Rheinisches Frauenmahl

Gutes Leben für alle schaffen

Ein feines Dinner mit vier Gängen, sieben Tischreden zur Zukunft der Religionen und rund achtzig geladene Frauen. Das ist kurz gesagt das „Frauenmahl“.  

Zwei von sieben Tischrednerinnen: Lamya Kaddor (l.) und Prof. Heike Walz beim rheinischen Frauenmahl. LupeZwei von sieben Tischrednerinnen: Lamya Kaddor (l.) und Prof. Heike Walz beim rheinischen Frauenmahl.

Mit einem „Plädoyer gegen die Sehnsucht nach einfachen Wahrheiten“ eröffnete Dr. Ilka Werner die Reihe der geistigen Impulse, nachdem es einen kleinen ersten „Gruß aus der Küche“ mit Tomaten, Oliven, Schafkäse und anderen bunten Nettigkeiten gegeben hatte – plus dazu „Für dich soll's rote Rosen regnen“: Musik von „Trio imperial“. Als „interessanten, spannenden und fröhlichen Abend“ hatte die theologische Frauenreferentin Irene Diller den Abend bzw. das „Frauenmahl“ angesagt. Frauenreferat, Frauenhilfe und die Juniorprofessur für Feministische Theologie an der Kirchlichen Hochschule in Wuppertal haben dieses „Rheinische Frauenmahl“ initiiert.

Und nun bderichtete Ilka Werner aus ihrem Alltag als Berufsschulpfarrerin. Nach dem Papstbesuch habe ein Schüler nach dem „evangelischen Papst“ gefragt. „Gibt es nicht“, so Werner. Aber wer denn dann die Evangelischen regiert, lautete die Schüler-Rückfrage. „Keiner.“ Oh, dann müsse evangelisch wohl „schwieriger“ sein, räsonnierte der Jugendliche.

Die theologische Mündigkeit von jeder und jedem, die fehlende irdische Richtlinien-Instanz, die evangelische Vielfalt „ist unser größter Schatz, wir sollten damit wuchern“, erklärte Ilka Werner, Vorsitzende des Theologischen Ausschusses der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR). Ein Gegen-Beispiel: Vermarktet werde die „Luther“-Dekade, richtigerweise müsse es um die Reformationsdekade gehen, denn zur Reformation gehören über Martin Luther hinaus weitere Reformatoren und Bekenntnisse. Die Kirche sollte Anwältin der Unterschiede sein – und insofern wirklich „Kirche der Freiheit“, sagte Werner in Bezug auf das diesen Namen tragende EKD-Reformpapier.

Werners zweiter Punkt: Neben der Pflege der Differenz solle es um die Wahrung des Zusammenhalts gehen. In der rheinischen Kirche sieht sie Abkopplungen zwischen Landeskirche und Gemeindeebene, dagegen müsse die Synodenkultur neu belebt werden. „Frauenmahl“ ist ein neues Format, wird in diesem Herbst in der Nähe des Reformationstags erstmals erprobt, Bonn und Krefeld haben schon, Köln wird noch.

Rheinisches Frauenmahl: NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann war eine der Tischrednerinnen.  
 
Bild-LupeRheinisches Frauenmahl: NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann war eine der Tischrednerinnen.

„Dies ist ein Leckerbissen in meinem Terminkalender“, schwärmte NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann zu Beginn ihrer „Tischrede“, und später erinnerte die stellvertretende Ministerpräsidentin stolz daran, dass sie aus einem Bundesland mit zwei Frauen an der Spitze kommt. Die Grünen-Politikerin legte ihren Rede-Schwerpunkt auf die Kraft der Religionen im Blick auf Friede und Bewahrung der Schöpfung. Die Religionen haben dabei aus Löhrmanns Sicht eine Orientierungsfunktion. Ein wichtiger Baustein sei der Religionsunterricht in den Schulen. „Ich finde es richtig, dass wir den Religionsunterricht haben.“ Und dann gibt es eine Gemüsesuppe.

Kirche als dynamische Gemeinschaft Gleichgestellter, unterwegs auf dem dienenden Weg Jesu. So stellt sich Annegret Laakmann die Kirche der Zukunft vor. Und dabei hatte die bei „Kirche von unten“ und in der „Maria von Magdala-Bewegung“ engagierte Katholikin erst einmal erläutert, warum sie sich an den in ihrer Kirche für Frauen beschränkten Handlungsspielräumen stört. Die Hierarchie gelte auf den Kopf gestellt.

