EKiR von A-Z
EKiR von A-Z Themen, Arbeitsfelder, kirchliche Einrichtungen von A-Z mehr

In kleiner Runde vertieft über Erfahrungen austauschen: einer der Stehtischgruppen bei 'Kirchenleitung im Gespräch' zum christlich-muslimischen Dialog.. In kleiner Runde vertieft über Erfahrungen austauschen: eine der Stehtischgruppen bei "Kirchenleitung im Gespräch" zum christlich-muslimischen Dialog.

„Kirchenleitung im Gespräch“

„Diese Aufgabe ist uns vor die Füße gelegt“

Die Arbeitswelt scheint für gute Beziehungen gesorgt zu haben: Ein Mann, der 45 Jahre bei Thyssen war: „Man hatte ja tagtäglich miteinander zu tun, die haben sich auch integriert. In der Arbeitswelt passte es.“ Ein Presbyter aus Oberhausen nickt: „Das kenne ich auch aus der Gastronomie.“ 

Acht Männer, für diesen Austausch an Stehtischen zusammengewürfelt, diskutieren an diesem Oktoberabend im Gemeindehaus an der Duisburger Straße in Dinslaken. „Kirchenleitung im Gespräch“ ist der Abend überschrieben, es geht um Erfahrungen der Gemeinden mit Musliminnen und Muslimen vor Ort und Ansichten zum Islam.

Dabei sind die anwesenden Kirchenleitungsmitglieder zunächst einmal eher hörend unterwegs, haben sich an die Stehtische verteilt, an denen die geschätzt achtzig Teilnehmenden in Kleingruppen diskutieren. Es gibt gelbe Zettel für Notizen: Was klappt im christlich-muslimischen Dialog? Später gibt noch zwei weitere Farben: Auf blaue Zettel soll notiert werden, wo es hakt in der Begegnung mit Muslimen. Auf die roten Zettel sollen Wünsche für die kirchliche Weiterarbeit kommen.

Intensives Hören, tiefe Aussprache - das gelang bei Intensives Hören, tiefe Aussprache - das gelang bei "Kirchenleitung im Gespräch" mit Gemeindegliedern.

Viele gute Erfahrungen

Es gebe richtig viele gute Erfahrungen, wird die Düsseldorfer Pfarrerin Dr. Barbara Schwahn später die gelben Zettel aller Gruppen zusammenfassen: „Es gibt viele Erfolge, es gibt mehr gelbe als blaue Zettel.“ Die Lebenswelt von Christen und Muslimen sei gar nicht so unterschiedlich. Sorgen werden geteilt, etwa die Glaubensvermittlung bei Jugendlichen, Arbeitslosigkeit, Kriminalität. Die Willkommenskultur ist hoch, die Gastfreundschaft von Muslimen wunderbar. Tutti paletti?!

Nun, sagt ein Mann an diesem einen Achter-Stehtisch, in der Arbeitswelt klappt es, aber persönlich? In 25 Jahren Nachbarschaft mit einer türkischen Familie, die Kinder gleich alt, sei es nicht ein einziges Mal gelungen, persönlich ins Gespräch zu kommen. Geburtstagseinladungen an die Kinder wurden ausgeschlagen.

Noch etwas für Blau? Ein Küster erzählt von seinem Ärger über „junge türkische Männer“, die „hinter der Sakristei Zirkus gemacht“ und gekifft haben, bis hin zur Störung während Gottesdiensten. „Das hat mich geärgert.“

Wunsch nach Respekt

Und dann sagt er noch, Gemeindeglieder seien als Christenhure beschimpft worden. „Soll ich das aufschreiben?“, fragt der Mann, der die Zettel für diese Gruppe schreibt. Nein, antwortet stellvertretend der Thyssen-Ehemalige, aber, verallgemeinert er, „die“ achteten andere nicht, „der“ Islam akzeptiere andere nicht.

Da mischt sich ein anderer ein: Auch er wisse von beschwerlichen „Verunglimpfungen und fehlendem Respekt“. Aber er erwähnt auch brennende Flüchtlingsheime und stellt klar, dass es „auf allen Seiten“, wie er sagt, „sone und solche“ gibt.

Sein Vorredner legt nach, Christus habe die Liebe in die Welt gebracht, Mohammed das Schwert. Geht das zu weit? Der Mann, der in dieser Kleingruppe die Zettel fürs Plenum schreibt, sagt: „Ich schreibe auf die blaue Karte: Junge türkische Männer kiffen vor dem Gemeindehaus.“ 

Die anwesenden Kirchenleitungsmitglieder hören aufmerksam auf die Vor-Ort-Erfahrungen (v.l.): Barbara Rudolph, Klaus Eberl (verdeckt), Dr. Johann Weusmann, Manfred Rekowski, Christoph Pistorius und Dr. Barbara Schwahn. Die anwesenden Kirchenleitungsmitglieder hören aufmerksam auf die Vor-Ort-Erfahrungen (v.l.): Barbara Rudolph, Klaus Eberl (verdeckt), Dr. Johann Weusmann, Manfred Rekowski, Christoph Pistorius und Dr. Barbara Schwahn.

