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Stefan Brandis mit Kind. Der Ex-Soldat Stefan Brandis vertritt seinen Beruf als Erzieher mit viel männlichem Selbstvertrauen.

Erzieher in Kitas

Männer in Kitas – eine Seltenheit

Trotz „Boys Day“ und Image-Kampagnen entscheiden sich nur wenige Männer für den Beruf des Erziehers. Sie machen gerademal vier Prozent des Personals in Kitas aus. Was ist nötig, damit Männer sich dort bewerben und auch dort bleiben? Die Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe (RWL) und die kirchliche Männerarbeit suchen Antworten. 

Wenn Stefan Brandis morgens ins Evangelische Familienzentrum in Arnsberg kommt, begrüßen ihn die Kinder gerne mal mit einem lauten „Ahoi“ und bezeichnen ihn als „Käpt’n“. Respekt muss sich der Erzieher nicht erst mühsam erarbeiten. Die Bewunderung der Kinder ist ihm sicher, wenn er von seinem Leben auf hoher See erzählt, von seiner Ausbildung als Soldat bei der Marine und den verschiedenen Ländern, in denen er gelebt und gearbeitet hat. Stefan Brandis ist ein Erzieher, der den Vergleich mit Filmstar Arnold Schwarzenegger aus dem „Kindergarten Cop“ durchaus als Kompliment nimmt – und seinen Beruf mit viel männlichem Selbstvertrauen vertritt.

Obwohl längst klar ist, dass die Tätigkeit in einer Kita Fachkompetenz, gute Nerven und Selbstbewusstsein erfordert, hält sich das Bild des Erziehers als „Weichei“ doch hartnäckig. „Wenn wir über Erzieher reden, tauchen sofort Klischees auf“, sagt Jürgen Haas von der Männerarbeit der Evangelischen Kirche von Westfalen. „Es ist ein Beruf, der eine Erklärung verlangt.“

So müssten sich Erzieher häufig im Bekanntenkreis oder auch in der Kita für ihre Berufswahl rechtfertigen. „In der Gesellschaft gilt der Beruf immer noch als sehr unmännlich, in der Kita dagegen wird von Erziehern verlangt, dass sie als Mann ,männliche Akzente' in den Kindergartenalltag einbringen.“

Gefangen in männlichen Rollenklischees

Den Computer wieder ans Laufen bringen, Spielgeräte reparieren, mit den Jungs toben – diese „typisch männlichen“ Aktivitäten gehörten mit zum Berufsbild, beobachtet Haas. Sie bestätigten aber alte Rollenklischees, die viele Erzieher nicht leben wollten. „Es braucht Reflexion, aber auch Unterstützung, damit sie ihre Rolle finden können“, sagt der Männerexperte.

Gemeinsam mit der Diakonie RWL, den beiden Fachverbänden für evangelische Tageseinrichtungen im Rheinland, in Westfalen und Lippe und der Männerarbeit der rheinischen Kirche bietet Haas deshalb spezielle Tagungen für männliche Erzieher an. Außerdem begleitet er mit den Fachkollegen sogenannte Regionalgruppen, in denen sich die Erzieher austauschen können.

Stefan Brandis gehört zu einer dieser Gruppen. Ihm ist es wichtig, dass Männer mehr Freiraum für die Gestaltung ihrer Rolle in den Kitas bekommen. Denn nur so bleiben sie letztlich auch in diesem Beruf. „In unseren evangelischen Einrichtungen beobachten wir häufig, dass die Kita für Erzieher eine Durchgangsstation ist“, sagt Helga Siemens-Weibring, Beauftragte für Sozialpolitik in der Diakonie RWL und verantwortlich für den Kita-Bereich. „Sie studieren noch und wechseln später in die Erziehungshilfe oder auf Referentenstellen in Kirche und Diakonie.“ Dort verdienten sie meist besser, hätten mehr Aufstiegsmöglichkeiten und kämen aus ihrer Sonderrolle als einziger Mann in einer Einrichtung heraus.

