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Eine Gruppe von VEM-Delegierten besucht den von Armut betroffenen Duisburger Stadtteil Bruckhausen. Eine Gruppe von VEM-Delegierten besucht den von Armut betroffenen Duisburger Stadtteil Bruckhausen.

VEM-Vollversammlung

Wie Armut in Deutschland aussieht

Zugenagelte Fensterhöhlen, abgebröckelter Putz, Schutt direkt vor der Haustür. Ein Ausflug nach Duisburg und Essen zeigte einer Gruppe von Delegierten der VEM-Vollversammlung, was es in Deutschland bedeutet, arm zu sein. 

Gespräche der Besuchergruppe aus den VEM-Mitgliedskirchen in der evangelischen Gemeinde. Gespräche der Besuchergruppe aus den VEM-Mitgliedskirchen in der evangelischen Gemeinde.

Schließlich hatte die Vollversammlung der Vereinten Evangelischen Mission (VEM) Kinderarmut und Menschenhandel als Hauptthemen. Und so begann der Ausflugstag einer Delegiertengruppe in der Bruckhausener Stadtteilküche der Evangelischen Kirchengemeinde Ruhrort-Beeck. Dort erzählte Gemeindepfarrer Rüdiger Klemm die Geschichte der Gemeinde Ruhrort-Beeck und des Stadtteils Bruckhausen. In ihren besten Zeiten vor etwa 30 Jahren hatte die Gemeinde 5.000 Mitglieder – heute sind es nur noch zwischen 200 und 250. Was ist in der Zwischenzeit passiert?

Verrammelte Häuser in Bruckhausen. Verrammelte Häuser in Bruckhausen.

Antworten auf die Armut

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden von Thyssen-Krupp, damals nur Thyssen, in der Nähe des Stahlwerkes Unterkünfte für die Arbeiter gebaut. Mit dem Aufkommen von Autos fiel der ehemals florierende Stadtteil einem Abwärtstrend zum Opfer, so Pfarrer Klemm. Es wurden große Siedlungen auch außerhalb von Bruckhausen gebaut, und wer es sich leisten konnte, zog weg. Die Zuwanderer waren vornehmlich muslimischen Glaubens und so sank die Zahl der Gemeindeglieder. Lange gab es Gottesdienste in der evangelischen und der katholischen Kirche im Stadtteil, heute müssen die Gemeindeglieder in die benachbarten Stadttteile zum Gottesdienst gehen.

Es gab auch Diskussionen, das Gebäude der Stadtteilküche zu schließen, allerdings handelt es sich hierbei um ein wichtiges Projekt der Gemeinde, das laut Klemm einen Anlaufpunkt für Leute aus dem Stadtteil bildet und „eine Antwort auf die bestehende Armut ist“. Hier kann man für 1 bis 4 Euro ein warmes Mittagessen bekommen und mit anderen Leuten in Kontakt kommen. Auch wird Essen an Schulen, Kindergärten und alte Menschen geliefert. So bleibt das Gebäude selber zwar geöffnet, das dazugehörige Gelände musste jedoch verkauft werden. Hier sollen nun etwa 40 altersgerechte Wohnungen entstehen.

Zum Frühstück nur trocknes Brot

Auch der Kindergarten der Gemeinde wird gerade geschlossen. Wie Bärbel Hirchert, die Leiterin des Evangelischen Familienzentrums, weiter berichtet, besuchten vor 30 Jahren hauptsächlich Kinder aus deutschen Familien den Kindergarten. Längst ist er für muslimische Kinder geöffnet, heute beträgt ihr Anteil 98 Prozent. Um die kulturelle und die sprachliche Barriere zu überwinden, wurde eine neue Konzeption erarbeitet, wurden Elternarbeit und regelmäßige Hausbesuche verstärkt, um Vertrauen zu erwecken. Hirchert über neue Chancen: „Es gibt eine Verbindung des evangelischen und des muslimischen Glaubens.“ Einer könne vom anderen lernen.

Auch die Armut im Stadtteil zeigt sich an den Kindern. Das in den Kindergarten mitgebrachte Frühstück besteht oftmals nur aus trockenem Brot, manchmal mit Salz, berichtete Hirchert. Um für eine gesündere Ernährung der Kinder zu sorgen, wird das Essen inzwischen im Kindergarten vorbereitet.

