EKiR von A-Z
EKiR von A-Z Themen, Arbeitsfelder, kirchliche Einrichtungen von A-Z mehr

Ballonaktion: Die Teilnehmenden des Tags des christlich-islamischen Dialogs lassen ihre gute Wünsche und Hoffnungen in den Krefelder Himmel steigen. Ballonaktion: Die Teilnehmenden des Tags des christlich-islamischen Dialogs lassen ihre gute Wünsche und Hoffnungen in den Krefelder Himmel steigen.

Tag des christlich-islamischen Dialogs

Gelungene Premiere

Erst haben wir gar nicht geredet, dann haben wir aneinander vorbeigeredet, sagt jemand im Laufe des Tages, der eine Uraufführung ist: Mittlerweile gibt es tausend Dialogfäden, und seit Samstag den allerersten „Tag des christlich-islamischen Dialogs“.

Dialogisch auch in der Musik: Murat Cakmaz (Ney) und Dimitrios Venezelas (Klavier). Dialogisch auch in der Musik: Murat Cakmaz (Ney) und Dimitrios Venezelas (Klavier).

Mehr als tausend Menschen haben diesen Tag zusammen im Krefelder Seidenweberhaus sowie umliegenden Kirchen und Moscheen verbracht. Und dabei „die ganze Vielfalt des christlich-islamischen Dialogs erlebt“, wie Dr. Thomas Lemmen sagt, einer der Veranstaltungsleiter. Kirchenrat Pfarrer Rafael Nikodemus, rheinischer Dezernent für christlich-islamischen Dialog, zieht dieses Fazit des Dialogtags: „Die Erwartungen haben sich erfüllt. Richtig viele Menschen über den engeren Kreis der ,Dialogmenschen‘ hinaus haben hergefunden.“ Es sei wirklich ein breites Publikum erreicht worden. Dieser Zuspruch ermutige auch zu Begegnungen in der Zukunft. 

Sylvia Löhrmann, stellvertretende NRW-Ministerpräsidentin. Sylvia Löhrmann, stellvertretende NRW-Ministerpräsidentin.

Auf das Symbol des Baumes, das den Dialogtag grafisch begleitet, kam die stellvertretende NRW-Ministerpräsidentin Sylvia Löhrmann bei der Eröffnung am Morgen zu sprechen. Es gelte, gemeinsam einen Baum zu gestalten, das Symbol für Leben und Wachstum. Die Grünen-Politikerin warb dafür, ein toleranteres Miteinander zu entwickeln.

Koranrezitation durch Imam Muharrem Yazici. Koranrezitation durch Imam Muharrem Yazici.

Nach einer Koranrezitation durch Imam Muharrem Yazici kam die evangelische Pastorin Katrin Meinhard in ihrem „Wort zum Tag“ auf das bevorstehende Pfingstfest zu sprechen: Frauen und Männer, Junge und Alte sprächen in Sprachen, die sie seit ihrer Kindheit kennen, „und andere hören ihnen zu und verstehen sie, obwohl sie eine andere Muttersprache haben“. Und so wünschte sie den Versammelten, „immer mehr voneinander zu verstehen“. 

Bei der Eröffnung, u.a. vorn 2.v.r. Präses Manfred Rekowski. Bei der Eröffnung, u.a. vorn 2.v.r. Präses Manfred Rekowski.

Das Motto des Tages „Zukunft im Dialog“ griff Krefelds Oberbürgermeister Greogor Kathstede auf, lobte die „öffentliche und offene Einladung zur interreligiösen Begegnung“ und damit das „weithin sichtbare Signal für den Zusammenhalt“. Er sprach auch noch einmal den „Wald des Dialogs“ an, 1.700 Ende März im Oppumer Busch gepflanzte Bäume, die nun jeden Tag wachsen. Wachsen, wie auch der Dialog.