Ähnlich später die Tischrednerin Schwester Dr. Lea Ackermann, die zunächst ihr Lebenswerk „Solwodi“ vorstellte. „Die Position der Frauen in der katholischen Kirche ist eine Sünde.“ Das Charisma, das Frauen in die Kirche bringen, finde in der katholischen Kirche „keinen Eingang“. Den Frauen fehle Entscheidungskompetenz, da diese an die Ämter gebunden sei. „Ich finde das nicht in Ordnung.“

Rheinisches Frauenmahl Bild-LupeRheinisches Frauenmahl

Trotz des Opferfests im Düsseldorfer FFFZ mit dabei: Die Islamwissenschaftlerin und Vorsitzende des Liberal-islamischen Bundes Lamya Kaddor, die spöttischislamkritische Stereotype auflistete, unter anderem das Bild von massenhaftem Schwimmunterrichtverbot für Mädchen. Sind 0,2 Prozent, machte Kaddor den Unterschied zwischen Vorurteil und Fakten deutlich. Die Sprecherin im „Forum am Freitag“ des ZDF und Lehrerin für Islamkunde erläuterte ihre Vorstellung von einem zeitgemäßen Islam, von einem Islam, in dem um Positionen auch gerungen werden darf und soll.

Mozarts Rondo Alla turca erklingt in einer Version für Geige, Gitarre und Klavier. Als Hauptgang kommen Hühnchen und Reis auf die Tische. „Mir macht es Spaß, ich finde es kreativ, es ist ein richtig guter, vielschichtiger Abend“, sagt die Theologin Dr. Christine Globig aus Wuppertal. Auch aus Wuppertal, auch bereit zu einer ersten Zwischenbilanz: Esther Weidner: „Ich bin bis jetzt sehr begeistert“, erklärt die Theologiestudentin, die in der Examensvorbereitung steckt. Die Vorträge seien interessant, die dadurch ausgelösten Gespräche an den zehn Tischen anregend.

Wie modernes liberales jüdisches Gemeindeleben aussehen kann, skizzierte die Schriftstellerin Petra Kunik aus Frankfurt/Main. Amüsiert erzählte sie nach, wie sie daheim daran mitwirkte die Frauengalerien abzuschaffen, also den Frauen Plätze mitten in der Synagoge zu verschaffen. Wie sie in Tora und Talmud zu lesen begann, um sich argumentativ zu wappnen und die Gleichberechtigung von Frauen und Männern zu erstreiten. „Wir Frauen müssen uns auf den Weg machen. Wir müssen es ja unseren Kindern und Enkeln vermitteln.“

Verzicht auf den Tatort

Opfer müssen sein. „Trotz des Vier-Sterne-Tatorts, der ja heute Abend läuft, bin ich hier“, sagt Barbara Montag von der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe. Ihre spontane Zwischenbilanz: ein „rundum gelungener phantastischer Abend mit vielen unterschiedlichen Akzenten“, eine „schöne Einladung für Seele und Körper“. Für sie kristallisiere sich ein Ringen um gemeinsame Werte heraus. Und nun frage sie sich: „Was macht man mit solch einem wunderbaren Auftakt?“ Denn verpuffen dürfe die Wirkung das Frauenmahl keinesfalls.

Noch eine Stimme, von ekir.de erbeten: „Anregend“ und „thematisch hochinteressant“ findet auch Kirchenleitungsmitglied Renate Brunotte den Abend. „Wir sind als Avantgarde zusammen gekommen.“.

Und noch eine Stimme: „Ich genieße“, sagt Katrin Meinhard aus dem Kirchenkreis Krefeld-Viersen, wo die Frauenbeauftragte bereits Mitte Oktober ein Frauenmahl organisiert hatte. Auch sie denkt über den Abend hinaus. Die Impulse sollen weiter wirken, „ich glaube auch, dass das passieren wird“. In Krefeld werde bereits darüber nachgedacht.

Die Utopie nicht vergessen 

Praktische Vorschläge lieferte dann die letzte Tischrednerin Dr. Heike Walz, Juniorprofessorin für Feministeische Theologie in Wuppertal. Ihr schwebe eine interreligiöse Frauenuniversität vor, erklärte Walz, sowie ein Frauen-Männer-Netzwerk, denn Veränderung müsse mit Männern geschehen, und es brauche eine geschlechterbewusste Theologie. Zuvor hatte Walz die „Utopie“ beschworen, einen idealen Ort, an dem es gutes Leben für alle gibt. Solches gutes Leben gelte es zu suchen und zu erhalten. Und das Frauenmahl – das sei schon einmal ein Symbol dafür.

Das Ende des Abends sei keinesfalls das „Ende unserer Gespräche“, stellte schließlich die leitende Pfarrerin der Frauenhilfe, Dagmar Müller, klar. „Wir wollen die Zukunft gestalten.“

Facebook, Twitter und Google+ einschalten
Seite drucken Seite versenden

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Montag, 7. November 2011. Die letzte Aktualierung erfolgte am Mittwoch, 9. November 2011. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / neu; Fotos Anna Siggelkow / 07.11.2011



© 2016, Evangelische Kirche im Rheinland - EKiR.de
Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung nur mit Genehmigung.