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Holger Reiprich-Meurer Holger Reiprich, Verbandspfarrer für Notfallseelsorge in Köln, in Einsatzkleidung beim Bundeskongress

Bundeskongress in Köln

Mit der Notfallseelsorge in die Normalität zurückgefunden

Rund 500 Notfallseelsorgerinnen und -seelsorger, Kriseninterventionskräfte der Polizei und Feuerwehrleute kamen jetzt zu einem Bundeskongress in Köln zusammen. Im Mittelpunkt der Workshops und Vorträge standen "Formen und Folgen von Gewalt".

Der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers berichtete aus der Praxis: "Wir hatten vor kurzem den Fall, dass eine Mutter von ihrem Mann getötet wurde, während die Kinder im Nachbarzimmer spielten. Zunächst hat sich eine Beamtin um die Kleinen gekümmert. Die war heilfroh, als ein Notfallseelsorger kam." Mit einer Podiumsdiskussion, an der auch Albers teilnahm, endete der 17. Bundeskongress Notfallseelsorge/Krisenintervention im Bezirksrathaus in Köln-Porz. Eingeladen hatten die Evangelische Kirche im Rheinland, das Erzbistum Köln und die Konferenz Evangelische Notfallseelsorge in der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Sensibilität im Umgang mit Opfern, aber auch mit Tätern und Tatorten

"Wir wollen erreichen, dass wir uns immer besser und genauer darauf einstellen, wie wir den Menschen helfen können", sagte Dr. Uwe Rieske, Landespfarrer für Notfallseelsorge der Evangelischen Kirche im Rheinland, am Rande des Kongresses: "Wir brauchen eine besondere Sensibilität im Umgang mit den Opfern, aber auch im Umgang mit den Tätern und den Tatorten. Gewalt erschüttert bei den Menschen in besonderem Maße Vertrauen. Dieses Vertrauen möchten wir Notfallseelsorger wieder herstellen."

Neben rein praktischen Fragen bei Einsätzen vor Ort standen auch eher theoretische Erkenntnisse wie "Gewalt und Trauma – Hirnphysiologische Wirkungen von traumatischen Erlebnissen" auf der Tagesordnung. Wolfgang Albers möchte, dass die Notfallseelsorge, so gut es geht, in die polizeilichen Strukturen eingebunden wird: "Ich sage meinen Leuten immer, sie sollen die Notfallseelsorger als Helfer der Polizei betrachten. Ich unterstütze nach Kräften, dass sich die Seelsorger und meine Einsatzkräfte kennen lernen. An der Basis lebt die Notfallseelsorge von persönlichen Kontakten."

Notfallseelsorger stellen als erste das Vertrauen ins Leben wieder her

Volker Wiedecks Tochter Hannah wurde vor sieben Jahren ermordet. Er berichtete von seinen Erfahrungen mit Notfallseelsorgern: "Sie sind die ersten, die das Vertrauen in das Leben wiederherstellen. Aber sie müssen spüren, was geht. Wenn da einer mit Psalmen und Heiligenbildchen gekommen wäre, hätte ich den sofort rausgeschmissen."

Gekommen ist damals Pfarrer Albrecht Roebke, Notfallseelsorger aus Bonn. Er erinnert sich: "Die Familie hat sich nach dem furchtbaren Geschehnis Stück für Stück ins Leben zurückgekrabbelt. Ich habe damals den Leiter der Mordkommission kennengelernt. Vor kurzem habe ich ihn bei einem plötzlichen Kindstod wiedergetroffen. Das macht schon eine Menge aus, wenn man sich kennt. Da genügen wenige Worte."

Der "Fall Hannah" habe die Bonner Notfallseelsorger arg belastet. "Aber das extreme Teamwork damals hat uns nachträglich auch gestärkt", sagt Roebke, der sich dafür einsetzt, dass auch die Angehörigen der Täter in den Blick genommen werden: "Sie sind ja letztlich auch Opfer." Oft genug gerieten sie aus dem Blick der Helfer.

Der Ruhm des Täters nach seinem Tod belastete

Christiane Alt ist heute noch dankbar für die Arbeit der Notfallseelsorger. Sie ist Direktorin des Gutenberg-Gymnasiums in Erfurt, in dem 2002 16 Menschen einem Amokläufer zum Opfer fielen, der sich danach selbst tötete. "Uns wurde geholfen, die alten Strukturen in unseren Leben wieder aufzubauen, einfach unseren Alltag zurückzugewinnen."

Trotz allem, was auf die Schüler und das Kollegium einstürzte: "Sehr belastend war der postmortale Ruhm des Attentäters. Es hat Fankreise im Internet gegeben." Trotzdem habe man es ausgehalten, dass bei der Trauerfeier auch eine Kerze für den Täter gebrannt habe.

Ursula Marie Eckert ist Managerin bei 3M in Hilden. Dort verletzte ein Amokläufer vor drei Jahren vier Kollegen mit Schüssen, bevor er sich selbst umbrachte. Eckert erinnert sich: "Die Notfallseelsorger haben sich intensiv um uns gekümmert. Und letztlich dafür gesorgt, dass wir wieder in die Normalität zurückgefunden haben."

Gottesdienst mit Präses Manfred Rekowski

Manche Kollegen seien einfach nur wütend auf den Täter gewesen, andere hätten ihn als den Kumpel in Erinnerung behalten, der er vor der Tat gewesen sei. Bei manchen wechselten diese sich Einstellungen ab. Für Pfarrer Roebke gehört der Umgang damit zu den Kernaufgaben der Notfallseelsorge: "Wir müssen Räume schaffen, in denen man diese Ambivalenz ausleben kann."

Der rheinische Manfred Rekowski hat die Arbeit der Notfallseelsorgerinnen und -seelsorger in einem Gottesdienst am Donnerstagabend in der Kölner Trinitatiskirche gewürdigt: „Mich hat am 17. April der Gottesdienst hier in Köln für die Opfer des Flugzeugabsturzes sehr bewegt“, sagte er im Gottesdienst anlässlich des Bundeskongresses Notfallseelsorge und Krisenintervention.

Es gebe in manchen Situationen, in die die Mitarbeitenden der Notfallseelsorge und Krisenintervention gerufen werden, keinen Trost und keine Entlastung, so Rekowski in seiner Predigt: „Aber es gibt Nähe und den Zuspruch, dass jemand nicht alleine ist mit dem, was ihn betroffen hat. Manchmal werden sie zu Menschen, die aushalten, was nicht auszuhalten ist.“

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ekir.de / Text und Foto: Stefan Rahmann / 19.09.2015



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