Man muss es sagen: Wettertechnisch war der Tag enttäuschend, Außen-Angebote für Kinder oder auch die Himmelsleiter fielen buchstäblich ins Wasser. Wo ein Schaden, da ist der Spott nicht weit: Als es in der mittäglichen Pressekonferenz um den „Wald des Dialogs“ ging, bemerkte jemand – echt konstruktiv: „Der Wald kriegt heute, was er braucht.“ 

Still vom Tag: Bändchen. Still vom Tag: Bändchen.

„Ich glaube an Gott und bin Muslimin“, sagt eine junge Frau. Cut. Ein junger Mann: „Ich bin religiös, ich gehe regelmäßig in die Kirche, ich bete vor dem Mittagessen.“ Schnitt. Eine Frau: „Ich bin Muslimin, bete, wenn es mir schlecht geht, esse kein Schweinefleisch, bin aber nicht richtig religiös.“ Ein weiterer Schnitt, eine Frau: „Ich habe eine starke Beziehung zu Gott, ich beziehe ihn in alle Lebensbereiche ein. Ich gehe in den Gottesdienst, denn die Gemeinschaft dort hilft mir sehr.“ Mit diesen und weiteren Videoausschnitten begann die Podiumsdiskussion „Wie hältst Du’s mit der Religion?“. Moderatorin Asli Sevindim, WDR-Journalistin, fragte die Beteiligten zunächst nach ihren allerersten religiösen Kindheitserinnerungen. Dank seiner Eltern sei er früh, offen und nah an Religion herangebracht worden, erzählte Aiman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland. „Nicht belehrend, sondern durch das Vorbild.“ So sei Glauben von Beginn an Bestandteil seines Lebens. „Glauben ist wie Atmen.“

Younes Al-Amayra, Mitbegründer des muslimischen Poetrywettbewerbs "i,Slam", trat am Abend auf. Younes Al-Amayra, Mitbegründer des muslimischen Poetrywettbewerbs "i,Slam", trat am Abend auf.

Manfred Rekowski, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, nannte die familiären Rituale, vor allem das Nachtgebet. Tief abgespeichert sei bei ihm auch der frühe Besuch von Kindergottesdiensten: „Es war eine andere Welt und es war sehr schön.“ Eine Islamwissenschaftlerin berichtete von ihrem über arabischen Handschriften gebeugten Großvater.

Eine Schauspielerin und Regisseurin zitierte den Satz: „In der Kirche ist es kalt.“ Also: unbedingt Jacke mitnehmen. „Erst als Erwachsene habe ich erfahren, dass Kirche auch warm sein kann.“ Nicht nur im Blick auf die Temperatur.

Musizierten beim Multireligiösen Gebet: Recep Seber (Kanun) und Rüdiger Scheipner (Saxopon). Musizierten beim Multireligiösen Gebet: Recep Seber (Kanun) und Rüdiger Scheipner (Saxopon).

Im weiteren Gespräch erläuterte der rheinische Präses, warum „Glaube nicht erblich“ ist. Obwohl christlich erzogen, habe er sich dazu verhalten müssen, ein „nicht ganz einfacher Prozess“ in seiner Jugend. Und auch als Pastor nicht abgeschlossen. Sein Beispiel: die Sterbebegleitung auf einer Kinderstation. Rekowski: „Fragen und Zweifel gehören zum Glauben dazu.“

An anderer Stelle warb der Präses dafür, dass Frömmigkeit und Weltverantwortung zusammen gehören, auch für die verschiedenen Religionen. „Da ist noch Luft nach oben.“ Sein „Lieblingsbeispiel“ erzählte er auch: die CVJM-Hausaufgabenhilfe in einem türkischen Kulturzentrum in Wuppertal. „Das heißt, wir nehmen gemeinsam Verantwortung für Jugendliche wahr.“ Es laufe eine ganze Menge, doch bestünden noch viele Herausforderungen, so Rekowski, der Beifall auch für diese Sätze erhielt: „Wir haben keine Kopiervorlage. Wir müssen es neu entwickeln.“

