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Erster Weltkrieg Der Schrecken des Krieges: deutsche Soldaten auf einem Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs.

Evangelische Kirche und Erster Weltkrieg

Der Glaube an die "reinigende Wirkung des Krieges"

Die evangelische Kirche und der Erste Weltkrieg beschäftigen die Jahrestagung des Vereins für Rheinische Kirchengeschichte. Dr. Andreas Metzing, Leiter der Archivstelle Boppard der Evangelischen Kirche im Rheinland, im ekir.de-Interview.

Wie war die Haltung der Evangelischen Kirche im Rheinland im August 1914 zum Krieg?

Der Krieg wurde von den Amtsträgern fast durchgängig begrüßt. Er wurde nicht in erster Linie als Waffengang gesehen, sondern wie ein Reinigungsprozess. Protokolle der Kreissynoden aus dem Frühjahr 1914 beschreiben die Situation eines nahenden Krieges als durchaus bedrohlich. Es gab da kein Säbelrasseln von Seiten der Kirche. Als der Krieg dann da war, wurde er aber als etwas Positives gesehen, zerstörerisch, aber – vor dem Hintergrund der von der Kirche als zunehmend dekadent empfundenen Vorkriegsjahre – eben auch reinigend. An diese reinigende Wirkung des Krieges erinnerte man noch bei den Jahrestagen des Kriegsausbruchs 1915 und 1916. Vor dem Krieg hatte die Kirche über Entkirchlichung geklagt. Doch mit Beginn des Krieges waren die Kirchen wieder gefüllt – die Kirche fühlte sich gebraucht. Sehr viele Pfarrer haben sich freiwillig für den Kriegsdienst gemeldet, obwohl sie nicht dazu verpflichtet waren.

Aus welchen Kreisen kamen denn die Pfarrerschaft und die aktiven Kirchenmitglieder?

Die meisten Pfarrer kamen aus dem national-protestantischen Bürgertum. Man kann meist von Kleinbürgertum sprechen. Das Kaiserreich versuchte sich nach 1871 zunächst eine dezidiert protestantische Ausrichtung zu geben. Die damals antikirchliche Sozialdemokratie und die katholische Kirche wurden bekämpft. Die evangelische Kirche war hingegen mit Staat und Monarchie verbunden. Doch nach dem Kulturkampf ab 1890 war die katholische Kirche wieder in einer vergleichsweise guten Position. 1912 wurde diskutiert, ob der Jesuiten-Orden wieder zugelassen wird. Die evangelische Kirche sah sich in der Defensive. Sie hatte Sorge vor einem stärkeren Einfluss der Katholiken und dem Anwachsen der Sozialdemokratie, die sie in der Unter- und Mittelschicht als Konkurrenz empfand. Eine Entkirchlichung auch des Bürgertums zeigte sich durch den zurückgehenden Gottesdienstbesuch. Diese Entwicklung der Vorkriegsjahre muss man sehen, um zu verstehen, warum die evangelische Kirche auf den Kriegsausbruch, der auf einmal wieder für volle Gotteshäuser sorgte, so emphatisch reagierte.

Dr. Andreas Metzing Dr. Andreas Metzing

Gab es im Laufe des Krieges eine Entwicklung in der Kirche?

Bei einigen Wenigen gab es im Laufe des Krieges eine gewisse Desillusionierung und eine kritische Reflexion des eigenen Standpunkts. Der Wendepunkt war wohl der Winter 1916/17. Die Bevölkerung hatte wegen einer schlechten Ernte nicht genug zu essen, und für den Krieg wurden Orgelpfeifen und Glocken eingeschmolzen. In der Kreissynode in Braunfels beklagte ein Pfarrer 1917, dass man sich zu kritiklos zu Vollzugspersonen des Staates habe machen lassen. In einer Synode im Bergischen Land gab es dann auch Kritik an der Kriegstheologie unter der Losung „Gott ist mit den Deutschen“. Für die Einsicht in eigene Schuld und die Notwendigkeit von Erlösung – und damit letztlich für Christus selbst – sei in dieser Theologie kein Platz. Die Vaterlandsliebe war ein pseudoreligiöser Ersatz geworden. Aber ich möchte noch einmal betonen: Eine solche kritische Reflexion war eine recht vereinzelte Minderheitenposition.

Der Verein für Rheinische Kirchengeschichte beschäftigt sich in seiner Jahrestagung am 28. Juni in Koblenz ebenfalls mit der Kirche im Ersten Weltkrieg. Um was wird es dort gehen?

Die Tagung beleuchtet in vier Vorträgen verschiedene Aspekte der Epoche. Dabei liegt die Frage zugrunde, warum die Kirche so auf den Ausbruch des Ersten Weltkrieges reagierte, wie sie es tat. Sie sah sich im Einklang mit ihrem kirchlichen Auftrag, aber nach heutigen Maßstäben gemessen steht ihre Haltung der Botschaft des Evangeliums diametral entgegen. Ich stelle in einer lokalen Fallstudie den Kriegsausbruch 1914 in Koblenz und die evangelische Kirche dar. Koblenz war damals gewissermaßen die kirchliche Hauptstadt im Rheinland. In den anderen Vorträgen geht es um Nation und Religion im Ersten Weltkrieg an Beispielen aus dem Wuppertal, Soldatenheime im Osten und jüdische Soldaten.

Wie lässt sich erklären, dass sich die Ablehnung von Kriegen in der evangelischen Kirche erst spät durchsetzte?

Die Erfahrung des Ersten Weltkriegs hat dazu geführt, dass Krieg theologisch sehr viel negativer gesehen wurde. Aber erst der Zweite Weltkrieg und der Nationalsozialismus hat wirklich nahezu jedem gezeigt, wie die Verbindung von Krieg und Nationalismus in die Katastrophe führte. Es hat dann eine Weile für eine Umkehr gebraucht, da auch in den Kirchen Personen führend tätig waren, die selbst zur Kriegsgeneration gehörten. Erst nach ihrem Ausscheiden gab es die nötige historische Distanz.

Dr. Andreas Metzing wurde 1963 in Bonn geboren und hat Geschichte, Deutsch und Französisch in Freiburg/Breisgau und Bordeaux studiert. Er promovierte 1995 über Kriegsgedenken in Frankreich 1871 bis 1914. Seit 2001 ist er Leiter der Archivstelle Boppard der Evangelischen Kirche im Rheinland. Seit 2006 ist er stellvertretender Vorsitzender des Vereins für Rheinische Kirchengeschichte.

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ekir.de / rtm / Fotos: wikimedia.org, privat / 10.06.2014



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