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Die Pfarrer von evangelischer und katholischer Gemeinde in Eschweiler-Pumpe-Stich: Thomas Richter (l.) und Hannokarl Weishaupt. Die Pfarrer von evangelischer und katholischer Gemeinde in Eschweiler-Pumpe-Stich: Thomas Richter (l.) und Hannokarl Weishaupt.

Ökumenisches Projekt in Eschweiler

„Wir gehen unter ein Dach“

An Pfingsten sind Jesu Jünger, beflügelt vom Heiligen Geist, von Jerusalem aus in die Welt gezogen, um die frohe Botschaft Jesu Christi zu verbreiten. An diesem Pfingstmontag brechen die Gemeindeglieder in Eschweiler-Pumpe-Stich zu Fuß zu einem Experiment auf. 

Die Friedenskirche im Stadtteil Pumpe-Stich von Eschweiler. Die Friedenskirche im Stadtteil Pumpe-Stich von Eschweiler.

"Wir geben mit traurigem Herzen etwas auf, um voller Neugier in eine neue Zukunft aufzubrechen", sagt Gemeindepfarrer Thomas Richter. Denn der 10-Uhr-Gottesdienst in Pumpe-Stich, einem Ortsteil mit Bergwerksvergangenheit vor den Toren von Aachen, wird ein Entwidmungsgottesdienst sein. Die Gemeinde gibt ihre Friedenskirche nach mehr als fünfzig Jahren auf.

Eine fällige Sanierung ist finanziell nicht mehr zu verantworten. Das Experiment: Statt sich einfach aus dem Stadtteil zurück zu ziehen, feiert die Gemeinde ihre Gottesdienste künftig in der benachbarten katholischen Kirche St. Barbara. Richter: „Wir gehen unter ein Dach.“ St. Barbara wird quasi zur Simultankirche. Eine von 70 Simultankirchen in Deutschland.

 

St. Barbara, die katholische Kirche in Eschweiler-Pumpe-Stich, wird die neue Heimat auch für die evangelischen Christinnnen und Christen. St. Barbara, die katholische Kirche in Eschweiler-Pumpe-Stich, wird die neue Heimat auch für die evangelischen Christinnnen und Christen.

Formal muss man sagen, St. Barbara bleibt eine katholische Kirche. Aber zusätzlich soll sie auch zur neuen gottesdienstlichen Heimat der evangelischen Geschwister werden. Und das Pfarrheim wird auch der neue Treffpunkt für die Gruppen der evangelischen Gemeinde. Weil die Katholiken in Pumpe-Stich seit einiger Zeit ihre Messe samstags abends feiern, kommen sich die beiden Konfessionen nicht ins Gehege.

Der Bischof von Aachen hat den Gaststatus "sehr gerne" genehmigt, wie der katholische Pfarrer Hannokarl Weishaupt erzählt. Auch die evangelischen Leitungsgremien - Presbyterium, Kreissynodalvorstand und Landeskirche - unterstützen die gemeinsame Kirchennutzung.

Treffen auf halber Strecke

Die evangelische Küsterin muss noch den Schlüssel von St. Barbara bekommen. "Die Sakristei habe ich schon aufgeräumt", sagt Pfarrer Weishaupt vergnügt auf der Friedrichstraße, ziemlich genau dort, wo sich die beiden Gottesdienstgemeinden für Pfingstmontag verabredet haben. Die einen feiern Messe in St. Barbara, die anderen versammeln sich um 10 Uhr ein letztes Mal in der Friedenskirche – zum Entwidmungsgottesdienst. Anschließend machen sich die Gemeinden jeweils zu Fuß auf den Weg, treffen sich auf halber Strecke. Beide Kirchen liegen an der Friedrichstraße.

„Bilder sprechen ja“, erklärt Pfarrer Weishaupt, und aus seiner Sicht wäre es ein denkbar blödes Bild, wenn er von der Freitreppe von St. Barbara herabschaute auf die ankommenden evangelischen Geschwister. „Deshalb treffen wir uns auf halber Strecke, gehen gemeinsam die Treppe hoch, ziehen gemeinsam ein und teilen Vaterunser und Segen.“

Kirche bleibt im Dorf

„Wir lassen die Kirche im Dorf.“ So programmatisch erklärt Pfarrer Thomas Richter die einstimmige Entscheidung seines Presbyteriums, die Friedenskirche zu entwidmen und für Gottesdienste und Kasualien St. Barbara mitzunutzen. Bis zu 900.000 Euro hätte die Sanierung der Kirche gekostet, die 1962 von der Bundeswehr als Garnisonskirche errichtet worden war und später der Gemeinde übergeben wurde.

Richter bringt fünf Jahre Erfahrungen am Altenberger Dom mit, einer seit mehr als 150 Jahren simultan genutzten Kirche im Bergischen Land. „Wenn auch unter anderen Vorzeichen – in Altenberg habe ich gelernt, dass es funktionieren kann, wenn sich Katholiken und Evangelische eine Kirche teilen“, sagt Richter und unterstreicht: „Wir wollen uns nicht aus der Fläche zurückziehen, sondern nahe bei den Menschen bleiben.“

„Wir ziehen an einem Strang“

Ab Pfingstmontag geht es also (nur) um evangelische Gottesdienste in einer katholischen Kirche, nicht um ökumenische Gottesdienste. Ohne frühere konfessionelle Zwistigkeiten zu verleugnen - heute wurzelt dieser neue Schritt der gemeinsamen Kirchennutzung auf längst gewachsenen guten ökumenischen Beziehungen. Pfarrer Weishaupt: „Wir ziehen an einem Strang.“ Dass die Kirchen vor Ort gemeinsam unterwegs sind, erweise sich unter anderem auch im Blick auf ein bereits geplantes Flüchtlingshaus im Viertel als gut.

Klar ist auf evangelischer Seite bisher: Das alte Pfarrhaus wird verkauft, das angrenzende Kirchengelände auf eventuelle Bergschäden untersucht und dann niedergelegt. Fest steht es noch nicht, aber in der Überlegung ist der Bau von Mehrfamilienhäusern.

Mit Option auf Verlängerung

„Wir schauen jetzt, wie die Abstimmung mit den Füßen läuft - Heimat muss erst wachsen“, sagt Pfarrer Richter. Verabredet ist zunächst mal ein Probejahr, in dem die Gemeinden sehen, wie sich die Gottesdienstbesuchszahlen entwickeln. Mit Option auf Verlängerung. Für beide Theologen ist klar, es gibt kein Muss, aber sie sehen weitere „Chancen in der Zukunft - auch in einem verstärkten ökumenischen Miteinander“. Die Glaubenstraditionen lernten einander neu kennen, so Weishaupt. Wenn sich beispielsweise zwei Seniorenkreise nun im gleichen Haus treffen, könne natürlich passieren, dass sie sich auch einmal miteinander treffen.

"Es ist der große Vorteil der Kirchen, in der Fläche vertreten zu sein", betont auch Pfarrer Weishaupt. Oft sind Ärzte, Apotheken, Lebensmittelläden schon weg – „aber wir sind noch da“. Für Pfarrer Richter ist das Eschweiler Experiment ein Win-Win-Modell. „Beide Seiten haben etwas davon“, sagt er. Und: Die Simultannutzung von St. Barbara passe zur biblischen Aufforderung, dass alle eins sein sollen. "Also eine bleibende Aufforderung und Verpflichtung für alle Christen, damit aus einem Nebeneinander immer mehr ein Miteinander im Sinne Jesu wird."

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ekir.de / Anna Neumann / 20.05.2015



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