Bildung: vorsorgen statt reparieren
Sozialpolitischer Aschermittwoch der Kirchen 2012: Bischof Franz-Josef Overbeck (l.), Professorin Jutta Allmendinger und Präses Nikolaus Schneider.
Weiter sagte der Präses, dass „wir alle eine Verantwortung haben“ und die Verantwortung der Kirchen besonders den Armen gegenüber gelte. Schneider: „Der Sozialstaat ist eine Errungenschaft der Menschheit“. Er sichere "ein Minimum an Leben für jeden ab“, dennoch dürfe man sich nicht der Verantwortung entziehen.
Vorbeugend in Bildung investieren
Als Gastrednerin sprach Professorin Dr. Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. Ihr Vortrag „Der Sozialstaat braucht zwei Beine“ befasste sich mit der derzeitigen bildungspolitischen Situation in Deutschland. Sie plädierte für eine vorbeugende anstelle einer reparierenden Bildungspolitik, da erstere individuellere Förderungen ermöglicht. Des Weiteren sei eine solche Politik kostensparender, da die Kosten für Investitionen in das Bildungssystem niedriger ausfallen als die diejenigen für Transferleistungen, wie etwa Arbeitslosengeld.
Sorge um funktionale Analphabeten
Laut Prof. Allmendinger sind in Deutschland momentan rund 25 Prozent der jungen Männer funktionale Analphabeten, gemeint: Sie können lesen, sind jedoch nicht in der Lage, das Gelesene zu verstehen beziehungsweise wiederzugeben. Mädchen und Jungen im Alter von 14 und 15 Jahren seien zu 21 Prozent funktionale Analphabeten.
Dabei legte Allmendinger wert darauf, dass „junge Leute nicht zu dumm zum Lernen“ seien, sondern vor allem das „früh aussiebende Schulsystem viele Fehler macht“. Ein weiterer Missstand seien die Bildungsmöglichkeiten verschiedener sozialer Schichten. Ein Beispiel: Von hundert Kindern aus Akademikerhaushalten gingen 86 Prozent auf eine Hochschule. Dagegen erreichten lediglich 23 von hundert Kindern sozial schwacher Familien einen höheren Bildungsabschluss. Dagegen hielt die Wissenschaftlerin: „Viele dieser Kinder hätten das Zeug dazu weiterzukommen.“
Skandinavien als Vorbild
Weiter erklärte die Sozialforscherin, dass der Staat sowohl Sozialinvestitionen als auch Investitionen in die Bildung tätigen muss, also auf zwei Beine gestellt wird, um funktionsfähig zu bleiben. Deshalb „kann es zum jetzigen Zeitpunkt nicht darum gehen, den klassischen Sozialstaat zurückzufordern“, sondern ihn auf zwei Beine zu stellen.
Skandinavien sei hierfür ein gutes Beispiel. Dort werde vorbeugend in die Bildung investiert und gleichzeitig würden hohe Transferleistungen ausgezahlt. Gerade diese Länder schneiden im internationalen Vergleich gut ab und müssten deshalb als Vorbild angesehen werden. Zum Schluss betonte Allmendinger, dass „viele von uns einfach wegschauen, obwohl sich dafür einzusetzen eine Aufgabe ist, die wir tagtäglich zu erfüllen haben“.
Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck ging abschließend auf die Rolle der Christinnen und Christen im Sozialstaat ein und betonte, dass sie ein gerechteres System unterstützen und begrüßen müssten, da hierdurch die Armut verringert und Chancengleichheit erhöht werden könne.
ekir.de / ban; Foto WAZ-Fotopool/Remo Bodo Tietz / 22.02.2012
© 2012, Evangelische Kirche im Rheinland - EKiR.de
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
