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'Würde-Bewahrer': Auch mit Plakaten machen die Betreuungsvereine der Diakonie RWL auf ihre vielfältige Arbeit aufmerksam. "Würde-Bewahrer": Auch mit Plakaten machen die Betreuungsvereine der Diakonie RWL auf ihre vielfältige Arbeit aufmerksam.

Betreuungsvereine

Die „Würde-Bewahrer“

Rund 1,3 Millionen Menschen stehen in Deutschland unter rechtlicher Betreuung. Sie können ihr Leben nicht mehr alleine regeln. Die evangelischen Betreuungsvereine stehen ihnen zur Seite, schulen Ehrenamtliche und beraten Angehörige. Eine Kampagne soll den wichtigen Job der Betreuerinnen und Betreuer nun bekannter machen.

Seit über dreißig Jahren betreut Markus Hönicke Menschen, die ihre finanziellen Angelegenheiten aufgrund einer Erkrankung, Behinderung oder eines Unfalls nicht mehr selbst regeln können. Er bearbeitet Anträge, telefoniert mit Behörden, Banken und Ärzten. Er kümmert sich um Versicherungen, Mieten, Renten, Heim- oder Klinikaufenthalte. Doch wenn sein Job in den Medien darstellt wird, geht es fast immer um die Betrügereien einiger, meist privater Rechtsbetreuer. Das ärgert den 58-jährigen Sozialarbeiter aus Oberhausen.

„Viele Menschen wissen nicht, was ein rechtlicher Betreuer macht, geschweige denn, was ein Betreuungsverein ist“, sagt er. „Dabei kann es schnell passieren, dass sie seine Hilfe brauchen.“ Markus Hönicke möchte endlich ein anderes, stimmiges Bild seiner Arbeit in der Öffentlichkeit präsentieren.

Deshalb engagiert er sich für die neue Kampagne der evangelischen Betreuungsvereine in der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe (RWL). Unter dem Titel „Würde-Bewahrer“  informieren die 50 Vereine zwischen Bielefeld und Saarbrücken auf einer eigenen Webseite und mit Plakaten, Flyern und in Veranstaltungen über ihre vielfältige Arbeit.

Selbstbestimmung statt Bevormundung

Denn die hat sich in den vielen Jahren, seit Markus Hönicke als rechtlicher Betreuer in der Evangelischen Familienhilfe in Oberhausen tätig ist, verändert. Als er anfing, galt noch das alte Vormundschaftsrecht, das die Menschen entmündigte. Eine große Rechtsreform machte 1992 die Selbstbestimmung zum zentralen Prinzip.

Egal, in welcher Lage der betreute Mensch ist, es darf nicht einfach über seinen Kopf hinweg gehandelt werden. Seine Würde muss gewahrt bleiben. Deshalb versteht sich Hönicke - wie seine rund 300 Kolleginnen und Kollegen in den 50 Betreuungsvereinen -als „Würde-Bewahrer“.

Für ihn heißt das, genau abzuwägen, ob jemand besser im Heim, betreuten Wohnen oder zu Hause mit einem Pflegedienst zurechtkommt. Bei Haushaltsauflösungen ist zu entscheiden, was sein Klient behalten möchte. Gemeinsam mit suchtkranken oder psychisch kranken Menschen muss er den Zugriff auf die Post und das Konto  regeln. „Geld ist immer ein Konfliktthema“, sagt der Sozialarbeiter. „Da werde ich auch schon mal beschimpft oder angebettelt, damit ich das Geld schneller auszahle.“

Um seinen Klienten möglichst viel Eigenständigkeit zu geben, hat der Betreuungsverein in Oberhausen ein besonderes System eingeführt. Dort können sie ihr Geld nach Absprache mit dem Betreuer oder der Betreuerin an einem Zahlungsautomat abheben. Alle Einkünfte fließen auf ein Sammelkonto, das mit einem Buchungsprogramm verbunden ist.

„Etwa 200 Leute kommen jede Woche zu uns, um Geld abzuholen“, erzählt Markus Hönicke. Gut 60 Prozent seiner Klienten sind zwischen 20 und 60 Jahren alt und haben eine Vielzahl von Problemen. Sie sind arbeitslos, suchtkrank, psychisch krank und meist ohne starke familiäre Bindungen. Viele haben Schulden.

Schwierige Fälle, Beratung und Begleitung Ehrenamtlicher

 „Es sind in der Regel die schwierigen Fälle, die bei den Betreuungsvereinen landen“, beobachtet die zuständige Diakonie RWL-Referentin Waldtraud Nagel. Fälle, für die nicht nur eine gute Kenntnis der Rechtslage erforderlich ist, sondern auch sozialpädagogische Kompetenz. Etwa, wenn Menschen mit Psychosen plötzlich aggressiv werden, andere ihren Alkoholkonsum nicht in den Griff bekommen oder suizidgefährdet sind. „Jeder Betreuungsverein ist gut mit anderen sozialen Hilfen vernetzt. Unsere Sozialarbeiter wissen, wie sie auch in schwierigen Situationen unterstützen und motivieren können“, betont Nagel.

Einmal in der Woche bieten Markus Hönicke und seine acht Kolleginnen und Kollegen von der Evangelischen Familienhilfe zudem eine Sprechstunde an, in der sie über Patientenverfügungen und alle Fragen rund um die Rechtsbetreuung informieren.

Sie halten Vorträge in Selbsthilfegruppen, Gewerkschafts- und Rentenvereinen, Volkshochschulen und Kirchengemeinden. Sie beraten Familienangehörige und ehrenamtliche Betreuer, wenn es um Kontovollmachten, Erbschaftsangelegenheiten, Rechnungslegungen und das Ausfüllen diverser Anträge geht. Schließlich werden über 55 Prozent der Betreuungen in der eigenen Familie oder von Ehrenamtlichen übernommen.

Viel Arbeit, aber wenig Geld für die Betreuungsvereine

Das alles leisten die Sozialarbeiter neben der Betreuung von jeweils 40 bis 50 Klienten, die mit 44 Euro pro Stunde vergütet wird. Vor 12 Jahren hat das Bundesjustizministerium die Gelder eingefroren. Mit dem Ergebnis, dass der Großteil der Betreuungsvereine in massiven finanziellen Schwierigkeiten steckt.

Von den bundesweit 850 Betreuungsvereinen stehen 50 vor der Schließung oder mussten bereits aufgeben. In der Diakonie RWL mussten fünf Vereine schließen. Jüngst hat der Bundestag beschlossen, die Vergütung aufzustocken. Der Bundesrat will das Gesetz zunächst noch überprüfen. Das kann aber dauern. Waltraud Nagel befürchtet, dass in der Zwischenzeit weitere Betreuungsvereine aufgeben.

Auch die Evangelische Familienhilfe arbeitet mit einem jährlichen Defizit von rund 40.000 Euro. Bislang helfen Diakonie und Kirchengemeinde in Oberhausen. Doch jahrelang funktioniere das nicht mehr, warnt Markus Hönicke. Auch deshalb setzt er auf die Kampagne. „Das Thema Betreuungsrecht, das 1,3 Millionen Menschen betrifft, ist kein Wahlkampfschlager. Wir wollen jetzt dafür sorgen, dass es wenigstens stärker in die Öffentlichkeit rückt.“

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ekir.de / Sabine Damaschke / 13.07.2017



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