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Autofasten Es geht auch ohne Auto, das wissen Georg Besser, Fabian Matheisen, Ruth Goeke und Gisela Welbers (v.li.). In Neuss sammeln sie Kilometer für den Klimaschutz.

Fastenzeit

Einmal um die ganze Welt

Mit dem Bus ins Büro, das Gemüse auf dem Rad transportieren und mal zu Fuß ins Restaurant gehen: Bei der Neusser Aktion „Autofasten“ sollen insgesamt 40.000 Kilometer ohne den eigenen Pkw zurückgelegt werden. Das schont nicht nur die Umwelt, sondern ermöglicht auch neue Erfahrungen.

Mit Bus, Rad, Bahn oder zu Fuß zurückgelegte Kilometer werden aufgeschrieben. Mit Bus, Rad, Bahn oder zu Fuß zurückgelegte Kilometer werden aufgeschrieben.

Wie transportiert man eigentlich eine Packung Toilettenpapier mit dem Fahrrad? Wer in der Fastenzeit auf das Auto verzichtet, muss manchmal bis ins Detail umdenken. Das hat Gisela Welbers vom Projekt „Autofasten“ in Neuss selbst erlebt: Die Regionalpromotorin im mittleren Niederrhein des Eine-Welt-Netzes NRW ist neulich mit solch einem Paket quer auf dem Gepäckträger am Drängelgitter eines Fahrradwegs hängengeblieben.

Gut, dass sie sich an diesem Vormittag im „Café Flair“ im Martin-Luther-Haus der Evangelischen Christuskirchengemeinde in Neuss mit Gleichgesinnten austauscht. Denn ihre Mitstreiter haben Lösungen parat. „Einfach kleinere Packungen kaufen und die öfters holen“, rät Georg Besser, Umweltbeauftragter des Evangelischen Kirchenkreises Gladbach-Neuss. Und der zwölfjährige Konfirmand Fabian Matheisen schlägt vor: „Machen Sie die Packung auf und stecken die Rollen einzeln in einen Rucksack.“

Es geht eben auch mal ohne Auto – zu dieser Erfahrung laden die Verantwortlichen der Neusser Aktion Autofasten in den sieben Wochen der Fastenzeit noch bis 15. April ein. Zum Umsteigen auf Rad, Bahn oder Schusters Rappen rufen die Neusser-Eine-Welt-Initiative (NEWI) mit Evangelischem Kirchenkreis und dem katholischem Dekanat des Rhein-Kreises Neuss auf. Partner sind unter anderem die Stadt Neuss und ihre Stadtwerke, die für Autofastende ein verbilligtes Schnupperabo anbieten.

Neun Tonnen Kohlendioxid oder zwei Elefanten

Derzeit machen mehr als 160 Menschen mit, ein Einstieg ist jederzeit möglich – auch für Menschen, die nicht in Neuss wohnen. „Gemeinsam tragen wir zum Klimaschutz bei“, sagt Gisela Welbers. Denn schließlich sei der Autoverkehr zu einem Fünftel an der Gesamtbelastung der Luft durch Kohlendioxid verantwortlich. Um Emissionen zu senken, sollen beim Neusser Autofasten insgesamt 40.000 Kilometer statt mit dem eigenen Pkw mit Bus, Bahn, Rad oder zu Fuß zurückgelegt werden. „Das ist ein symbolischer Wert für die Strecke, die man bräuchte, um einmal die Welt zu umrunden“, sagt Gisela Welbers. „Und das entspricht wiederum einer Ersparnis von rund neun Tonnen Kohlendioxid, so viel wiegen zwei afrikanische Elefanten“, hat Neuss‘ Bürgermeister Reiner Breuer ausgerechnet. Auch ihn trifft man in diesen Tagen in der Stadt öfters mal auf dem Rad an.

