Tag der Archive

Blick in Briefe, Blick in Archive

Mit Ausstellungstafeln über Feldpostbriefe evangelischer Pfarrer aus dem Zweiten Weltkrieg beteiligt sich das Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland am „Tag der Archive“ am 3. März in Düsseldorf.

Die Historikerin Ruth Rockel vom Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland vor den Tafeln über die Feldpostbriefe rheinischer Pfarrer aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Historikerin Ruth Rockel vom Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland vor den Tafeln über die Feldpostbriefe rheinischer Pfarrer aus dem Zweiten Weltkrieg.

„Feuer, Wasser, Krieg und andere Katastrophen“ heißt das diesjährige Thema des bundesweiten „Tags der Archive“. Neben kleinen Ausstellungen gibt es den Tag über Präsentationen, Filmvorführungen und Beratungen, beispielsweise zu den Themen Bildarchivierung, Schriftkunde und Ahnenforschung. Die vier kirchlichen Archive der NRW-Landeshauptstadt präsentieren sich in diesem Jahr erstmals an einem gemeinsamen Stand.

Das Archiv der EKiR beteilige sich am „Tag der Archive“, weil dieser ein Schritt der Archive in die Öffentlichkeit bedeute und Schwellen abbaue, so Archivdirektor Dr. Stefan Flesch. In einem Museum, einer Bibliothek oder einer Stadtbücherei sei fast jede und jeder schon einmal gewesen, die wenigsten in einem Archiv – trotz großem und wachsendem Interesse beispielsweise an Ahnenforschung. Alte Handschriften nicht entziffern zu können ist nach Fleschs Erfahrung ein Beispiel für eine praktische Hemmschwelle. „Das macht den Umgang spröder.“ Und dem kann abgeholfen werden: beispielweise durch das ganztägige Schriftkunde-Angebot beim Tag der Archive.

Bandbreite der Archivwelt

25 Archive präsentieren sich am 3. März, darunter vier Wirtschaftsarchive. Zu den Attraktionen gehören alte Werbefilme von Henkel. Wer mag, kann sich mit der „Weißen Dame“ von Persil fotografieren lassen. Flesch: „Das Publikum bekommt die ganze Bandbreite der Archivwelt vermittelt.“

Wie der Archivdirektor berichtet, besitzt das Archiv der EKiR rund 9.000 Feldpostbriefe aus dem Zweiten Weltkrieg, allein die große Zahl sei eine Besonderheit. Bekennende Kirche (BK) und Konsistorium hätten mit ihren jeweiligen Leuten per Post den Kontakt gehalten. Deren Antworten verwahrt nun das Archiv im Landeskirchenamt. Flesch sagt, „Theologen sind schreibfreudig“, auch das erkläre die hohe Zahl der Briefe. Hauptgrund aber ist die große Zahl der Betroffenen: Die Hälfte aller rheinischen Theologen stand damals im Kriegsdienst, die jüngeren waren alle im Krieg.

Ruth Rockel, Historikerin und Archivarin im Archiv der EKiR, betont, dass Pfarrer nicht nur als Prediger und Seelsorger im Krieg waren: „Viele Leute vergessen, dass Pfarrer als Soldaten im Krieg gewesen sind.“ Lange sei durch die Zensur von Feldpost deren Bedeutung für die Geschichtsforschung unterschätzt worden. Mittlerweile sei deutlich, dass viele Briefe nicht den offiziellen Weg gingen, sondern von Kameraden, Bekannten und Freunden mitgenommen und an die jeweiligen Adressaten übergeben wurden.

Auch Briefe, die die Zensur umgingen

Und so kommt es, dass die Zensur Eindrücke vom Russlandfeldzug ausschloss. Aber in den privat versandten Briefen, „da finden Sie auch anderes“, sagt Stefan Flesch. „Wie ein böser Traum“ heißt ein Buch über Briefe evangelischer Theologen im Zweiten Weltkrieg aus dem Feld. Das Titel gebende Zitat stammt aus einem Brief eines Hilfspredigers und Leutnants an den rheinischen BK-Pfarrer: „Wenn einst dieser Krieg vorbei sein wird, wird uns das alles wie ein böser Traum erscheinen, den wir durchleben mussten.“

Die Fliedner-Stiftung Kaiserswerth legt am „Tag der Archive“ den Schwerpunkt auf Kriegsverwundete und zeigt unter anderem einen Brief von Florence Nightingale. Ruth Rockel: „Der Brief stammt aus dem Jahr 1855 aus einem englischen Lazarett beim Krimkrieg. Er ist an Caroline Fliedner gerichtet, die damalige Vorsteherin des Diakonissenhauses. Es handelt sich um ein Dankschreiben für das Angebot, Kaiserswerther Diakonissen zu schicken.“

Ohne kollektives Gedächtnis gibt es kollektives Alzheimer

Der Leiter des Düsseldorfer Stadtarchivs über die Bedeutung von Archiven: „Ohne ein kollektives Gedächtnis werden wir irgendwann kollektives Alzheimer haben.“ Wie Prof. Dr. Clemens von Looz-Corswarem, der zum Monatsende in den Ruhestand geht, weiter bei der Pressekonferenz zum „Tag der Archive“ sagte, rekonstruierten Archivare die Vergangenheit, um sie für die Zukunft zu sichern.

Dies betreffe nicht nur bürokratische, sondern auch Dokumente, die das Alltagsleben der Menschen dokumentieren. Das Stadtarchiv Düsseldorf wird Dokumente zeigen, die im Rathaus als Dämmmaterial benutzt worden waren – sie wurden erst nach einem Bombeneinschlag während des Zweiten Weltkriegs entdeckt. Unter diesen Dokumenten befindet sich zum Beispiel das älteste Rechnungsbuch der Stadt, datiert auf 1542.

Der „Tag der Archive“ wird in Düsseldorf bereits am Vorabend, 2. März, eröffnet, u.a. wird die Düsseldorfer Autorin Gina Mayer aus ihrem Roman „Das Lied meiner Schwester“ lesen. Am Samstag, 3. März, läuft der „Tag der Archive“ von 11 bis 18 Uhr im Weiterbildungszentrum (WBZ), Bertha-von-Suttner-Platz 1, Düsseldorf, unmittelbar am Hauptbahnhof.

Holger Weitenhagen: „Wie ein böser Traum…“. Briefe rheinischer und thüringischer evangelischer Theologen im Zweiten Weltkrieg aus dem Feld. Schriftenreihe des Vereins für Rheinische Kirchengeschichte, Band 171, Bonn 2006

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Dienstag, 28. Februar 2012. Die letzte Aktualierung erfolgte am Donnerstag, 1. März 2012. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / ban, neu / 28.02.2012



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