EKiR von A-Z
EKiR von A-Z Themen, Arbeitsfelder, kirchliche Einrichtungen von A-Z mehr

Wer alt oder älter ist, möchte auch aktiv sein und teilhaben, wurde beim Thementag zum demografischen Wandel deutlich. Foto: fotolia Wer alt oder älter ist, möchte auch aktiv sein und teilhaben, wurde beim Thementag zum demografischen Wandel deutlich. Foto: fotolia

Demografischer Wandel

Chancen und Herausforderungen des langen Lebens

"Sorgende Gemeinschaften", Pflegebedarfe, soziale Teilhabe, Lebensqualität für Ältere - das waren Stichworte beim Thementag "Care ist mehr" über die Folgen des demografischen Wandels.

Zu dem Thementag hatten die Evangelische Akademie im Rheinland und das Referat Sozialethik im Landeskirchenamt die Mitglieder aus Beratungs- und Leitungsgremien nach Düsseldorf eingeladen. Es war ein Thementag zu den Folgen des demografischen Wandels, der den Teilnehmenden Anstöße zur Diskussion und zu vertiefender Weiterarbeit geben sollte: Wie stellen sich die Evangelische Kirche im Rheinland und ihre Diakonie auf die Chancen und Herausforderungen einer Gesellschaft des langen Lebens ein? Welchen Leitbildern von Alter folgt die Politik in Stadt und Land?

„Es geht beim Altwerden nicht nur um den Pflegebedarf, sondern auch um Lebensqualität für Ältere und die soziale Teilhabe aller am gesellschaftlichen Leben“, stimmte Professor Dr. Gerhard Bäcker, der Vorsitzende des Sozialethischen Ausschusses moderierte den Tag, zu Beginn auf das Thema ein. Dabei gebe es bereits Vorstellungen, wie dies im schönsten Falle aussehen könnte. Aber: „Es ist schwierig zu analysieren, welche Barrieren dem Wünschenswerten im Wege stehen und wie man diese abbauen kann.“

Inklusive Gestaltungsgesellschaft

Das Ziel einer „inklusiven Gestaltungsgesellschaft“ im Gegensatz zur modernen Leistungsgesellschaft zeigte Präses Manfred Rekowski in seinem Grußwort zur Tagung auf – der mit seiner Teilnahme bewies, welchen Stellenwert das Thema für die Landeskirche hat. Jeder müsse mitgestalten können und dürfen.

„Die Potenziale alter Menschen sind sehr wichtig“, sagte der Präses. Auch Pflegebedürftige seien keineswegs nur Sorgeempfänger: „Auch Hochbetagte möchten sich um andere sorgen.“ Sich zu kümmern sei offenbar ein menschliches Grundbedürfnis.

In Bezug auf die Landeskirche meinte er: „Hier wird schon viel geleistet, aber die Obergrenze ist noch nicht erreicht.“ Die ländliche Situation sei dabei eine besondere Herausforderung.

Sorgebedarfe und Teilhabenchancen

„Ich denke, dass die Kirchen hier eine Rolle spielen müssen“, sagte Professor Dr. Gerhard Naegele zu Beginn seines Vortrags zu „Care ist mehr“. Als Direktor des Instituts für Gerontologie an der TU Dortmund und Mitglied der 5. und 6. Altenberichtkommission der Bundesregierung gab Naegele einen Überblick über Sorgebedarfe und Teilhabechancen in einer alternden Gesellschaft.

Ältere Menschen leben häufig allein oder zu zweit, sind häufig nur eingeschränkt mobil, viele Wohnungen sind nicht altengerecht ausgestattet, der Hilfe- und Pflegebedarf nimmt zu – wenngleich auch der Anteil körperlich und geistig fitter Seniorinnen und Senioren gestiegen ist.

Wichtig zu wissen auch: Die Hilfemöglichkeiten innerhalb der Familie sinken, beispielsweise durch die Wohnortentfernung. Das soziale Netzwerk außerhalb der Familie schrumpft. Hochbetagte haben im Schnitt ein geringes Einkommen. Die Infrastruktur ist in vielen Wohngebieten rückläufig.

