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Das Hin- und Herschieben von Flüchtlingen muss ein Ende finden: Vizepräsident Dr. Johann Weusmann (l.) und Präses Manfred Rekowski. Das Hin- und Herschieben von Flüchtlingen muss ein Ende finden: Vizepräsident Dr. Johann Weusmann (l.) und Präses Manfred Rekowski.

Sommerpressegespräch

Flüchtlingskatastrophe: "Wir brauchen andere Lösungen"

Die humanitäre Katastrophe macht der Evangelischen Kirche im Rheinland  "große Sorgen". Das hat Vizepräsident Dr. Johann Weusmann beim Sommerpressegespräch betont. Es gebe keinen Hinweis, dass sich die Situation entschärft, die Zahl der Flüchtlinge steige.

"Wir treten für humanitäre Hilfskorridore" für afrikanische Flüchtlinge nach Europa ein, bekräftigte der Jurist. Also: Visum in Afrika beantragen, dann in Europa das Asylverfahren durchlaufen. Das Dublin-Verfahren, wonach Flüchtlinge in das europäische Land, das sie zuerst betreten haben, zurückgeschoben werden, sei gescheitert. Das Hin- und Herschieben von Flüchtlingen verschärfe ihre Not. "Wir treten dafür ein, dies System aufzugeben." Es brauche andere Lösungen. "Wir arbeiten daran mit."

Auf Nachfragen stellte Weusmann klar, es könnten nicht alle Flüchtlinge nach Europa kommen, "das ist nicht unsere Forderung". Aber Menschen in bedrohlicher Lage müsse geholfen werden - "und perspektivisch müssen wir uns um die Fluchtursachen kümmern". Aktive Entwicklungspolitik müsse den Frieden fördern und schützen.

Im Blick auf die humanitären Hilfskorridore - bisher politisch nicht gewollt - hofft Weusmann auf eine neue politische Willensbildung. Dabei wies er darauf hin, dass sich die Politiker aus NRW, die in der vorigen Woche zusammen mit Kirchenvertretern Griechenland und Italien besucht haben, parteiübergreifend für die Korridore ausgesprochen haben. Europa müsse sich auf Kontingente einigen, erklärte Weusmann weiter. Kirchen in ganz Europa seien in der Flüchtlingsarbeit aktiv und befeuerten die politischen Debatten mit ihren Erfahrungen.

Stichwort Flüchtlingsarbeit: Rund 590.000 Euro hat die Evangelische Kirche im Rheinland im Juni an insgesamt 59 Projekte der Flüchtlingsarbeit in ihren Gemeinden und Kirchenkreisen vergeben. Das berichteten Weusmann und Präses Manfred Rekowski beim Sommerpressegespräch. Insgesamt hatte die Landessynode eine Million Euro bereitgestellt. Die Fördermittel gehen zum einen an ehrenamtliche, oft niedrigschwellige Aktivitäten mit bis zu 75 Prozent der Gesamtkosten, zum anderen an professionelle Flüchtlingsberatung bis etwa 25 Prozent der Kosten.

Tolles leisten mit geringem finanziellem Aufwand

Beispiel Ehrenamt: 3.375 Euro schickt die Landeskirche an das Netzwerk „Willkommenskultur Rechte Rheinseite“ (WiRR) in Verantwortung der Kirchengemeinde Koblenz-Pfaffendorf. Begonnen hat das Projekt, als Koblenzer Bürgerinnen und Bürger auf schlimme Zustände in einem Übergangswohnheim aufmerksam wurden. Sie halfen zunächst mit Begleitung bei Amts- oder Arztbesuchen. Inzwischen gibt es u.a. Sprachkurse, Spielenachmittage und einen Waschsalon. Veranschlagt für das gesamte Projekt sind mindestens 4.500 Euro für drei Jahre. Rekowski: „Für uns ist ,WiRR‘ ein gutes Beispiel dafür, wie Gemeinden sich in ein zivilgesellschaftliches Netzwerk einbinden, schon vorhandene Einrichtungen und Kompetenzen nutzen und mit geringem finanziellen Aufwand Tolles leisten."

Ein zweites Beispiel: Genau 58.401 Euro gehen an die „Informationsstelle Ehrenamt für Flüchtlinge“ im Kirchenkreis An Nahe und Glan, insgesamt bis 2017 veranschlagt mit gut 200.000 Euro. Angesiedelt ist das Projekt in der Pfarrstelle für Ausländerarbeit, dem das Land Rheinland-Pfalz die Koordinierungsstelle Ehrenamt  für Flüchtlinge Rheinland-Pfalz aufgetragen hat. Daneben bzw. zusätzlich wird über die Informationsstelle die ehrenamtliche kirchliche Flüchtlingsarbeit in Bad Kreuznach und Umgebung fördern.

Über inzwischen eingegangene neue Anträge wird im Herbst beraten. Weitere Mittel kommen von den 38 Kirchenkreisen der rheinischen Kirche, die gleichzeitig noch einmal insgesamt 621.000 Euro für die 59 geförderten Projekte der Flüchtlingshilfe aufbringen.

Integration ab erster Minute

Auf Nachfrage aus dem Kreis der Journalistinnen und Journalisten im Blick auf Ängste erklärte Präses Rekowski: "Fremdheitsgefühle muss man ernst nehmen." Begegnungsmöglichkeiten schafften Abhilfe, so seine Erfahrung. Er berichtete von seinem Besuch bei der Flüchtlingsarbeit in Büchenbeuren/Hunsrück: Die Zahl der Flüchtlinge dort strapaziere den Zusammenhalt sehr, doch das eingerichtete Café belebe den Dorfplatz, Bewohner und Flüchtlinge treffen sich, teilen heute gemeinsame Aktivitäten wie Kochen und Fußballspielen.

Nötig sei "Integration von der ersten Minute an", erklärte Vizepräsident Weusmann. Statt Warten auf Sprachkurs und Arbeitsgenehmigung gelte es, solche Barrieren zu meiden. Erst fehlende Integration löse Widerstände und Ängste aus.

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ekir.de / Anna Neumann, Foto: Eric Lichtenscheidt / 17.06.2015



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