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Kornelia von Kaisenberg Ansprechpartnerin für Flüchtlinge: Kornelia von Kaisenberg ist Referentin der ESG Aachen.

Evangelischen Studierenden Gemeinde Aachen

Hilfe für die Gestrandete aus Syrien

Vor zwei Jahren floh die junge Studentin Razan vor dem Bürgerkrieg aus ihrem Heimatland Syrien. In Deutschland wollte sie ihr Studium weiterführen. Bei der Evangelischen Studierenden Gemeinde Aachen fand sie Hilfe und Unterstützung. 

An das erste Treffen mit Kornelia von Kaisenberg von der Evangelischen Studierenden Gemeinde (ESG) Aachen erinnert sich die junge Frau noch genau: Es war im September 2012. Ein halbes Jahr war seit der Flucht aus ihrer Heimat Syrien nun schon vergangen. Entkräftet und krank, ohne Sprachkenntnisse und mittlerweile auch ohne Geld, brauchte die heute 23-Jährige dringend Hilfe. Ängstlich klopfte sie an die Bürotür der Referentin für ausländische Studierende bei der ESG Aachen. Was würde sie hier erwarten? Doch als sie in das freundliche Gesicht von Kornelia von Kaisenberg blickte, schwand ihre Angst. Sie merkte: Hier war jemand, der auf sie einging und ihr zuhörte.

Immer wieder stranden bei Kornelia von Kaisenberg junge Menschen, die aus einer Krisen- oder Notsituation in ihrem Land geflohen sind. Zu den 60 bis 80 internationalen Studierenden, die die Sozialpädagogin pro Jahr betreut, gehören zurzeit auch ein junger Flüchtling aus Guinea und sechs syrische Flüchtlinge.

Traumatisiert und labil

Sie sind mithilfe eines Studentenvisums oder einer Duldung nach Deutschland gekommen. Über Freunde oder Verwandte fanden sie den Weg zur ESG Aachen. „Die jungen Menschen sind traumatisiert und in einem sehr labilen Zustand“, sagt Kornelia von Kaisenberg. „Sie brauchen dringend eine Bleibe, Geld und medizinische Versorgung.“

So war es auch bei der jungen Frau aus Syrien, die Razan genannt werden möchte. Ihre wahre Identität will sie lieber nicht preisgeben. Zu tief sitzen die Schrecken von Krieg und Flucht bei ihr. Razan stammt aus der syrischen Stadt Aleppo, die vor dem Bürgerkrieg vor allem wegen ihrer historischen Altstadt, einem Weltkulturerbe, bekannt war. Als die Demonstrationen die Stadt im Norden des Landes erreichten, musste Razan ihr Betriebswirtschaftsstudium abbrechen. „Ich wollte unbedingt woanders hin, um weiter zu studieren“, erklärt Razan. „In Aleppo gab es für mich keine Zukunft mehr.“

Anfangs war alles fremd

Ihre Flucht fasst sie nüchtern zusammen. Auf die Gefahren, die Soldaten und die Schüsse geht sie nicht ein. Ihre Mutter brachte Razan zu einem Freund der Familie in die Türkei. Dort belegte sie einen Sprachkurs, der ihr die Einreise nach Deutschland ermöglichte. Doch der Einstieg in dem neuen Land war schwer. Zwar lebte bereits einer ihrer Brüder hier, doch als Student und Familienvater konnte er ihr kaum helfen. Es fehlte an Platz und Geld. Razan war eingeschüchtert und entmutigt. „Ich wollte einfach nur zurück nach Syrien. Alles in Deutschland war fremd: die Kultur, die Sprache, die Menschen.“

Das änderte sich erst, als sie Kornelia von Kaisenberg traf. Ein Freund des Bruders vermittelte ihr den Kontakt. Sofort war die ESG-Referentin mit Rat und Tat zur Stelle. Razan bekam in der Bibliothek der ESG ein provisorisches Zimmer eingerichtet, in dem sie erst einmal bleiben konnte. Zwei Monate später konnte sie in ein Zimmer des ESG-Wohnheims umziehen, deren Leitung ebenfalls Kornelia von Kaisenberg hat. „Ohne die Kombination aus Wohnheim und Studierendengemeinde wäre diese Hilfe nicht möglich gewesen“, sagt sie.

Stipendium von Brot für die Welt

Anschließend kümmerte sich Kornelia von Kaisenberg um die finanzielle Versorgung der jungen Frau: Sie beantragte ein Stipendium für Flüchtlinge bei Brot für die Welt. Bis zu dessen Bewilligung erhielt Razan finanzielle Hilfe aus Diakoniemitteln der ESG sowie Geldern, die die Evangelische Kirche im Rheinland für die Flüchtlingsarbeit bereitstellt.

Neben der praktischen Hilfe waren auch die vielen Gespräche und Beratungstreffen mit Kornelia von Kaisenberg sehr wichtig. Für Razan ist die Referentin für ausländische Studierende eine Art Ersatzmutter geworden. „Ich kann einfach vorbeikommen und erzählen, wie es mir geht“, sagt Razan. „Sie hat mir meinen Mut zurückgegeben.“

Schlechte Nachrichten werfen sie immer noch aus der Bahn

Mittlerweile hat sich Razan in Deutschland besser eingelebt. Sie beherrscht die Sprache sehr gut und ist vor kurzem nach Bonn gezogen, in die Nähe ihres Bruders. Hier will sie im Wintersemester BWL studieren. Doch schlechte Nachrichten aus der Heimat werfen sie immer wieder aus der Bahn. Es gebe keinen Tag, an dem sie nicht an Syrien und ihre Familie dort denke, erzählt sie. „Wenn ich mich traue, dann schaue ich Nachrichten.“ Aber sobald sie etwas Beunruhigendes höre oder sehe, gehe es ihr wieder sehr schlecht. Lernen ist dann nicht mehr möglich.

„Es braucht drei bis vier Jahre, um in ein normales Studentenleben zu finden“, weiß Kornelia von Kaisenberg. Schreckliche Nachrichten aus dem Heimatland belasteten die jungen Flüchtlinge immer wieder und führten zu Einbrüchen in der Studierfähigkeit. „Wenn man mehrere Wochen überhaupt nicht leistungsfähig ist, sind die Flüchtlingsstipendien eine enorme Hilfe, um aufgefangen zu werden.“ Denn wer etwa seine Krankenkassenbeiträge nicht rechtzeitig bezahlen könne, dem drohe schnell die Exmatrikulation vom Studium.

Unbedingt zurück

Nun, wo Razan ausgezogen ist, möchte die ESG ihre Hilfe für junge Flüchtlinge ausweiten und dauerhaft ein Diakoniezimmer für Studierende in Notsituationen als erste Bleibe anbieten. Der Kontakt mit Razan soll auch weiterhin über die regelmäßigen Beratungstreffen mit Kornelia von Kaisenberg bestehen bleiben.

Die junge Frau aus Syrien ist dankbar für die Hilfe, die sie in der ESG Aachen erfahren hat. Und sie ist dankbar, als Flüchtling in einem Land wie Deutschland sein zu können. Für sie steht jedoch auch fest: „Ich gehe unbedingt zurück nach Syrien – nach meinem Studium oder wenn die Situation dort besser ist.“

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ekir.de / Simone Becker / 11.04.2014



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