Bietet dieser Dialogtag nur „Friede, Freude, Eierkuchen“? Nein, sagte Mazyek, der Dialog sei Austausch, auch kritischer Austausch, und letztlich „nackte Friedensarbeit“. Von Protestanten hat er gespiegelt bekommen, dass islamisches Glaubensleben in Deutschland auch christliches neu belebt, etwa das Fasten. Mazyek: „Das freut mich.“ Aachens Weihbischof Dr. Johannes Bündgens bezog sich u.a. auf das Baum-Symbol des Dialogtags: „Hier sieht man auch die Wurzeln“ – und diese gelte es zu pflegen, warb er für einen gemeinsamen Aufbruch.

Workshop Kunst zum Mitmachen. Workshop Kunst zum Mitmachen.

„Wir erfinden den Dialog nicht neu“, stellte Wilhelm Sabri Hoffmann von der Christlich-Islamischen Gesellschaft noch einmal klar. Verantwortet wurde der Dialogtag von den Partnern im Christlich-Islamischen Forum, in dem Bistümer und Landeskirchen in NRW sowie muslimische Organisationen unter dem Dach der Christlich-Islamischen Gesellschaft vertreten sind. Dunya Adigüzel von der Islamischen Gemeinschaft Milli Görus erwähnte „Stolpersteine“ bei den Vorbereitungen, doch jetzt sei der Tag von harmonischem Miteinander geprägt – mit „starker Beteiligung“.

Rafet Öztürk von der Türkisch-Islamischen Union Ditib bekräftigte, dass der Dialog ein Auftrag an alle Religionsgemeinschaften ist. Die Besonderheit des Dialogtages allerdings bestehe darin, dass wirklich alle Schritte abgesprochen und der Tag konsequent dialogisch konzipiert und organisiert wurde. Dr. Thomas Lemmen: „Wir hoffen, dass es nicht bei der Premiere bleibt.“ Krefeld, so seine Hoffnung, möge in die Geschichte eingehen als der Ort des ersten Dialogtags.

Auch in der Pressekonferenz noch einmal skeptisches Nachfragen: Werden Probleme unter den Tisch gekehrt? Friede, Freude, Eierkuchen? Nein, antwortete Lemmen, im Programm sind auch „heiße Eisen“ wie das Abdriften muslimischer Jugendliche in Extremismus oder Islamfeindlichkeit und Rechtsextremismus auf der anderen Seite.

„Lernen durch Begegnung ist alternativlos“, betonte Präses Rekowski bei einem Podium am Nachmittag im Foyer. Im Multireligiösen Gebet am Abend erklärte Kirchenrat Nikodemus, dass sich Muslime und Christen gemeinsam an Gott wenden. „Es ist ein Gott. Aber wir haben unterschiedliche Vorstellungen von Gott.“ Der Dialog werde fortgeführt.

Kabarettistisch verschönerter Dank: Pfarrer Dorothee Schaper als Kabarettistisch verschönerter Dank: Pfarrer Dorothee Schaper als "Esther".

Das Gebet war nicht der letzte Akt. Vor der Feier mit brasilianischer und türkischer Musik sowie Kostproben islamischer Poetry gab es noch eine überraschende Ordensverleihung. Dorothee Schaper, Kölner Pfarrerin für christlich-islamischen Dialog, schlüpfte in ihre Rolle als Ehrenamtlerin „Esther“ und überreichte den Hauptverantwortlichen Dankesorden. Handgemalt. Mit Moscheekuppel und Kirchturm. Sozusagen ein „Dialogehrentaler“. 

Facebook, Twitter und Google+ einschalten
Seite drucken Seite versenden

 

ekir.de / neu / 11.05.2014



© 2016, Evangelische Kirche im Rheinland – EKiR.de
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung