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Kerzenlichtwache angesichts von Aids. Foto: unaids.org Kerzenlichtwache angesichts von Aids. Foto: unaids.org

Welt-Aids-Tag

Aus der Öffentlichkeit verschwunden

Das Thema HIV / Aids ist aus der Öffentlichkeit verschwunden, erklärt Dr. Eberhard Löschcke, Pfarrer im Gemeindedienst für Mission und Ökumene und Mitglied im Netzwerk Kirchliche Aids-Seelsorge, im ekir.de-Interview zum heutigen Welt-Aids-Tag.

Die Krankheit Aids wurde Anfang der achtziger Jahre entdeckt. Seit 1996 gibt es Medikamente, die bei HIV-Positiven den Ausbruch von Aids weitestgehend verhindern. Welche Probleme haben HIV-Infizierte heute?

Richtig. Heutzutage ist kaum jemand an Aids erkrankt, sondern leidet eher unter den vielfältigen Nebenwirkungen der Medikamente: Das Krebsrisiko – insbesondere für Darmkrebs – ist deutlich erhöht; die Betroffenen altern früher und Alterskrankheiten wie Diabetes oder Herzbeschwerden werden durch die Medikamente verstärkt. Außerdem gibt es psychische Folgen: Die Wahrscheinlichkeit für Depressionen steigt. Man darf also nicht denken, nur weil es Medikamente gegen Aids gibt, sei man aus dem Schneider und es mache nichts, wenn man sich anstecke.

Sie engagieren sich im Netzwerk Kirchliche Aids-Seelsorge. Was ist das?

Das ist der Zusammenschluss von Seelsorgern und Seelsorgerinnen im Bereich HIV und Aids. Wir möchten ein Angebot nicht nur für HIV-positive Menschen machen, sondern auch für Partner und Angehörige, für Ärzte und Pflegende. Wir versuchen, ein deutschlandweites Netzwerk aufzubauen, damit wir nicht nur in den großen Städten vertreten sind. HIV-Positive gehen häufig in Großstädte, aber ihre Eltern leben vielleicht weiter auf dem Land.

Wie arbeitet das Netzwerk?

Wir haben einmal im Jahr ein Treffen und besprechen aktuelle Themen. Beim letzten Mal war das Thema HIV und Alter, denn die Menschen, die sich in den achtziger Jahren infiziert und bis jetzt überlebt haben, die werden allmählich alt. Wenn so jemand in ein Altenheim muss, dann muss er seine Infektion angeben. Viele Heime reagieren ablehnend, weil die Unsicherheit im Umgang mit HIV immer noch sehr groß ist. Wenn ein einzelner Positiver in einem Altenheim ist, ist das auch innerhalb der Bewohnerschaft schwierig.

Das heißt die Stigmatisierung von HIV-Positiven in unserer Gesellschaft ist nach wie vor groß?

Ja. Häufig aus Unwissenheit, aber meistens gibt es eben erstmal eine Abwehr-Reaktion. Sie können auch am Arbeitsplatz nicht sagen, dass Sie positiv sind, sonst werden Sie schnell gemieden. Auch in unserer Kirche muss eine höhere Sensibilität für HIV und Aids entstehen.

Haben Sie den Eindruck, dass das Thema in der Öffentlichkeit eine zu geringe Rolle spielt?

Ja. Es war mal stark vertreten, aber es ist deutlich weniger geworden. Das hat verschiedene Gründe: Einmal, weil viele fälschlicherweise denken, durch die Medikamente sei das Problem mit HIV gelöst. Das führt zu einem sorgloseren Umgang mit der Sexualität – safer sex ist nicht mehr so wichtig. Dazu kommt, dass viele jüngere HIV-Positive sich nicht mehr outen, weil sie ihre Medikamente nehmen und erstmal niemand etwas von ihrer Infektion mitbekommt. Häufig wenden sie sich auch gar nicht mehr an die Aidshilfe, sondern besprechen sich nur mit ihrem Arzt. Auch dadurch ist das Thema weniger in der Öffentlichkeit als es früher war.

Für den Betroffenen hat das aber positive Aspekte, weil sie dadurch Diskriminierung vermeiden können...
...ja, und weil sie dann nicht auf die Rolle des HIV-Positiven reduziert werden. Auf der anderen Seite heißt das aber auch, dass diese Menschen mit ihrer Krankheit alleine sind und nicht mit jemandem drüber reden können. Aber eine Infektion kontinuierlich zu verbergen ist auch schwierig. Und da wird Kirche wichtig: Die Seelsorger können Ansprechpartner sein, denn sie sind genauso wie Ärzte zur Verschwiegenheit verpflichtet.

Die Aufklärung über die Risiken einer HIV-Infektion sollte jedenfalls wieder zunehmen?

Vorurteile überwinden ist mehr als nur Wissen. Plakate an der Bushaltestelle sind wichtig, aber sie überwinden noch keine Ängste. Da müssten wir noch viel mehr machen, aber das ist bei einem Thema, das aus der Öffentlichkeit verschwunden ist, sehr mühsam.

Wie stark ist das Thema in der Kirche präsent?

Genauso wie in der Gesellschaft: nicht durchgängig. Vor zehn Jahren bin ich durchaus häufiger angefragt worden, in den Gemeinden etwas zu diesem Thema zu sagen. Momentan bekomme ich keine Anfragen.

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ekir.de-Interview: Alexandra Stoffel / 30.11.2014



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