Eingeschränkte Lebenswelt der Kinder

Außerdem schicken viele der Eltern ihre Kinder nicht zu den notwendigen Vorsorgeuntersuchungen, weshalb auch insofern der Kindergarten viel Beratungsarbeit leistet. Die Kinder spielen hauptsächlich im Hinterhof, für Ausflüge, beispielsweise in den Zoo, fehle das Geld. Bärbel Hirchert: „Die Lebenswelt der Kinder ist sehr eingeschränkt.“

Edeltraud Klabuhn von der Entwicklungsgesellschaft Duisburg berichtete vom „Runden Tisch“ in Bruckhausen sowie dem „Frauentreff“, der Angebote wie beispielsweise ein Zoo- oder Kinobesuch plant, die dann durch städtische Mittel finanziert werden. Außerdem berichtete Klabuhn von heruntergekommenen privaten Häusern, deren Eigentümern das Geld für Sanierung fehlt. Deshalb sei nun das Projekt zur sozialen Stabilisation aufgelegt worden.

Das bedeutet: 121 Wohnhäuser werden derzeit abgerissen. Auf der Abrissfläche in der Nähe des Stahlwerkes entsteht nun bis Ende 2015 ein Park. Die Projektkosten belaufen sich auf 72 Millionen Euro. Die Gelder kommen von EU, Land NRW, Bund sowie von Thyssen-Krupp. 

Pfarrer Rolf Zwick (r.) stellt das Weigle-Haus vor, Kirchenrat Dr. Stefan Drubel, Leitender Dezernent der Bildungsabteilung im Landeskirchenamt, hatte die Fahrt mit vorbereitet. Pfarrer Rolf Zwick (r.) stellt das Weigle-Haus vor, Kirchenrat Dr. Stefan Drubel, Leitender Dezernent der Bildungsabteilung im Landeskirchenamt, hatte die Fahrt mit vorbereitet.

Besuch des Weigle-Hauses in Essen

Nach einer kleinen Sightseeing-Tour durch Bruckhausen und einem Mittagessen in der Stadtteilküche ging die Fahrt weiter nach Essen. Dort lernte die VEM-Gruppe das Weigle-Haus und seine Angebote kennen: Jugendgottesdienste, Beratung, Freizeiten, Ausbildungsmöglichkeiten, Hausaufgabenbetreuung und unterschiedliche Sportangebote. Arme Kinder können sich oft keine Hobbies leisten – im Weigle-Haus stehen ihnen kostenlose Angebote zur Verfügung.

Sportarten wie Boxen sollen den Jugendlichen eine legale Möglichkeit geben, Aggression freizusetzen und mit ihrer Kraft etwas zu machen. Außerdem werden Musik, Sport und Religion verbunden. Durch Musik soll die Bibel auf eine Art und Weise übersetzt werden, die die Jugend versteht und die sie zum Zuhören bewegt. Jugendliche sollen die Möglichkeit haben, „ihre Kirche für sich selber zu kreieren“, so Pfarrer Rolf Zwick, der Leiter des Hauses. Insgesamt besuchen jede Woche rund tausend Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene das Weigle-Haus.

Delegierter aus Ruanda: "Armut ist eine Realität"

Auf die Frage, was er nach dem Ausflug über Armut in Deutschland im Vergleich mit anderen Ländern sagen könne, antwortete Venant Ntokirutimana, Delegierter aus Ruanda: „Armut ist eine Realität, sowohl in Deutschland als auch in anderen Ländern.“ Nach seinem Eindruck ist sich die Bevölkerung hier der Probleme bewusst und versucht, zu helfen. Alle Länder hätten Schwierigkeiten, „auch wenn diese nicht auf dem gleichen Level sind“.

Armut in Deutschland und in afrikanischen und asiatischen Ländern sei nicht leicht zu vergleichen. Ntokirutimana: „In Deutschland gibt es in einer einzelnen Stadt große Unterschiede zwischen Arm und Reich. Es ist ein persönliches Problem mit physischen und psychischen Auswirkungen.“

 

 

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Mittwoch, 2. Juli 2014. Die letzte Aktualierung erfolgte am Mittwoch, 2. Juli 2014. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / Bericht und Fotos: Tomke Meyn / 02.07.2014



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