In der ersten Fastenwoche hatten die Teilnehmenden zusammen bereits 10.000 Kilometer eingespart. Wer mitmacht, bekommt einen Ausweis, in den die täglichen Strecken eingetragen werden. „Meine Einkäufe erledige ich derzeit fast ausschließlich mit dem Rad, und wenn es abends dunkel wird, suche ich mir Mitradler als Begleitung“, erzählt im Café Flair die Teilnehmerin Ruth Goeke von der Evangelischen Kirchengemeinde Neuss-Süd. Der Seniorin gefällt auch das Umsteigen auf öffentliche Verkehrsmittel: „Statt isoliert in meinem Fahrzeug, sitze ich in der Bahn mit Menschen zusammen und komme ins Gespräch.“

Fabian Matheisen wirbt in Schule und Konfigruppe fürs Autofasten. Fabian Matheisen wirbt in Schule und Konfigruppe fürs Autofasten.

Familien mit kleinen Kindern sind nicht dabei

Eine kaum zu meisternde Herausforderung sei es allerdings, mit Kleinkindern und Taschen voller Lebensmittel auf dem Radweg oder im Bus unterwegs zu sein, meint Gisela Welbers. „Familien mit kleinen Kindern nehmen an unserer Aktion daher kaum teil.“ Eine Herausforderung ist manchmal auch der öffentliche Nahverkehr: Wegen Bauarbeiten auf der Strecke zwischen Neuss und Köln fallen derzeit zum Beispiel drei Linien aus. Das erschwerte die Pilger-Radtour, die am vergangenen Samstag im Rahmen des Autofastens über 40 Kilometer von Neuss nach Köln führte – die Rückfahrt mit der Bahn war nur über zeitverzögernde Umwege möglich.

Wie man sich auf dem Smartphone eine Bahnfahrt mit Uhrzeiten und Umsteigemöglichkeiten zusammenstellt, das zeigt im Café Flair der Schüler Fabian Matheisen den staunenden Erwachsenen. Der Gymnasiast hat einen weiteren Tipp parat: „Wenn man sich Fahrradrouten mit Google-Maps erstellt, lädt man sie direkt als Download aufs Handy, damit erspart man sich unterwegs den Verbrauch teurer mobiler Daten.“ Am Neusser Quirinius-Gymnasium und in seiner Konfirmandengruppe ist Fabian Matheisen als Teamleiter fürs Neusser Autofasten aktiv, wirbt für den Verzicht aufs Elterntaxi und trägt die eingesparten Kilometer zusammen: „Wer die Zahlen vergessen hat, soll sie mir eben per WhatsApp nachreichen.“

Lieber taufrisch geradelt als gestresst im Stau

Manchmal müsse man hartnäckig sein, um Menschen vom Autofasten zu überzeugen, weiß auch der Umweltbeauftragte Georg Besser. Der 69-Jährige hat gute Argumente: „Auf dem Weg nach Düsseldorf kann man zum Beispiel wunderbar durchs Grüne radeln oder in der Bahn lesen, schlafen und quatschen – so kommt man taufrisch an.“ Weniger verlockend sei die Alternative: „Man steht gestresst im Stau.“

Die Neusser Aktiven melden ihre gesparten Kilometer auch an das überregionale und ökumenische Projekt „Autofasten“, das in diesem Jahr zum 20. Mal im Südwesten der rheinischen Kirche durchgeführt wird. Eine weitere Möglichkeit zum bewussten Verzicht ist ebenso das bundesweite Projekt Klimafasten, zu dem die rheinische Kirche mit sechs weiteren Landeskirche aufruft. Ein Dogma soll der siebenwöchige Verzicht jedoch nicht sein. „Wir verstehen unseren Aufruf eher als Aufforderung: Schaut doch einfach mal, ob es ohne Auto geht“, betont Georg Besser in Neuss.

Bestenfalls könnten die Erfahrungen beim Verzicht das Leben nach der Fastenzeit verändern, meint Gisela Welbers vom Eine-Welt-Netz NRW. So wie bei ihrem Nachbarn. Der gehe nämlich derzeit zu Fuß zur Arbeit, und lasse schweren Ballast wie Laptop und Akten kurzerhand im Büro. „Somit arbeitet er nach Feierabend nicht mehr zu Hause weiter, und das will er gerne in Zukunft beibehalten.“

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ekir.de / Text und Fotos: Sabine Eisenhauer / 17.03.2017



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