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Foto: Kirchenkreis Trier Im Bild (v.l.) Klaus Eberl, Dr. Jörg Weber, Wolfgang Huber und Peter Epp.

Evangelischer Kirchenkreis Trier

Die inspirierende Kraft der Reformation für die Bildung

„Prosit Bildung – dies soll das Leitwort des heutigen Tages sein.“ So eröffnete Wolfgang Huber seinen Vortrag beim Neujahrsempfang in Trier. „Der Bildung möge es gut gehen, damit es jungen Menschen gut gehen möge“, übersetzte der Theologe das ungewöhnliche Motto.

Wie in den vergangenen Jahren hatte der Evangelische Kirchenkreis Trier zu Beginn des neuen Schuljahres zum Neujahrsempfang geladen. Referent Wolfgang Huber war unter anderem Professor für Systematische Theologie an der Universität Heidelberg, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland.

In seinem Vortrag unter dem Titel „Die Reformation als Bildungsbewegung vor 500 Jahren - eine Herausforderung für die heutige Welt“ wandte er sich zunächst der Frage zu, worin der reformatorische Aufbruch besteht. Der Anlass sei das Interesse am „Kern des Evangeliums“ und Reformation somit der Aufbruch zu einem neuen und unmittelbaren Verständnis des Evangeliums gewesen, erläuterte Huber am Montag vor rund 500 Besucherinnen und Besuchern in der Evangelischen Kirche zum Erlöser, der Konstantin-Basilika in Trier.

Konzentration auf das Evangelische

„An der Konzentration auf das Evangelische festzuhalten, das scheint mir ganz zentral“, betonte Huber zur aktuellen Situation. Und in Abgrenzung zu evangelikalen Tendenzen fügte er hinzu: „Evangelisch meint mehr, nämlich die Orientierung am Evangelium.“ „Es geht um die Gerechtigkeit, durch die Gott selbst den Menschen gerecht macht“, nach Luther das „Hauptwerk“ der reformatorischen Idee. Niemand müsse sich einen gnädigen Gott verdienen und „jeder Mensch ist mehr als das, was er aus sich macht“, erläuterte Huber die Folgen dieser Einsicht

Was aber macht die Reformation zu einer Bildungsbewegung? Dieser Frage ging Huber in einem zweiten Schritt nach. Er verwies auf ein Zitat der Historikerin Irene Dingel: „Mit der Reformation ging die Neuentdeckung der Bildung Hand in Hand.“ Luther habe den christlichen Adel zu einer entscheidenden Bildungsreform aufgerufen. „Besonders wichtig war aber die Absage an einen ständisch orientierten Zugang zur Bildung“, so der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende weiter.

Gegen Separierung von Schülerinnen und Schülern

Huber: „Das Verhältnis zu Gott und der Dienst am Nächsten bestimmen zusammen das reformatorische Bildungsverständnis.“ Wo immer ein Bildungsnotstand bestünde, sei ihm durch politische Maßnahmen entgegenzuwirken. Ebenso wichtig wie der Zugang zu Quellen des Wissens sei aber auch die Fähigkeit, sich mit anderen darüber auszutauschen. „Das reformatorische Bildungsverständnis war durch ein Gleichgewicht von Verfügungswissen und Orientierungswissen geprägt“, fasste Huber zusammen.

„Es zeigt sich die inspirierende Kraft der Reformation insofern, als sie uns Orientierung in heutigen Bildungsfragen geben kann“, beantwortete Huber dann auch entsprechend die Frage nach dem Bezug zur heutigen Welt. Von Bildung spreche man heute als einem Menschenrecht, somit dürften Bildungszugänge nicht zu einer Separierung von Schülerinnen und Schülern führen. Damit verwies Huber auch auf das Thema „Inklusion“, das jedoch, so der Theologe weiter, heute überlagert werde durch das Thema „Flüchtlinge“. Der Grundsatz einer Bildung für alle müsse sich auch darin bewähren, dass Flüchtlingen ein schneller Zugang zu Bildung ermöglicht werde, so Huber.

Besonders Kinder hätten um ihrer selbst willen ein Recht auf Bildung, auch bereits in der frühen Phase der Kindertagesstätte. „Bildung müssen wir lebenslauforientierter sehen und weniger herkunftsorientiert“, sagte Huber. Mit dem Konzept „Bildung für alle“ sei der Ausschluss von Menschen nicht vereinbar.

Eine neue Balance von Leistungs- und Lebensorientierung

Bildung beziehe sich dabei immer auch auf das Gottesverhältnis, erläuterte Huber. Es gebe allerdings eine Tendenz, Religion gerade auch in der Schule an den Rand zu drängen. Dabei komme dem Religionsunterricht eine besondere Rolle zu: „Religionsunterricht ist nicht nur Unterricht, sondern eine Dimension von Bildung insgesamt.“

Eine neue Balance von Leistungs- und Lebensorientierung sei erstrebenswert. Es gelte, Verantwortung wahrzunehmen, Verantwortung zu lernen und eine Kultur der Anerkennung aufzubauen. Dies gehöre zu den schwersten Aufgaben einer Schule – damit bereite sie jedoch verstärkt auf das Leben vor. „Nicht nur die Schule, auch die Gesellschaft hat es nötig, dass wir Verantwortung lernen“, sagte der Referent.

Die humanitäre Dimension des Glaubens

Oberkirchenrat Klaus Eberl, Leiter der Abteilung Bildung im Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche im Rheinland, erinnerte in seinem Grußwort an die erste reformierte Generalsynode in Duisburg von 1610 und die damit verbundene presbyterial-synodale Ordnung, die in der rheinischen Landeskirche bis heute gilt. „Die Idee, die dahintersteht, ist die, dass jeder Getaufte in der Lage ist, Kirche zu leiten – und dazu ist Bildung nötig“, so der Bildungsexperte. Es gehe auch darum, im „Lernen des Glaubens die Freiheit des Christenmenschen zu finden“ – letztlich sei entscheidend, diese Freiheit im Alltag zu leben und lebbar zu machen, so Eberl weiter. „Es geht darum, dass man die humanitäre Dimension des Glaubens zu erfährt.“

Peter Epp, leitender Regierungsschuldirektor in Trier, betonte den Zusammenhang zwischen Reformation und heutiger Welt mit dem Stichwort der „pluralitätsfähigen Schule“. Der erste Paragraf des rheinland-pfälzischen Schulgesetzes mache dies deutlich, so Epp weiter. Individuelle Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler seien zu fördern, unabhängig von Religion, Weltanschauung oder Herkunft.

Protest und Kritik als wichtiger Teil von Bildung

„We don’t need no education“: Superintendent Dr. Jörg Weber eröffnete sein Grußwort mit einem Zitat aus Pink Floyds „Another brick in the wall“ und der Erinnerung daran, dass der Protest gegen Schule auch einen Teil seiner schulischen Erfahrung ausmacht. „Protest und Kritik wie im Song von Pink Floyd gehören für mich genauso zur Bildung eines Menschen dazu wie die Erkenntnis, dass Bildung eine der bedeutsamsten Aufgaben unseres Lebens, unserer Gesellschaft ist“, erläuterte Weber weiter. So sei beispielsweise zu erahnen, dass gerade die heute viele Menschen bewegende Flüchtlingsthematik auch eine „immense Bildungsaufgabe“ sein werde. „Aber ich bin sicher, wir dürfen auf unsere Traditionen wie auf unsere Lebenserfahrung zurückgreifen“, betonte der leitende Theologe des Evangelischen Kirchenkreises Trier.

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ekir.de / EKKT / 15.09.2015



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