Studie: Erzieherinnen verhalten sich traditioneller

Ein Weg, den auch Dietmar Fleischer von der Männerarbeit der Evangelischen Kirche im Rheinland gegangen ist. Der 48-jährige Referent hat nach der Schule eine Erzieherausbildung gemacht, wurde Leiter eines Familienzentrums und wechselte dann ins Männerreferat der rheinischen Kirche. „Ich war damals noch ein echter Exot als Mann in der Kita“, erzählt Fleischer. „Mir wurden automatisch von den Kolleginnen die Hausmeistertätigkeiten zugeschrieben, und es war selbstverständlich, dass ich mich um die schwierigen Jungs kümmere.“

Eine typische Zuschreibung von Rollenklischees, die in der modernen, gendergerechten Erziehung der Kitas eigentlich nicht stattfinden sollte. Und mit der die Männer in den Einrichtungen oft mehr Probleme haben als die Frauen. Jürgen Haas verweist dabei auf die im Frühjahr veröffentlichte „Tandem-Studie“ des Dresdner Wissenschaftlers Holger Brandes. Er hat männliche und weibliche Fachkräfte in ihrem konkreten pädagogischen Verhalten untersucht.

Das Ergebnis: Hinsichtlich der professionellen pädagogischen Qualität unterscheidet sich männliches und weibliches Fachpersonal nicht, wohl aber in seiner Neigung, welche Interessen von Jungen und Mädchen es aufgreift. „Die Tendenz, die Geschlechter unterschiedlich zu behandeln, ist bei Erzieherinnen deutlich ausgeprägter“, erklärt Haas. „Damit verstärken sie unbewusst die traditionellen Rollenbilder.“

Für die Kinder sei es wichtig, Vielfalt kennenzulernen, betont der Referent. Und dazu gehöre, dass eine Erzieherin auch Schränke aufbaue und mit den Kindern tobe, während ein Erzieher tröste, beim Anziehen helfe und Puppenspiele begleite.

Männer haben Angst vor Missbrauchsvorwürfen

Doch genau dafür fehlt vielen Männern die Unbefangenheit. „Wir haben alle die Angst, dass uns sexueller Missbrauch unterstellt wird“, gibt Stefan Brandis zu. „Wenn ich ein Mädchen auf die Toilette begleiten muss, lasse ich die Tür immer offen stehen.“ Im Schwimmbad zieht der 44-jährige Erzieher bewusst einen Neoprenanzug an. „Bis ich den ausgezogen habe, sind alle Kinder schon längst wieder in ihren Klamotten“, sagt er.

Die Unterstellung, Erzieher hätten diesen Beruf bewusst gewählt, um sich Kindern ungehindert mit sexuellen Motiven nähern zu können, werde heute zwar nicht mehr offen ausgesprochen, beobachtet Dietmar Fleischer. „Aber diesem Generalverdacht möchten sich viele Männer erst gar nicht aussetzen. Sie entscheiden sich daher direkt gegen die Kita.“ Daher sei es wichtig, dass die Einrichtungen mit einem sexualpädagogischen Konzept arbeiteten, das nicht nur die Kinder, sondern auch die Erzieher und Erzieherinnen schütze. Und diese Konzept auch öffentlich machten.

In Schulen und Jobbörsen für den Erzieherberuf werben

„Wir müssen noch viel mehr in Schulen und auf Jobbörsen über diesen schönen Beruf aufklären“, meint Stefan Brandis. Von seiner Tätigkeit ist der Ex-Soldat so begeistert, dass er darüber regelmäßig im Berufskolleg berichtet. „Jeder Tag in der Kita ist anders und eine neue Herausforderung“, meint Brandis. Außerdem, so betont er gerne, gibt es geregelte Arbeitszeiten und eine gute, soziale Absicherung im öffentlichen Dienst.

Brandis weiß, wovon er spricht: Im Jahr 2000 ließ er sich auf der Bundeswehrfachschule in Köln zum Erzieher ausbilden – und ging dann erstmal in die Jugendhilfe. Er arbeitete in Chile mit straffälligen Jugendlichen, in Polen mit schwer erziehbaren Teenies, in Deutschland mit Schülern, die ADHS haben. „Feierabend, Wochenende – all das kannte ich nicht“, erzählt er. Erst seit November 2014 ist der Erzieher im Familienzentrum in Arnsberg beschäftigt. „Im Gegensatz zu Jugendlichen sind Kinder einfach ehrlich und unmittelbar. Sie spiegeln dir alles zurück. Das macht richtig Spaß.“ 

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ekir.de / Sabine Damaschke, Foto: privat / 29.09.2016



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