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Die jüdische Gemeinde „Gescher LaMassoret“ feiert schon seit 2001 ihre Gottesdienste in Räumen der Kreuzkapelle. Die jüdische Gemeinde „Gescher LaMassoret“ feiert schon seit 2001 ihre Gottesdienste in Räumen der Kreuzkapelle.

Entwidmung

Gotteshaus bleibt Gotteshaus

Die Kreuzkapelle in Köln-Riehl wird als erstes Kirchengebäude auf dem Gebiet der rheinischen Kirche nach der Entwidmung zur Synagoge. Hinter diesem versöhnenden Brückenschlag liegen Jahrhunderte, in denen jüdische Gebäude zerstört und beschlagnahmt worden sind.

„Dass aus der evangelischen Kreuzkapelle ein jüdisches Zentrum für diese Region wird, das ist eine neue Brücke, die über die Brüche und Abbrüche der Vergangenheit geschlagen wird“, sagt der Kölner Theologe Marten Marquardt. Vor dem Hintergrund der leidvollen Geschichte der Juden in dieser Stadt sei es ein mutiger Beschluss der Kölner Jüdisch Liberalen Gemeinde „Gescher LaMassoret“, die Kirche in Köln-Riehl als Synagoge nutzen zu wollen, ergänzt der Pfarrer im Ruhestand und ehemalige Leiter der Melanchthon-Akademie in Köln.

Die Kreuzkapelle wird in einem Gottesdienst mit Präses Manfred Rekowski entwidmet

Die Kreuzkapelle wird am 21. Februar 2016 in einem Gottesdienst mit dem rheinischen Präses Manfred Rekowski entwidmet. Sie ist das erste Kirchengebäude auf dem Gebiet der Evangelischen Kirche im Rheinland, das nach seiner Entwidmung als Synagoge genutzt wird. Zwischen zehn und zwanzig Kirchengebäude sind innerhalb der Landeskirche seit 2010 in jedem Jahr entwidmet worden. Schrumpfende Gemeinden, steigende Unterhaltungskosten und nicht mehr finanzierbare aber notwendige Sanierungen führten zu ihrer Verabschiedung aus dem sakralen Dienst. Viele der Gebäude sind abgerissen worden, andere werden zu weltlichen Zwecken etwa als Kulturzentrum genutzt.

Pietätslos und brutal: 1423 wurde die Synagoge am Rathausplatz beschlagnahmt

Über die Geschichte der „Brüche und Brücken“ zwischen Juden und Christen in Köln informiert Pfarrer Marquardt anlässlich der Umwandlung der Kreuzkapelle zur Synagoge bei einem Vortrag der Melanchthon-Akademie am Samstag, 13. Februar. Mit Bildern und Texten blickt er zurück auf Jahrhunderte mit Pogromen, Vertreibungen jüdischer Mitbürger und die Okkupationen ihrer Besitztümer.

„So war das Beschlagnahmen der jüdischen Synagoge am Kölner Rathausplatz im Jahr 1423 eine pietätlose Brutalität, mit der die Juden aus Köln vertrieben worden sind“, sagt Marquardt. Aus dem jüdischen Gotteshaus wurde damals die Kirche „St. Maria in Jerusalem“, und bis Ende des 18. Jahrhunderts durfte sich ohne Erlaubnis des Kölner Rats kein Jude in der Stadt aufhalten.

Bis 1933 lebten dann wieder etwa 18.000 Juden in Köln. Ihre Synagogen sind bei den Novemberpogromen im Jahr 1938 zerstört worden, 8000 Kölner Juden wurden von den Nationalsozialisten deportiert und ermordet.

Erschreckend: In den 30er Jahren gab es Segenshandlungen für Deportationen

 „Auch die Kreuzkapelle in Riehl ist ein von sehr zwiespältigen Erinnerungen geprägtes Gotteshaus“, sagt Pfarrer Dr. Martin Bock, jetziger Leiter der Melanchthon-Akademie. In den 30er Jahren habe es in der Kapelle sogenannte Abschiedsgottesdienste für getaufte Gemeindemitglieder mit jüdischen Wurzeln gegeben. Bei einer „schier unglaublichen Handlung“ sei ihnen dabei Gottes Segen für die anstehende Deportation mitgegeben worden.

„Erschreckend daran ist, dass die damaligen politischen Geschehnisse immer auch als Wille Gottes umgedeutet worden sind“, so Akademieleiter Martin Bock. Erst in den 90er Jahren hätten Riehler Gemeindemitglieder dieses Vorgehen ebenso aufgedeckt und öffentlich gemacht wie das Versagen der Gemeinde, ihre jüdischen Mitmenschen zu schützen.

Bei der Entwidmung sind auch Vertreter der jüdischen Gemeinde dabei

Diese Offenheit sei ein erster Schritt auf dem gemeinsamen Weg gewesen: Am 1. Januar 2001 richtete die Liberale Jüdische Gemeinde von Köln auf Einladung des Presbyteriums der Evangelischen Kirchengemeinde Riehl in den Räumen der Kreuzkapelle ihren Synagogenraum ein. Dort feiert sie seit 2001 ihre jüdischen Gottesdienste. Vertreter der derzeit 100 Mitglieder zählenden liberal-jüdischen Gemeinde „Gescher LaMassoret“ werden auch dabei sein, wenn die Kreuzkapelle entwidmet wird. „Der Name der jüdischen Gemeinde bedeutet ,Brücke zur Tradition‘ und ist damit zugleich ein Hoffnung stiftendes Programm für die Zukunft“, sagt Pfarrer Martin Bock.

Das Presbyterium der Evangelischen Kirchengemeinde Köln-Riehl lädt ein zum Entwidmungsgottesdienst am 21. Februar 2016 um 11 Uhr in der Kreuzkapelle Riehl, Stammheimer Straße 22. Bei einem Abendmahlsgottesdienst wird der Geschichte des Hauses und der mit ihm verbundenen Erinnerungen durch Taufen, Konfirmationen, Trauungen und Gottesdienste gedacht. Die Predigt hält der rheinische Präses Manfred Rekowski, die Entwidmung wird Stadtsuperintendent Rolf Domning vornehmen. 

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ekir.de / Sabine Eisenhauer, Foto: Christopher Clem Franken / 12.02.2016



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