Leitbild von "Care im Sozialraum"

Wer besonders viel für die Anliegen älterer Menschen tun kann, wurde in einer Umfrage erkundet, heraus kam: gute Werte für die Wohlfahrtsverbände wie Caritas und Diakonie (69 Prozent) und auch die Kirchen (49 Prozent). Eine hohe Bedeutung komme aber auch den Städten und Gemeinden zu (63 Prozent). „Insbesondere für ältere selbstständig lebende Menschen besitzt die unmittelbare Wohnumgebung, der Stadtteil in dem sie leben, als Lebenswelt zentrale Bedeutung für den Aktivitäts- und Gesundheitserhalt“, so Naegele.

Das neue Leitbild laute „Care im Sozialraum“ und sei eng mit dem Konzept der „sorgenden Gemeinschaften“ verbunden. „Als ,sorgende Gemeinschaften‘ gelten neben Familien- und Nachbarschaftsnetzwerken insbesondere solche, die sich aus dem Zusammenwirken von Angehörigen, Freunden, professionellem und bürgerschaftlichem Engagement ergeben“, erläuterte der Professor. Das Ehrenamt dürfe sich jedoch nicht als Einsparmodell entpuppen.

Naegele: „Die Sorge der Zukunft ist die Sorge im Quartier und in der Kommune.“ In Richtung Wohlfahrtsverbände mahnte Naegele an, nicht zu kommerziell zu werden, sondern nach einem Leitbild zu handeln.

"Das Dorf zurück in die Stadt holen"

Mit seinem Vortrag stieß Naegele eine rege Diskussion an. „Wir müssen uns fragen, inwieweit die Kirchen noch eine Strahlkraft ins Quartier haben“, merkte ein Teilnehmer kritisch an. Andere forderten mehr Zusammenarbeit zwischen Gemeindearbeit und Diakonie. Zum Thema Teilhabe lautete ein Vorschlag: „Wir müssen versuchen, alte Menschen, die noch leistungsfähig sind, mehr in ehrenamtliches Engagement einzubeziehen. Bei uns melden sich viele Leute, die etwas für Flüchtlinge tun möchten.“

Was können Städte trotz ihrer meist brenzligen Haushaltslage beitragen, um gute „Quartiere“ zu schaffen? Burkhard Mast-Weisz, Oberbürgermeister von Remscheid, lieferte dazu Ideen. „Wir müssen das Dorf zurück in die Stadt holen“, laute sein Grundsatz. Nicht im Sinne von Provinzialität, vielmehr: die positiven sozialen Strukturen des Dorflebens auch in Stadtteilen möglich machen.

Hauptverantwortung der Städte und Gemeinden?

Das gehe aber nur gemeinsam mit vielen anderen Akteuren und erfordere sehr viel Kommunikation miteinander. Als Beispiel aus einem Remscheider Viertel nannte er den Erhalt eines Gemeindehauses, das die Kirche alleine nicht mehr finanzieren konnte. Durch die Initiative der Kommune wurde ein gemeinsames Projekt daraus, an dem jetzt alle christlichen Kirchen, die islamische Gemeinde, die Arbeiterwohlfahrt und die Stadt beteiligt sind. Das Land habe gefördert.

Finanzierungsgemeinschaften seien sehr gut, hieß es in der anschließenden Diskussion, doch auch sie würden schnell an ihre Grenzen stoßen, weil alle knappe Kassen hätten. Immer wieder wurde im Laufe des Tages der Ruf nach einer Art kommunalem Pflegebudget laut, da doch die Städte und Gemeinden es seien, auf die beim Leitbild der „sorgenden Gemeinschaften“ eine Hauptverantwortung falle, die also Vieles – auch finanziell – stemmen müssten.

Quartiere altengerecht gestalten

Für eine Stärkung der kommunalen Rolle und Verantwortung sprach sich auch Ministerialdirigent Markus Leßmann, der die Abteilung Pflege im Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen leitet, in seinem Vortrag aus: „Die Zukunft der Pflege ist Pflege im Quartier“, bekräftigte er.

