Ein Leben für Frieden und Gerechtigkeit
Ilse Härter ist am 12. Januar 100 Jahre alt geworden. Das Bild entstand 2006 bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Kirchliche Hochschule Wuppertal.
Es ist aus heutiger Sicht oft wenig positiv, was in der Festschrift für Pfarrerin Ilse Härter über den Weg der Kirche im vorigen Jahrhundert zu lesen ist. Ilse Härter war Akteurin in drei Konflikten. Der erste betraf den nationalsozialistischen Staat. Schon als junge Frau erkannte sie, dass Hitler Unrecht, Krieg und Menschenverachtung bedeutete. Diese Erkenntnis hatte sie damals vielen Männern in Pfarrämtern voraus, die im nationalen Überschwang dem neuen Regime und seiner Ideologie unkritisch folgten.
Der zweite Konflikt betraf die Auseinandersetzung zwischen der Bekennenden Kirche und den Deutschen Christen in den Landeskirchen. Ilse Härter war in der Bekennenden Kirche und wehrte sich damit gegen die Gleichschaltung der Evangelischen Kirche im NS-Staat. Sie gehörte zu den „Illegalen“ und verweigerte einen Eid auf Adolf Hitler, während einige führende Vertreter des Protestantismus glaubten, Führerprinzip und Rassismus zu den Prinzipien der Kirche erheben zu müssen.
Den dritten Konflikt galt es innerhalb der Bekennenden Kirche auszutragen. Selbstverständlich forderte die Theologin Härter die gleichen Rechte für Frauen und Männer in der Kirche. Doch auch die Bekennende Kirche verweigerte Frauen die Ordination. Fortschritte in dieser Frage ließen sich nur ausgesprochen langsam erzielen.
Im Beitrag „Mein Weg im NS-Staat und in der Bekennenden Kirche“ lautet das Fazit Ilse Härters, dass es keine „unpolitische“ Theologie gibt und die Verantwortung der Christinnen und Christen nicht auf die Gemeinde begrenzt sei. Vom Kampf um Frieden und Gerechtigkeit könne man sich nicht freistellen. Es kann als eine Art Kurzbeschreibung der Festschrift gelten. Die Zeugnisse kirchlicher Zeitgeschichte, geschilderte Begegnungen und andere Texte von 50 Autorinnen und Autoren geben einen lebendigen Eindruck von all den kirchlichen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, in denen Christinnen und Christen Stellung beziehen mussten und müssen.
In der Zeit des 3. Reiches stellten sich diese Fragen existenziell. Die „Eidesfrage“ spielt immer wieder eine Rolle in der Festschrift. Sei es bei der Entlassung von Professor Karl Barth 1934/35 in Bonn oder beim 1938 von allen Pfarrern erwarteten Eid auf den Führer Adolf Hitler. Von Ilse Härter wurde 1941 der Treueeid und ein Ariernachweis erwartet. Beides verweigerte sie, und ihr wurde gekündigt.
Viele Steine aus dem Weg geräumt
Maria Jepsen, ehemalige Bischöfin der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche, bescheinigt in einem Grußwort Ilse Härter, dass sie konsequent den Weg der Nachfolge gegangen sei und viele Steine aus dem Weg geräumt habe. Theologinnen hätten dadurch „ohne zu stolpern und ohne die scharfen Verbotsgesetze in den anerkannten und rechtmäßigen Verkündigungsdienst“ eintreten können.
Die Festschrift zeigt aus der Sicht vieler Beteiligter, in welch unterschiedlichen Zeiten Ilse Härter Impulse gab. Zu den späteren Projekten der Jubilarin gehörte zum Beispiel ein Forschungsprojekt „Vikarinnenausschuss der Bekennenden Kirche der Altpreußischen Union“. Mit Hannelore Erhart und Dagmar Herbrecht wurden im Göttinger Frauenforschungsprojekt die Auseinandersetzungen um die Frauenordination aufgearbeitet. 1997 kam ein kommentierter Quellenband dazu heraus. Auch das Engagement von Ilse Härter für Frieden, Gerechtigkeit, Ökumene und partnerschaftliche Zusammenarbeit in der rheinischen Kirche wird im Buch durch viele Beiträge dokumentiert.
Der Titel der Festschrift „Auf Gegenkurs“ nimmt einen gleichnamigen Beitrag von Ilse Härter aus dem Buch „Sie schwammen gegen den Strom“ von Günther van Norden und Klaus Schmidt auf. Eine Gastvorlesung 1993 in Berlin hatte die Theologin mit „Vikarin auf Gegenkurs“ überschrieben. Die Festschrift stellt Leserinnen und Lesern eine Frau vor, die durch alle Irrungen und Wirrungen des 20. Jahrhunderts sich und ihrem christlichen Engagement treu geblieben ist. Durch die unterschiedlichen Autorinnen und Autoren wird das in vielen Facetten deutlich. Die Evangelische Kirche im Rheinland und die Solidarische Kirche im Rheinland haben den Druck des Buches finanziell unterstützt.
Auf Gegenkurs
Eine Fest- und Dankesschrift zum 100. Geburtstag von Pfarrerin Dr. h.c. Ilse Härter
Herausgegeben von Hartmut Ludwig
Logos Verlag Berlin 2012
ISBN 978-3-8325-3043-3
Preis: 19, 90 Euro (D)
ekir.de / Ralf Thomas Müller / 14.02.2012
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