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Willkommen in Büchenbeuren, willkommen im 'Café Intern@tional'. Willkommen in Büchenbeuren, willkommen im "Café Intern@tional".

Herzlich willkommen! Flüchtlingsarbeit in der rheinischen Kirche (2)

In der Kirche zum ersten Mal sicher gefühlt

Die schlimmen Bilder sind nach wie vor präsent, sie quälen ihn auch jetzt noch. Es fällt Kamiran Mohammed sichtlich schwer, von seiner Flucht zu erzählen. Der 28-jährige Ingenieur stammt aus Aleppo.

Gemeinsam mit seinem Bruder engagierte er sich in Syrien gegen das Assad-Regime, sein Bruder wurde gefangen genommen, seine Mutter drängte ihn zur Flucht. Über Griechenland und Italien gelangte er nach Deutschland, seit eineinhalb Jahren lebt er nun in Büchenbeuren im Hunsrück.

„Zunächst fühlte ich mich hier sehr allein und einsam“, erzählt er. Kein Fernsehen, kein Internet, er kann kein Deutsch, er hat keinen Kontakt zu seiner Familie in Syrien. „Bis heute weiß ich nicht, ob mein Bruder überhaupt noch lebt“, sagt er und man merkt, wie belastend die Erinnerungen sind, die beim Erzählen wieder wach werden. Nur stockend berichtet er, wie sein Boot im Mittelmeer bei der Flucht kenterte und er mit Glück überlebte. Oder über seine Erlebnisse in griechischen und italienischen Flüchtlingslagern.

Auch der 24-jährige Said Jama Mahamud kann von solchen Erlebnissen erzählen. Er stammt aus Somalia, ihm gelang die Flucht nach Äthiopien, von dort gelangte er mit einem Flugzeug nach Europa. Auch er lebt nun in Büchenbeuren. Seine Frau und seine zweijährige Tochter sind noch in dem vom Bürgerkrieg gezeichneten Land. Und die Sorgen um sie sind groß.

Quälende Erinnerungen

„Ich hoffe, dass ich sie auch nach Deutschland holen kann, wenn ich hier als Flüchtling anerkannt bin“, sagt er. Doch auch ihn quälen die Erinnerungen an seine Heimat. „Ich kann den Krieg nicht vergessen, ich habe Angst vor dem, was dort passiert“, erzählt Said Jama Mahamud.

Es sind Menschen wie Kamiran Mohammed und Said Jama Mahamud, die in Büchenbeuren im „Café Intern@tional“ ein Stück Heimat gefunden haben. Café Intern@tional, das ist für die Flüchtlinge in dem Hunsrückort zu einer wichtigen Anlaufstelle und zu einer Begegnungsstätte geworden. „Wir wollten hier einen Ort für Begegnungen zwischen Einheimischen und den Flüchtlingen schaffen, wo sich die Menschen kennenlernen, von ihrem Leben erzählen und sich miteinander austauschen können“, erzählt die evangelische Pfarrerin Sandra Menzel.

Helferinnen und Helfer aus der Gemeinde sind hier gemeinsam mit Flüchtlingen tätig, organisieren die Arbeit im Café und finden auch so rasch Kontakt zueinander. Büchenbeuren ist ein Ort im Hunsrück mit rund 1700 Einwohnerinnen und Einwohnern. Mehr als 120 Flüchtlinge sind mittlerweile hier untergebracht, aus Ostafrika, dem Nahen Osten, Afghanistan. Viele traumatisiert von schrecklichen Erlebnissen, die sie mitmachen mussten.

Flüchtlingen ein Stück Heimat geben

Für den kleinen Ort also eine große Aufgabe, der sich die Hunsrücker aber entschlossen stellen. Pastoralreferentin Anna Werle: „Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist es, diesen Menschen, die Zuflucht suchen, hier ein Stück Heimat zu geben." Protestanten und Katholiken arbeiten Hand in Hand. Die Evangelische Kirche im Rheinland, der Kirchenkreis Simmern Trarbach und das Bistum engagieren sich hier finanziell gemeinsam. Dazu kommen zahlreiche Spenden von Christinnen und Christen aus dem ganzen Hunsrück.

Doch auch vor Ort ist die Hilfsbereitschaft groß. Möbel, Kleidung oder Alltagsgegenstände werden für die Flüchtlinge gespendet, es gibt Fahrdienste und Deutsch-Unterricht. Büchenbeuren war in den 1990er Jahren schon einmal Ziel, damals kamen zahlreiche Russlanddeutsche, wurden heimisch. Das hat geprägt.

Viele empfinden dies auch als gelebtes Christentum. „Ich sehe hier Menschen, die in der Gemeinde eigentlich noch nie aufgetaucht sind, nun aber sagen, dass das hier gelebte Kirche ist, wo sie sich einbringen wollen“, meint Sandra Menzel.

Helfer im Café sind wie Familie

Und für die Flüchtlinge wird dadurch der Aufenthalt im Hunsrück spürbar leichter. „Viele haben mich gefragt, wie ich es in einem so kleinen Ort aushalte, nachdem ich bisher in einer Millionenstadt wie Aleppo gelebt habe“, sagt Kamiran Mohammed und fügt überzeugt hinzu: „Hier finde ich Frieden und Ruhe.“ Said Jama Mahamud nennt die Helfer im Café „seine Familie".

Die Hilfsbereitschaft ist dabei groß. Als bei Kamiran Mohammed die Abschiebung drohte, bot ihm die evangelische Kirchengemeinde ohne Zögern Kirchenasyl in der Sakristei an. Und trotz der für ihn in dieser Zeit sehr ungewissen Situation betont er: „In der Kirche habe ich mich das erste Mal ganz sicher gefühlt.“ Nun ist er als Flüchtling anerkannt, über Praktika versucht er, beruflich Fuß zu fassen. Er hofft darauf, dass seine Familie bald noch nachkommen kann. Und hier alle in Frieden leben können.

Das Engagement bringt Frieden ins Dorf

Es sind solche Geschichten, die Sandra Menzel und Anna Werle in ihrer Arbeit bestätigen. Die Pastoralreferentin sagt: „Es ist toll, zu sehen, wie viele Menschen hier ehrenamtlich mithelfen, sich engagieren oder einbringen. Und es ist ein schönes Gefühl, zu erleben, wie die Menschen, die viel Schlimmes erleben mussten, nun ein wenig zur Ruhe kommen können.“ Das bringe auch Frieden in das Dorf.

Begonnen hatte alles in der evangelischen Kirchengemeinde, im April 2013. Fünf syrische Flüchtlinge kamen in die Kirche und wollten Kontakte knüpfen. Das war der Beginn einer aufregenden Entwicklung. Rasch wurde das Pfarrhaus zur Anlaufstelle für Alltagsprobleme und Fragen der hilfesuchenden Menschen. Es wurden Informationsabende organisiert, die Idee eines offenen Treffs geboren und realisiert, mittlerweile gibt es mit Jenny Schulmerisch auch eine Ehrenamtskoordinatorin für die Flüchtlingsarbeit in Büchenbeuren.

Pfarrerin Menzel ist überzeugt: „Hier wird das Bibelwort konkret: Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen.“

Diese Reportage aus Büchenbeuren ist der zweite Teil der Serie "Herzlich willkommen! Flüchtlingsarbeit in der rheinischen Kirche". Es folgen Beiträge aus Düren, Lebach, Straelen und Wuppertal.

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ekir.de / Dieter Junker / 21.12.2014



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