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Die Professorin Andrea Bieler wird in den nächsten zwei Jahren untersuchen, welche Vorstellungen die Menschen im Nachhall von Gewalterfahrungen von ihrer Zukunft haben. Die Professorin Andrea Bieler wird in den nächsten zwei Jahren untersuchen, welche Vorstellungen Menschen nach Gewalterfahrungen von ihrer Zukunft haben.

Forschungsstipendium

„Die Gewalt hat nicht das letzte Wort“

Die Zukunft soll besser werden. Was der christliche Glaube zu einem verbesserten Miteinander beiträgt, und wie Gewalt das Weiterbestehen der Menschheit prägt, das untersucht die Theologin Dr. Andrea Bieler beim internationalen Forschungsprojekt „Enhancing Life“. 

Um sich in den nächsten zwei Jahren ganz dem Projekt zu widmen, erhielt die Professorin für Praktische Theologie an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel ein Forschungsstipendium der „John Templeton Foundation“. Im ekir.de-Interview spricht Andrea Bieler über die Existenz von Gewalt und die Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben.

Terror und Kriege sowie eine feindliche Stimmung gegen geflüchtete Menschen und andere Religionen prägen zurzeit unser gesellschaftliches Klima. Kann diese Welt überhaupt verbessert werden?

Gewalt scheint unausrottbar, und sie entsteht immer wieder aus unterschiedlichsten Gründen: Wer sie selbst erleiden musste, kann dies als Rechtfertigung benutzen, um wiederum gewaltsam gegen andere Menschen vorzugehen. In Deutschland mögen auf unserer Geschichte gründende diffuse Schuldgefühle oder aktuelle und ebenso unbestimmte Existenzängste für das Rechtfertigen von Gewalt herangezogen werden.

Derzeitige Medienberichte fokussieren sich auf das Beschreiben von Gewalt und Streit. Doch in meiner Heimat Wuppertal erlebe ich selbst auch anderes: Hier gibt es zahlreiche Initiativen, bei denen sich Menschen aus Kommune, Schulen, Kirchengemeinden und Diakonie für die Flüchtlinge in der Stadt einsetzen. Diese Engagierten bringen Werte, Traditionen und Überzeugungen mit, die sie veranlassen, anderen mit viel Empathie und spontanem Mitgefühl zu helfen – und damit an einem besseren Zusammenleben mitzuwirken.

Dieses „Enhancing of Life“ – das Verbessern des Lebens – zu ergründen, ist jetzt die Aufgabe von insgesamt 35 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Welchen Part tragen Sie dazu bei?

Gemeinsam mit Forscherinnen und Forscher verschiedener geisteswissenschaftlicher und naturwissenschaftlicher Disziplinen werde ich analysieren, wie Strategien zur Verbesserung menschlichen Lebens durch kulturelle und religiöse Traditionen geprägt sind. Dabei widme ich selbst mich ganz konkret der Frage, welche Vorstellungen die Menschen im Nachhall von Gewalterfahrungen von ihrer Zukunft haben.

Bei dem Kooperationsprojekt der Evangelisch-theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum mit der Divinity School der University of Chicago sollen bis zum Sommer 2017 die verschiedenen, miteinander interagierenden Dynamiken der Verbesserung des Lebens erfasst werden. Biologen, Theologen, Islamwissenschaftler, Ärzte, Sozialwissenschaftler und Medienwissenschaftler aus den USA, aus Israel, Großbritannien oder aus dem Irak wirken daran mit. Ziel ist es, Hypothesen zu Chancen und Gefahren solcher Verbesserungsstrategien zu finden und Kriterien für das verbesserte Zusammenleben zu benennen.

Wie sieht Ihr Forschungsalltag in den kommenden zwei Jahren aus?

Ich werde anhand von Literaturuntersuchungen sowie bei Beobachtungen und Interviews vor Ort drei Fallstudien betreiben. Dabei beschäftige ich mich mit dem „Institute of Healing Memory“ in Südafrika, das nicht nur eine individuelle Betreuung nach der Apartheid leistete, sondern ebenso den Austausch von tausenden Menschen mit unterschiedlicher ethnischer Herkunft initiierte.

Den Auswirkungen der Gewalt der Shoa auf nachfolgende Generationen sowie der Austausch der Nachkommen aus Opfer- und Täterfamilien hat sich der jüdische Psychologe Dan Bar-On gewidmet. Seine Arbeiten werde ich ebenso untersuchen wie das Wirken der multikulturellen Waldensergemeinde in Italien. Diese Gemeinde schafft es, aus ihrer christlichen Überzeugung heraus den geflüchteten Menschen in Lampedusa und Nordafrika mit großem Einsatz zu helfen.

Finden Christen und Juden eine Antwort auf die Gewalt?

In der Bibel wird die Gewalt oft Gott zugeschrieben, und das ist ein erster Schritt für den Umgang mit ihr. Im Blick zurück beschreibt das Alte Testament außerdem als eine Art Leitfaden, wie Vorfahren in zurückliegenden Jahrhunderten nach Vertreibung, Zerstörung ihrer Kultur und Deportation weitergelebt und sich neu orientiert haben. Auch Jesu Tod im Neuen Testament kann als Gewalterfahrung gedeutet werden: Er war Opfer römischer Staatsgewalt, er wurde gefoltert und getötet. Und die religiöse Geschichte, das Evangelium, das wir darüber erzählen, ist Gottes großer Einspruch gegen diese Gewalterfahrung.

Und das macht Hoffnung, dass die Welt also doch verbessert werden kann?

Diese Hoffnung habe ich nicht nur als Wissenschaftlerin, sondern auch als Christin und Theologin. Jesu Tod und seine Auferstehung zeigen: Die Gewalt kann verwandelt werden, sie hat nicht das letzte Wort. Die Botschaft Jesu hat friedensstiftendes Potential, denn sie sagt, dass der Mensch sich verwandeln kann. Für mich bedeutet das zum Beispiel auch, meine Wut und meine Abscheu angesichts fremdenfeindlicher Parolen zu überwinden. Hinhören, Fragen stellen und das Gespräch suchen: Das ist die Friedensarbeit, die wir gegenwärtig leisten müssen, damit unsere Gesellschaft nicht auseinanderbricht.

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ekir.de / Sabine Eisenhauer, Foto: Kirchliche Hochschule Wuppertal/Bethel, Patrick Leiverkus / 09.03.2016



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