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Ingrid Zacher und Frank Köllner vor der Bonner Bahnhofsmission. Ingrid Zacher und Frank Köllner vor der Bonner Bahnhofsmission.

Bonner Bahnhofsmission

Hilfe am Ende von Gleis 1

Behinderte Reisende beim Ein- und Aussteigen unterstützen, über den Bahnsteig geleiten. Oder auch Menschen helfen, die aus dem Gleis geraten sind. Was an einem völlig durchschnittlichen Tag in der Bahnhofsmission am Bonner Hauptbahnhof anliegt.

Am Ende von Gleis 1 gibt es Menschen, die Zeit haben. Die im Bonner Hauptbahnhof einfach nur zuhören, aber auch Rat geben können. Die jedoch auch kräftig mit anpacken, wenn anderen die Seele schmerzt oder sie sich in der Klemme befinden. Ingrid Zacher ist so eine Frau mit offenem Ohr. Eben hat die 51-jährige ehrenamtliche Mitarbeiterin der Bonner Bahnhofsmission noch einmal im Büro die Einsatzpläne für die nächste Woche durchgecheckt.

Zwei „Stammkunden“, die jeden Tag auf einen Kaffee in diese Anlaufstelle von Diakonie und Caritas hineinschauen, hat sie einen Tipp gegeben, wo heute noch bahnhofsnahe Übernachtungsplätze zu finden sind. Gerade sitzt ein - wie er sich selbst nennt -  „Leerguttechniker“ in den kleinen Räumen der Mission. Unter dem Jesuskreuz trinkt er sein Mineralwasser.

Der Mittfünfziger, der eine Firmenpleite hinter sich hat, klappert täglich alle Mülleimer der Innenstadt ab. Dem „Tröster“ Alkohol habe er abgeschworen, sagt der Mann und zählt seine 20 Euro Gewinn aus dem Flaschenpfand nach. Und dann schickt er hinterher: Leider habe ihn jetzt die Spielsucht im Griff.

Guter Draht zu den Menschen

„Wir haben einen guten Draht zu den Leuten“, meint Ingrid Zacher. Es passiere auch, dass Menschen einfach nur schweigend am Tisch sitzen und zu den Zügen hinausschauen. „Auch das können sie bei uns. Nur Tabak und Alkohol sind untersagt.“

Ein eher ruhiger Tag sei das heute. Zacher tauscht sich mit den neuen Ehrenamtlichen Alicia Kossauer und Sonja Simanowski aus. Die beiden wollen ins Missionsteam hineinwachsen. Einsatzwille, Flexibilität, auch mit überraschenden Situationen umzugehen, und vor allem die Fähigkeit, sich abgrenzen zu können, sind im Drei-Stunden-Schichtdienst gefragt.

Supervision hilft

Etwa in Situationen wie der, die Zacher so leicht nicht vergisst. „Da kam eine Marokkanerin, die immer wieder von ihrem Mann misshandelt wurde und die ihren Schmerz rauslassen wollte.“ Zacher schluckt. Die Frau habe sich nur Französisch mitteilen können und wohl keine Chance gehabt, sich von ihrem Mann unabhängig zu machen und Asyl zu erhalten.

Zacher ging mit der sichtbar verletzten Frau zur Polizeiwache. Ob das Frauenhaus dann eine Option wurde? Zacher schweigt. Sie weiß, dass sie Fälle wie diesen nicht selbst wird lösen können. Und sie ist froh, dass das Angebot der Supervision dem Team hilft, solche Probleme zu verarbeiten.

Kontakt für alleinreisende Kinder, Notruf für liegen gelassene Tasche

Die Bonner Bahnhofsmission hat natürlich schon spektakuläre Situationen bewältigen müssen, erzählt Missionsleiter Gregor Bünnagel, ein Seelsorger der Caritas. Einer jungen Frau, die vor Jahren beim Zugeinstieg vom Trittbrett gestoßen wurde, riss der rechte Arm ab. Ein Missionshelfer band ihn ab und alarmierte den Rettungswagen.

Normaler seien Fälle wie der des Zuckerkranken, dem am Bahnsteig die Injektionsspritze abbrach – die Helfer waren sofort an seiner Seite. Da werden alleinreisende Kinder aufgegriffen, deren weiter gefahrene Eltern kontaktiert werden müssen. Und da wird auf den Notruf einer anderen Mission reagiert: Die im ICE liegen gelassene Tasche einer Dame wird aus dem Waggon gefischt und im nächsten zurückfahrenden Zug dem Personal übergeben – Fall glücklich gelöst.

„Vor allem mit Nächstenliebe für die Menschen da“

„Das klappt natürlich nicht immer“, erzählt Gregor Bünnagel. Dem abgebrannten, Arbeit suchenden Italiener, der in Bonn aufschlägt, kann man höchstens den Kontakt zum Konsulat verschaffen, damit er in die Heimat zurückkommt. Viele kann man nur an mögliche Hilfsangebote weiterreichen. „Das Wichtigste ist, dass wir für alle, die Reisehilfen brauchen oder aus dem Gleis geraten sind, mit Nächstenliebe da sind“, sagt Bünnagel.

Ingrid Zacher sitzt jetzt draußen auf dem Bahnsteig auf der „Raucherbank“, wo sich schnell Hilfesuchende hinzugesellen. „Sie glauben gar nicht, wie tief man sich mit Junkies unterhalten kann. Ich führe Gespräche, die auch für mich bereichernd sind“, sagt die Frau, die finanziell abgesichert ist und im Ehrenamt unbedingt etwas Nützliches tun will.

Zwischen zwei Zügen

Eine Sternstunde auf Gleis 1 sei etwa der Austausch mit einem „Mann zwischen zwei Zügen“ gewesen. Der Behinderte habe praktische Hilfe gebraucht, den Bahnsteig zu wechseln. Die erste halbe Stunde habe der Mann ihr seine Probleme erzählt. Dann habe sie sich zu ihrer eigenen Verblüffenend auch selbst geöffnet. „Und er hat mir einen wichtigen Hinweise für mein Leben gegeben.“ Zachert lacht.

Sie hat aber auch schon einmal eine für sie beängstigende Situation in den engen Räumen erlebt. Ein psychisch Kranker sei aggressiv geworden. „So einen Aussetzer kriegen wir aber in den Griff. Ich habe den Mann einmal ganz laut angeschrien, und gut war`s.“

Stillen unterm Christuskreuz

Da kommt ein Rollstuhlfahrer an die Bank heran. „Ach, drehen Sie wieder Ihre Runde?“, fragt Zacher nach und bringt Frank Köllner einen Pott Kaffee. Die beiden tauschen sich über ein paar „alte Bekannte“ am Hauptbahnhof aus. Der Mann, der fußamputiert ist, ist Prädikant und hier jetzt sozusagen freischaffender Kollege. „Ohne Auftrag rede ich hier rund um den Bahnhof von Gott“, erzählt Köllner.

Da geht ein Anruf im Büro ein. Eine alte gehbehinderte Dame wird gleich im Intercity aus Hamburg eintreffen. Eine Mitarbeiterin wird ihr am Bahnsteig helfen. Drüben nähert sich eine junge Mutter der Mission. Sie wird ihr Kind in Ruhe unter dem Christuskreuz stillen wollen. Ein ganz normaler Tag am Ende von Gleis 1.

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Montag, 23. Juni 2014. Die letzte Aktualierung erfolgte am Dienstag, 24. Juni 2014. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / Text und Foto: Ebba Hagenberg-Miliu / 24.06.2014



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