einen unmittelbaren, differenzierten Eindruck gewonnen und die Realität dieses Landes mit allen Sinnen aufgenommen.

Wie schwer belastet das neue Konzept des offensiveren Vorgehens die Soldatinnen und Soldaten?
Das belastet sie sehr schwer. Ich habe ja von der Einheit gesprochen, die unter Feuer kam, deren Zugführer habe ich auch gefragt: „Was macht das mit Ihnen?“ Da sagte er: „In solch einer Situation funktioniert man nur. Was das mit mir macht, werde ich vermutlich erst erfahren, wenn ich in vier Wochen zu Hause bin und mich dann damit auseinandersetzen kann.“ Die Kriegserfahrung verändert die Menschen, das ist völlig klar. Wie sie sie verändert, wird unterschiedlich sein. Derjenige, der gut darüber reden kann, wird das besser verarbeiten und in seine Persönlichkeit und sein weiteres Leben integrieren können, als einer, der nicht darüber reden kann. Manche Menschen, die im Krieg waren, tragen Schäden an ihrer Seele davon, die nicht mehr reparabel sind.

Was kann hier die Militärseelsorge leisten?
Die Militärseelsorge hat hier, wie ich sehe, zwei wichtige Funktionen: Zum einen das Feiern, die Gottesdienste, der Gesang, die Abende, die sie hier gestalten. Sie sorgt dafür, dass Menschen in einer qualifizierten Weise Gemeinschaft haben, Gott feiern und gerne zusammen sind. Die andere Funktion ist die Seelsorge, die Menschen begleitet in ihren Fragen nach Schuld und der eigenen Verwicklung in Schuld. Es geht nicht darum, alles einfach in Schwarz und Weiß aufzulösen, sondern diese Situation mit den Menschen auszuhalten und sie zu begleiten bei der persönlichen Verarbeitung all dieser Fragen.

Wie war der Gottesdienst?
Sehr sehr intensiv, man merkt, die Gemeinde ist auch sonst zusammen. Beim Abendmahl kam für mich etwas ganz Irritierendes hinzu, darüber muss ich auch noch nachdenken. Die Soldatinnen und Soldaten hier haben die Anweisung, aus Selbstschutz immer eine Waffe bei sich zu tragen. Das heißt, sie waren auch im Gottesdienst mit ihren Pistolen, und sogar beim Abendmahl hatten sie ihre Pistolen im Holster stecken. Das war für mich ganz fremd. Ich habe mich gefragt, ob nicht die Gegenwart der Pistole die Gegenbotschaft zu dem ist, was im Abendmahl geschieht? Ich habe deutlich gespürt: Es ist eine außergewöhnliche Situation, die nicht vergleichbar ist mit dem, was wir unter „normalen“ Bedingungen in Deutschland erleben.

Was haben Sie gepredigt?
Ich habe gesagt: Die Soldatinnen und Soldaten sollen wissen: Wir distanzieren uns nicht von Ihnen, wir stehen zu Ihnen. Aber sie sollen auch wissen, der Krieg ist etwas Besonderes, das wir nicht rechtfertigen können, nur dass wir ihn in besonderen Situationen als alleräußerstes Mittel hinnehmen, wohl wissend, dass wir dabei in Schuld geraten. Ich habe vom Evangelium gesprochen, wonach auch die Feinde Menschen sind. Dazu habe ich das Beispiel aufgenommen, dass hier im Feldlazarett in Masar-i-Scharif auch Taliban behandelt werden. Ich habe geendet mit der Jahreslosung: „Lass Dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse durch Gutes!“

 

 

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Freitag, 4. Februar 2011. Die letzte Aktualierung erfolgte am Freitag, 4. Februar 2011. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / neu / 04.02.2011



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