Politik müsse vom Menschen her denken, sagte Leßmann. Das bedeute beispielsweise: „Die Möglichkeiten für ein langes Leben in der eigenen Wohnung zu stärken.“ Dabei müsse man auch an die vielen Menschen denken, die keine Pflege, sondern nur ein wenig Unterstützung zu Hause bräuchten. Altengerechte Quartiere zu entwickeln sei ein wichtiges landespolitisches Ziel.

Es braucht Player, die vor Ort verwurzelt sind

Wo genau er denn die Chancen von Kirchen und Diakonie als Akteurinnen in diesem Bereich sehe, wollte eine Teilnehmerin anschließend wissen. Bei allen Aufgaben, die einen ganz konkreten Bezug auf den Sozialraum bzw. das Quartier haben, meinte Leßmann: „Die Netzwerkgestaltung vor Ort kann nur mit Playern, die auch vor Ort verwurzelt sind, geschehen“, begründete der Ministerialdirigent.

„Wenn es uns gelingt aus der Diskussion auch wirklich eine Bewegung zu machen, die Mut hat, der örtlichen Gemeinschaft wieder mehr zuzutrauen und mehr eigene Gestaltungsmöglichkeit zu geben, dann ist das der Raum, wo Kirchengemeinden eine riesige Chance haben.“ Zudem habe Kirche in diesem Kontext die Aufgabe, Sprachrohr und Interessenvertreterin von älteren Menschen und deren Angehörigen zu sein, so Leßmann.

Kirche für die Zusammenarbeit attraktiv machen

Sie frage sich aber oft, wie es gelingen könne, dass Kirche sich noch stärker als Akteurin präsentiere, die attraktiv für eine Zusammenarbeit im sozialen Bereich ist, gab eine Teilnehmerin zu bedenken und erntete damit viel Zustimmung. Sie wünsche sich mehr aktive kommunale Vernetzung der Kirchengemeinden.
Ein anderer Teilnehmer forderte einen stärkeren Erfahrungsaustausch zwischen Kirchengemeinden und der Diakonie, um zu erfahren, wo und wie beide sich engagieren könnten und welche Erfahrungen damit gemacht worden seien.

Man habe beispielsweise ein Zentrum für Quartiersentwicklung gegründet, referierte als nächster Redner Olaf Maas von der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe, und informierte über Beispiele des Engagements der Diakonie in Stadtteilen.

Geschenkte Zeit

Für ein neues Altersbild in der Kirche plädierte als letzter Redner des Tages Kirchenrat Joachim Müller-Lange. Ziele für das Individuum seien, die zusätzlichen Jahrzehnte dankbar als geschenkte Zeit anzunehmen, die eigenen Potenziale und Talente wahrzunehmen und für sich und andere einzusetzen sowie neue Verantwortung in Familie und Gesellschaft zu übernehmen.

Für die evangelische Kirche stellte er verschiedene Thesen auf: Sie sei eine akttraktive Mitakteurin in der „sorgenden Gemeinschaft“, gute Projekte seien vorhanden und beschrieben, die „Leuchttürme“ innovativer Seniorenpolitik stünden jedoch noch weit auseinander. Müller-Lange schloss: „Die evangelische Kirche ist angewiesen auf starke und kreative Mitakteure in einer sorgenden Gemeinschaft, die mit ihrem Altersbild beitragen zu Motivation, Korrektur und Qualitätsmanagement.“

Sprachen beim Thementag Sprachen beim Thementag "Care ist mehr" (v.l.): Prof. Naegele, Ministerialdirektor Leßmann, Präses Rekowski, Prof. Bäcker und Oberbürgermeister Mast-Weisz.

Der Dialog über die Fragen des demografischen Wandels wird fortgesetzt.

Facebook, Twitter und Google+ einschalten
Seite drucken Seite versenden

 

ekir.de / Alexandra Stoffel / 04.02.2015



© 2017, Evangelische Kirche im Rheinland - EKiR.de
Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung nur mit Genehmigung.