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Mit Grußwort und Geschenk - die gerahmte Barmer Zeitung von 1934: Oberkirchenrätin Barbara Rudolph beim Fest zum 100. Geburtstag der Chinese Rhenish Church. Mit Grußwort und Geschenk: Oberkirchenrätin Barbara Rudolph beim Fest zum 100. Geburtstag der Chinese Rhenish Church.

Ökumene

Kleine Kirche unter Wolkenkratzern

"Gottes Wort bleibt in Ewigkeit." Diesen letzten Satz aus der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 stellte Oberkirchenrätin Barbara Rudolph in den Mittelpunkt ihres Grußworts zum 100-jährigen Bestehen der Chinese Rhenish Church. Ihr Tagebuch.

30. August 2014, 17:45 Uhr

Vor dem Fenster meines Zimmers im CVJM-Hotel, elf Stockwerke unter mir, pendelt die Fähre hinüber zum Ufer mit der berühmten Skyline von Hongkong. Jetzt am Abend mit Lichtspielen und bunter Beleuchtung ist der Blick aus dem Fenster einfach phantastisch. Der Faszination der chinesischen Großstadt kann ich mich als Erstbesucherin nicht entziehen.

Aber es gibt hier Menschen, die hinter die Fassaden schauen. "Rund 150.000 philippinische und ebenso viele indonesische Haushaltshilfen arbeiten in Hongkong. Sie werden oft misshandelt und gegen bestehenden Recht ausgebeutet. Fast 60 Prozent der Bevölkerung leben in engen subventionierten Wohnungen, Wohnraum ist so knapp, dass er für viele nicht bezahlbar ist". Anneliese Hahn Wong, die mir das erzählt, nutzt die Zeit, die wir bei der Fahrt vom Flughafen in die Stadt haben, um mir das andere Hongkong zu erschließen.

Seit 40 Jahren lebt und arbeitet sie in Hongkong. Über die Vereinte Evangelische Mission (VEM) ist sie nach Hongkong gekommen. Zunächst hat sie Sozialarbeit, später auch Theologie studiert, um in der Partnerkirche zu arbeiten. Neben mir sind auch der Generalsekretär der VEM Dr. Fidon Mwombeki und die Archivarin Julia Besten mit dabei.

Die chinesische Partnerkirche ist der Anlass meines kurzen Besuches, sozusagen eine rheinisch-rheinische Begegnung. Denn es gibt in Hongkong eine rheinische Kirche, die Chinese Rhenish Church, die am 31. August ihren 100. Geburtstag feiert. Den Namen trägt sie nicht von ungefähr, denn Missionare der Rheinischen Missionsgesellschaft, der  Vorläuferin der heutigen VEM, haben die erste Gemeinde in Hongkong gegründet. 

Bis heute sind die Chinesen diesen Wurzeln besonders verbunden. Rheinisch steht, so erläutern sie mir, für eine gute, theologische Tradition. Neben den vielen neuen charismatischen, theologisch oft sehr dürftigen aber reißerischen Kirchen betont die Chinese Rhenish Church (CRC), dass sie von Theologen aus dem Lande Luthers und der Reformation gegründet worden ist.

Inzwischen sind ist die CRC schon lange selbstständig. Innerhab der VEM zeichnet sie sich dadurch aus, dass sie die erste Kirche war, die neben den deutschen Kirchen auf Spendenaufrufe reagierte und bei Katastrophen einen Beitrag zur Soforthilfe leistete. Mittlerweile sind ihr viele Kirchen aus dem Süden gefolgt.

Die CRC ist sozial und diakonisch sehr engagiert. Anneliese Hahn Wong: "Mit den Migrantinnen machen wir Informationsveranstaltungen und nehmen sie mit zu Behörden und anderen wichtigen Einrichtungen. Und bei Übergriffen auf die Hausangestellten, von denen es in der letzten Zeit leider mehrere gab, gehen wir an die Öffentlichkeit. Nicht zuletzt ist darum das Thema der ausländischen Hausansgestellten jetzt bei Polizei, Rechtsprechung und in den Medien präsent."

Nach dem Begrüßungsessen mit Vertretern der CRC in einem traditionellen chinesischen Restaurant, das Peking-Ente mit vielen verschiedenen Vorspeisen als Spezialität anbietet, fahren wir noch zu einer Evangelisationsveranstaltung, die die Hongkonger Gemeinden gemeinsam organisiert haben. Auch wenn wir in der Festhalle eines Universitätscampus nur noch das Ende der Veranstaltung miterleben, sind wir erstaunt, dass 1.400 meist junge Leute sich hier intensiv mit dem christkichen Glauben auseinandergesetzt haben.

"Unsere Gemeinden wachsen jährlich um rund drei Prozent", berichtet der Generalsekretär Leon Chau. "Insgesamt sind circa 15 Prozent der Hongkonger Bevölkerung Christen, viele junge Menschen spüren die Leere, die bleibt, wenn man nur auf Geldverdienen und Konsum aus ist."

Der Festakt zum 100. Jubiläum steht noch aus, aber die ersten Eindrücke zeigen, dass die Kirche im Heute angekommen ist.

Erika Brehmen, Freiwillige aus Köln (M.), mit VEM-Generalsekretär Dr. Fidon Mwombeki (r.), Gemeindepfarrer Chang und Oberkirchenrätin Barbara Rudolph. Erika Brehmen, Freiwillige aus Köln (M.), mit VEM-Generalsekretär Dr. Fidon Mwombeki (r.), Gemeindepfarrer Chang und Oberkirchenrätin Barbara Rudolph.

