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Das Erdgeschoss des Alten Pfarrhauses in Bergisch Gladbach im Bezirk Gnadenkirche ist die erste neue Unterkunft einer Flüchtlingsfamilie. Das Erdgeschoss des Alten Pfarrhauses in Bergisch Gladbach im Bezirk Gnadenkirche ist die erste neue Unterkunft einer Flüchtlingsfamilie.

Bergisch Gladbach

Zuflucht im alten Pfarrhaus

Baumärkte, Turnhallen, Verlagshäuser - Kommunen brauchen Raum für Flüchtlinge. Auch Kirchengemeinden engagieren sich. In Bergisch Gladbach bietet ein altes Pfarrhaus Zuflucht für eine Familie. 

Sie haben den Weg nach Deutschland geschafft. Seit Dezember wohnt Familie Ilanovic (alle Namen der Familie geändert) aus Bosnien in Bergisch Gladbach. Die Eltern Ana und Harun haben mit ihren fünf Kindern Glück gehabt: Denn sie wohnen nicht in einer großen städtischen Unterkunft wie dem umgebauten einstigen Verlagshaus mit 130 weiteren Flüchtlingen. Sie haben in der Evangelischen Kirchengemeinde Bergisch Gladbach eine Wohnung an der Gnadenkirche gefunden und warten dort auf die Entscheidung über ihren Antrag auf Asyl.

Im Erdgeschoss des Alten Pfarrhauses bewohnt die Familie zwei Zimmer und teilt sich Dusche und Kochnische mit einem weiteren Flüchtlingspaar. Pfarrer Thomas Werner hat dafür sein Büro in den ersten Stock verfrachtet. "Wir sind als Gemeinde auf die Stadt zugegangen und haben die ganzen 330 Quadratmeter des ansonsten leerstehenden Pfarrhauses angeboten", sagt er. Dass nun doch nur das Erdgeschoss bewohnt wird, liegt an den Brandschutzauflagen.

Sorge vor Konflikten

Der Pfarrer kritisiert die Zurückhaltung in anderen Gemeinden: "Im Raum der Kirche gäbe es noch viel mehr Möglichkeiten für die Flüchtlingsunterbringung", sagt Werner. Dazu muss man wissen, es gibt etliche Gemeinden, die sich engagieren. Die Evangelische Kirchengemeinde Köln-Dellbrück/Holweide hat Flüchtlinge in einer Gemeindewohnung untergebracht. Im Pfarrhaus Schildgen lebt seit März eine zwölfköpfige afghanische Familie. In Ratingen-Lintorf hat eine Flüchtlingsfrau mit ihren drei Kindern in einer Gemeindewohnung Unterschlupf gefunden.

Doch Pfarrer Werner weiß: So manche Gemeinde kommt nicht "aus dem Quark", Leerstände anzubieten. Oft würden Konflikte befürchtet. Dabei sei die Stimmung in seiner Gemeinde und in der Nachbarschaft positiv, sagt Werner. Ehrenamtliches Engagement und Spenden kämen in großen Mengen. Er begrüßt diese Hilfe - so wie der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski. "Indem wir Männern, Frauen und Kinder, die auf der Flucht sind, bei uns Raum geben, erfüllen wir, was Gott uns nach biblischer Überlieferung als Auftrag gegeben hat", betont Rekowski.

Kids in Kita, Schule und Berufskolleg

Im Alten Pfarrhaus ist Familie Ilanovic nicht sich selbst überlassen. Sozialarbeiter Szymon Bartoszewicz, seit Ende 2013 auch Flüchtlingsbeauftragter der Gemeinde, ist ihr Ansprechpartner. Ana Ilanovic ist in ärztlicher Behandlung und besucht einen Sprachkurs. Die Jüngste kann einen Kindergarten besuchen. Die anderen vier Kinder gehen zur Schule. Die fast 15-jährige Cyntia etwa spricht nach nur knapp einem Jahr gut Deutsch. Ihr 16-jähriger Bruder Marko besucht ein Berufskolleg. Ihre guten Zeugnisse zeigen, wie wichtig den Teenagern, die in Bosnien keine Schule mehr besuchten, das Lernen ist.

Für Flüchtlinge aus Balkanländern stehen die Chancen schlecht, in Deutschland Asyl zu erhalten. Doch Mutter Ana hofft. "Wir wollen nicht nach Bosnien zurück", sagt sie. In Deutschland könnten ihre Kinder zur Schule gehen und vor allem sicher leben. In Abwesenheit ihres arbeitenden Ehemanns seien sie und ihre Kinder dort mehrfach massiv bedroht und brutal überfallen worden. Das Wort Mafia fällt. Zwei der Kinder zeigen ihre Narben von schweren Brand- und Stichverletzungen.

Sorge um die älteste Tochter

Und Ana Ilanovic, der ein ärztliches Gutachten unter anderem depressive Phasen und posttraumatische Belastungsstörungen aufgrund von Gewalterfahrungen bescheinigt, sorgt sich um ihr ältestes, sechstes Kind. Die 18-jährige Tochter ist in Bosnien spurlos verschwunden.

Der gelernte Jurist und Sozialarbeiter Bartoszewicz betont, dass für Flüchtlinge in Deutschland viel getan werde - auch wenn nicht alle die Angebote freier Träger, wie etwa Sprachkurse, annehmen würden. Wichtig sei, Angebote für Kinder nicht nur an Flüchtlingsheimen anzubieten, sondern die Kinder aus den Heimen in die städtischen oder kirchlichen Einrichtungen zu holen.

Überlegungen zur beruflichen Integration

Pfarrer Werner schwebt auch eine Form der beruflichen Integration vor. Er denkt zusammen mit den evangelischen Krankenhäusern in Bergisch Gladbach und Köln über Pflegepraktika nach - Stichwort Pflegenotstand. "Wir sind mit dem Jobcenter im Gespräch."

Zugleich appelliert Sozialarbeiter Bartoszewicz, der sich in Bergisch Gladbach nicht nur für die Familie im Pfarrhaus, sondern auch für weitere der insgesamt rund 770 Flüchtlinge einsetzt, an Politik und Gesellschaft, Not nicht nur bei Flüchtlingen wahrzunehmen. "Viele Sozialhilfe- und Hartz-IV-Bezieher fühlen sich abgehängt, wenn sich Wohltaten und Engagement nur an Flüchtlinge richten." Integration könne nur gelingen, wenn alle Bedürftigen mitgenommen werden, mahnt er. "Sonst knallt es in der Gesellschaft."

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epd / Gabriele Fritz; ekir.de / neu, Foto: Thomas Werner / 17.08.2015



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