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Behzad kam als minderjähriger Flüchtling nach Deutschland. Behzad kam als minderjähriger Flüchtling nach Deutschland.

Herzlich willkommen! Flüchtlingsarbeit in der rheinischen Kirche (6)

Hoffnung, Sicherheit und Perspektive

Behzad ist ein höflicher, den Menschen zugewandter Junge. Im Gespräch lacht er viel, wenn auch manchmal ein wenig zurückhaltend. Ob er seine Vergangenheit wirklich hinter sich lassen kann? Trotzdem blickt er jetzt erst einmal nach vorne. 

Behzad mit Regina Alfers-Behrens, die sich als Vormund für den 17-Jährigen einsetzt. Behzad mit Regina Alfers-Behrens, die sich als Vormund für den 17-Jährigen einsetzt.

„Ich möchte einmal Arzt werden und in Deutschland bleiben können“, sagt der 17-Jährige, der sein Leben in die Hand von Schleppern legte, die ihn aus dem Iran über die Türkei nach Griechenland brachten. Sodann folgte noch eine Station in Italien, bis Behzad in Deutschland und schließlich im Mai 2013 in Wuppertal strandete. Dass er inzwischen eine unbegrenzte Aufenthaltserlaubnis hat, sorgt nicht nur bei dem Flüchtling für Erleichterung. Regina Alfers-Behrens hat über das Projekt „Do it!“ der Diakonie in Wuppertal ehrenamtlich eine Vormundschaft über den Jugendlichen übernommen.

Als sie von dem in diesem Jahr mit dem WDR-Kinderrechtepreis ausgezeichneten Projekt hörte, war sie vom Engagement für die Flüchtlingsarbeit sehr angetan. „Meine beiden Töchter stehen mittlerweile auf eigenen Füßen. Da habe ich mir gedacht: Das wäre genau die richtige Aufgabe für dich“, erzählt die Wuppertalerin. Als Vormund für Behzad nimmt sie die rechtliche Vertretung für den Jungen wahr.

Neue Perspektive durch „Do it!“ 

Denn immer wieder kommen wie Behzad Minderjährige aus unterschiedlichen Gründen ohne Begleitung von Eltern oder Verwandten nach Deutschland. Sie brauchen Rechtssicherheit, Unterstützung bei ganz alltäglichen Problemen und vor allem das Gefühl, in der Fremde nicht wieder ganz alleine zu sein. Zur Zeit leben in Wuppertal rund 130 unbegleitete Flüchtlinge unter 18 Jahren. Nicht zuletzt durch „Do it“ haben sie in Form einer Vertrauensperson Hoffnung, Sicherheit und eine neue Perspektive gefunden.

„Als Vormund zu fungieren ist eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe. Das ist überhaupt nicht zu vergleichen mit zum Beispiel einer Hausaufgabenhilfe“, betont Projektleiterin Katrin Löffelhardt. Das Ruhen der elterlichen Sorge wird vom Familiengericht festgestellt. Wer zum Vormund bestellt wird, kümmert sich darum, wie es in der Schule läuft und unterschreibt Zeugnisse.

Außerdem geht es darum, die aufenthaltsrechtliche Situation zu klären und den Jugendlichen bei den verschiedenen Anträgen zu vertreten. Weiterhin stehen gesundheitliche Belange im Fokus. Weil die jungen Menschen zumeist in Jugendhilfeeinrichtungen leben, wird auch dieser Aufenthalt von den Vormündern begleitet. „Das sind die großen Bereiche, wo die Ehrenamtlichen gefordert sind“, erklärt Katrin Löffelhardt.

Intensive Schulungen vorab

Aufgrund der erheblichen Tragweite der Aufgabe werden potenzielle Vormünder gründlich auf ihr Ehrenamt vorbereitet. In verschiedenen Schulungsmodulen erhalten sie grundlegende Kenntnisse zur aufenthaltsrechtlichen Situation und beispielsweise auch zum Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen.

Ist man als Vormund tätig geworden, können bei regelmäßigen Treffen Erfahrungen ausgetauscht werden. Doch bleibt es in den meisten Fällen nicht nur bei einer Beziehung mit rechtlicher Relevanz. So hat Behzad mit Regina Alfers-Behrens einen Besuch im Theater unternommen, hat einen Schwimmwettkampf verfolgt und besucht sie hin und wieder zu Hause.

Kontakt zu deutschen Jugendlichen fehlt

Derzeit kümmert sich die Wuppertalerin um eine weitere Nachhilfe, damit der junge Mann bestmöglich gefördert werden kann. Innerhalb kurzer Zeit hat er recht passabel Deutsch gelernt. An einem Gymnasium besucht er eine Förderklasse, in der Flüchtlingskinder Lücken in den Kernfächern aufarbeiten können.

Behzads Vater starb früh, der Kontakt zur Mutter besteht seit Jahren nicht mehr. Weil er im Iran zwei Jahre überhaupt keine Schule besucht hat, muss der gebürtige Afghane nun einiges nachholen. Auch dabei findet er bei Regina Alfers-Behrens Unterstützung.

Ehrenamtler bringen auch ihre Netzwerke ein

Grundsätzlich beobachtet Projektleiterin Löffelhardt: „Man kann deutlich ablesen, dass ,Do it` zur verbesseren Integration beiträgt. Die aufenthaltsrechtliche Klärung und das Eingewöhnen in der Schule passieren schneller.“ Auch der Zugang zu Ausbildung und Praktikumsplätzen werde erleichtert – nicht zuletzt durch das große Netzwerk, das die Ehrenamtler mitbrächten. So wird das Projekt in Wuppertal fortgeführt und inzwischen auch in andere Kommunen Deutschlands übertragen.

Gleichwohl räumt Katrin Löffelhardt ein, dass sich dieses Ehrenamt nicht für jeden eignet und auch nicht immer frei von Konflikten ist. „Es prallen mitunter unterschiedliche Welten und auch Erwartungen aufeinander.“ Genauso habe der Kulturkreis, aus dem die Jugendlichen stammen, Einfluss auf die sich entwickelnde Beziehung zum rechtlichen Betreuer. „Es gibt Situationen, in denen sich die Vormünder sehr um den Jugendlichen bemühen, der Kontakt aber trotzdem so nicht gewünscht ist“, berichtet sie aus ihren Erfahrungen.

"Du bist nicht alleine"

Bei Behzad und Regina Alfers-Behrens stimmt indes die Chemie. Freundlich und partnerschaftlich gehen sie miteinander um. „Als ich in Wuppertal ankam, habe ich mich sehr alleine gefühlt. Doch dann haben mir andere gesagt: Du bekommst einen Vormund. Du bist nicht alleine“, erinnert er sich an die erste Zeit fern der Heimat.

Insofern kann Behzad vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. Und vielleicht entwickelt sich alsbald auch ein bisschen mehr Kontakt zu deutschen Jugendlichen. „Das würde ich mir wünschen“, sagt er und lächelt still vor sich hin.

Auf der Landessynode vom 11. bis 16. Januar 2015 stehen Flüchtlingsfragen auf der Tagesordnung.

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ekir.de / Stefanie Bona, Fotos: Daniel Schmitt / 10.01.2015



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