31. August 2014, 7:10 Uhr

Erika Brehmen ist im Berufskolleg Kartäuserwall in Köln ausgebildete Chemisch-Technische Assistentin, sie gehört zur Kirchengemeinde Deutz/Poll. In der Kirchengemeinde engagiert sie sich in der Jugendarbeit, sie hat die Juleika-Card, hat bei Gemeindefest und zu Weihnachten Kinder-Basteln organisiert. Die VEM hat sie erst durch die Freiwilligenarbeit kennengelernt, hörte durch einen Flyer von der Freiwilligenarbeit. Gerade hat sie ihr Freiwilligenjahr in Hongkong begonnen.

Durch die Arbeit in Hongkong wird die Arbeit in ihrer Heimatgemeinde bekannt, wo Interesse besteht, will sie davon erzähken, "Die Erfahrung ist für mich sehr wertvoll, ich will gern anderen jungen Leuten davon erzählen", sagt sie. "Natürlich kann man hier Urlaub machen, aber die Begegnung mit den Menschen, der interkulturelle Austausch ist so intensiv, das ist in diesem Austausch das Besondere".

Die Länge des Projektes findet sie sehr gut. Ein halbes Jahr lang arbeite sie in einer Schule als Lehrassistenz, danach wird sie noch einmal zu einer anderen Schule arbeiten. Jetzt beginnt sie aber erst einmal mit einem Sprachkurs.

Die Partnerschaft der CRC Hongkong mit dem Kirchenkreis Köln-Mitte besteht erst seit zwei Jahren. U.a. begleiten sie in Köln chinesische Studierende mit einem Mitarbeiter aus ihrer Kirche, die Kölner Gemeinden stellen Räumlichkeiten. Die VEM ist angefragt, Finanzen für Programme zur Verfügung zu stellen.

31. August 2014, 13:25 Uhr

Mehr als tausend Gäste feiern das Jubiläum der CRC. Für die Evangelische Kirche im Rheinland überreiche ich die historische Zeitung zur Barmer Synode in einem Rahmen. Der letzte Satz der Barmer Theologischen Erklärung: Verbum dei manet in aeternum. Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit. Das war die Grundlage meines Grußwortes.

1. September 2014, 2:16 Uhr

Mein Grußwort beende ich mit den Worten Shang Dai Ju Fi Li, die ich hier leider nur in der Umschrift und nicht mit den chinesichen Buchstaben schreiben kann, auf deutsch: Gott segne Euch!

Die Kirche in Hongkong feiert 100 Jahre ihres ersten Kirchengebäudes, das sich neben den vielen Wolkenkratzern klein ausnimmt. Schon vor über 150 Jahren kamen die ersten Missionare nach China, aber erst genau vor 100 Jahren wurde mit dem erstem Kirchengebäude die Kirche in Hongkong gegründet. Ein zweites Jubiläum feierte die Kirche ebenfalls, die Entstehung des Sozialwerkes vor 50 Jahren. In der Großstadt engagieren sich die die insgesamt 19 Kirchengemeinden mit ca. 14.000 Gemeindegliedern zum Beispiel in der Bildungs-, Jugend- und Altenarbeit. Die Arbeit mit Jugendlichen, die keinen Schulabschluss haben (sogenannte Drop outs) bildet einen der Schwerpunkte.

 

Im Jugendcenter, auch hier begleitet von Anneliese Hahn Wong (l.). Im Jugendcenter, auch hier begleitet von Anneliese Hahn Wong (l.).

1. September 2014, 16:26 Uhr

Heute haben wir das Lutherische Theologische Seminar besucht, das die CRC mit einigen lutherischen Kirchen Hongkongs betreibt. Heute wird das neue Semester eröffnet, wir treffen nach dem Eröffnungsgottesdienst auf zwei Theologiestudenten aus Deutschland (neben Thailand, Vietnam, Mynmar, Kambodscha, VR China, Norwegen u.a.). Max, einer der Studenten, sagt: Hier zu studieren ist etwas sehr Besonderes. Ich bin sehr gespannt auf die Begegnungen und das Studium. Das Seminar ist offen für Studierende aus aller Welt und hat Synchron-Ùbersetzungen von Kantonesisch in Mandarin und Englisch.

Am Nachmittag besuchen wir ein Altenheim und ein Jugendcenter. Viele Menschen in Hongkong leben in 30 qm großen Wohnungen, Platz zum Spielen, Hausaufgaben machen und vielen anderen Dingen bleibt nicht. Darum bieten die Gemeinden ein Jugendcenter an, in dem Kinder und Jugendliche sich aufhalten können.

In einem Jugendcenter vor allem für gefährdete Jugendliche gibt es Platz zum Dartspielen, für Musikbands und modernen Tanz, Billard und zum Kickern. Der Kicker war allerdings so ramponiert und kaputt, die Spieler standen kreuz und quer und einem fehlte der ganze Unterleib, das konnte ich als Vertreterin des Fußballweltmeister-Landes nicht ertragen. Deshalb habe ich entschieden, für das Center einen neuen Kicker zu spenden. Er wird in den nächsten Tagen die Jugendlichen begrüßen, wenn sie mit Schulbeginn wieder das Zentrum bevölkern werden.

Jugendliche, erzählt die Sozialarbeiterin, "brauchen Platz, Rückzugsmöglichkeiten und Freiheit. Wie soll das gehen bei 30 qm pro Familie? Viele sind gefährdet, Drogen und Kriminalität sind an der Tagesordnung. Im Zentrum können sie so sein, wie sie wollen, und bekommen trotzdem christliche Werte vermittelt, die ihnen helfen, ihr eigenes Leben zu gestalten."

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Montag, 1. September 2014. Die letzte Aktualierung erfolgte am Montag, 1. September 2014. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / 01.09.2014



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