Offenes Gespräch mit Gemeindegliedern

Im Laufe des Abends, an den verschiedenen Stehtischen und im Plenum wird klar: Türkisch muss nicht muslimisch heißen. (Generationen-) Konflikte machen nicht an Religionsgrenzen Halt. Religion und Kultur sind nicht in eins zu setzen. „Kirchenleitung im Gespräch“ ist eine Reihe, sie wird in Solingen, Köln und Saarbrücken fortgeführt. Das Ziel der Kirchenleitung ist, in dieser Reihe in offene Gespräche mit Gemeindegliedern zu kommen. Auch Gespräche mit Musliminnen und Muslimen selbst gab es schon, und sie werden natürlich fortgesetzt.

Zugleich ist die Reihe Teil des breit und bis Anfang 2018 angelegten Diskussionsprozesses zum christlich-muslimischen Dialog. Das dazugehörende Diskussionspapier heißt „Weggemeinschaft und Zeugnis im Dialog mit Muslimen“. Um dieses Papier aber geht es jetzt hier in Dinslaken nicht primär.
Vor allem nicht jetzt an diesem Stehtisch, denn hier sind nun die roten Zettel dran: Wünsche! Ein Pfarrer möchte weg von einer „falschen Rücksichtnahme“ auf elementare christliche Anliegen. Wird aufgeschrieben: „Selbstbewusster Christologie in den Dialog einbringen.“ Ein Baukirchmeister aus Essen: „Das möchte ich intensiv unterstützen.“

Intensiv – was heißt das? Uneinigkeit an diesem Stehtisch: Ein anderer, ein pensionierter Pfarrer mischt sich ein, beruft sich auf den Apostel Paulus und sagt: „Ein Christ muss auch kämpfen.“ Da kommt Abgrenzung von seinem Pfarrkollegen: „Selbstbewusst heißt für mich aber nicht: mit dem Gesangbuch auf die Köppe hauen.“

Erkennbar und offen

Nun aber mal sitzen, die Kleingruppen kommen im Plenum zusammen. Kreiskirchliche Synodalbeauftragte für den christlich-muslimischen Dialog skizzieren kurz und bündig ihre Erfahrungen, berichten u.a. vom Austausch mit Moscheegemeinden, von großen Gemeinschaftsaktionen, nachdem junge Dinslakener in den Dschihad gezogen waren.

Gelb, blau, rot - anhand der farbigen Zettel wurde ein Überblick gegeben, was in den verschiedenen Kleingruppen diskutiert wurde, beklagt wurde u.a. konservative muslimische Theologie. Deutlich wurde: In einigen Gruppen wurden gute Deutschkenntnisse berichtet, in anderen fehlende beklagt.

In der anschließenden Plenumsdiskussion wurde dann beispielsweise die Verteilung von Kita-Plätzen angesprochen. Eine Frau thematisierte die Frage, nach welchen Kriterien die Kids ausgewählt werden sollen: Gemeindeaufbau oder Integration? Der für Erziehung und Bildung zuständige Oberkirchenrat Klaus Eberl warb für eine Balance, die vor Ort austariert werden sollte. Evangelische Kindertagesstätten sollten zugleich erkennbar und offen sein.

Innerkirchlich Lasten teilen

Nachgefragt wurde, ob Kirchengemeinden in sozial belasteten Stadtteilen im Stich gelassen werden. Präses Manfred Rekowski hörte dieses Thema auf dem Ohr innerkirchlicher Finanzausgleich. Lasten müssten verteilt werden, wenn Gemeinden an ihre Grenzen kämen. Die Kirchenleitung werde den Umgang mit unvergleichbaren Sozialverhältnissen in den verschiedenen Regionen der Landeskirche im Blick behalten, versprach er. Weil, spitzte er zu: Reichtum ist schließlich „unverdient“ und Armut „unverschuldet“.

Zwei Schlussappelle seien noch herausgegriffen: Der Präses warb ganz grundsätzlich dafür, den gefährdeten gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern. „Diese Aufgabe ist uns vor die Füße gelegt.“ Und Oberkirchenrätin Barbara Rudolph, Leiterin der Abteilung Theologie und Ökumene, bat, die Diskussion über den Islam und den Dialog in die Gemeinden und Presbyterien hineinzutragen und über die Ergebnisse dann auch zu berichten. Zur Vorlage „Weggemeinschaft und Zeugnis im Dialog mit Muslimen“ gebe es bis dato 85 Rückläufe. „Das ist uns noch zu wenig.“ 

Die weiteren Termine "Kirchenleitung im Gespräch": 14. November: Köln,  21. November: Solingen und  23. November: Saarbrücken

Facebook, Twitter und Google+ einschalten
Seite drucken Seite versenden

 

ekir.de / neu / 26.10.2016



© 2017, Evangelische Kirche im Rheinland - EKiR.de
Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung nur mit Genehmigung.