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Foto: Myriam Cawston Wie arbeitet Kirche in London? Die rheinische Kirchenleitung hat sich vor Ort informiert, hier in der Kirche St. Andrew’s.

Fresh-X-Gemeinden in London

Kirche ist eine Lebenseinstellung

In England haben sich seit mehr als 20 Jahren zahlreiche neue Formen kirchlichen Lebens entwickelt, sogenannte Fresh-X-Gemeinden. Die rheinische Kirchenleitung hat einige von ihnen in London besucht. Ein Exkursionsbericht.

Das Kahaila in der Brick Lane gehört zu einer lebendigen Café-Kultur im Viertel. LupeDas Kahaila in der Brick Lane gehört zu einer lebendigen Café-Kultur im Viertel.

Kurz nach halb elf am Vormittag ist es noch ruhig auf der Brick Lane im Londoner East End. Einst ein berüchtigtes Arbeiterviertel, später Ziel von Einwanderern, vornehmlich aus Bangladesh, ist die Straße seit geraumer Zeit Lebensmittelpunkt von Kreativen und Künstlern und bei Touristen angesagt. Mit seinen Märkten, kleinen Geschäften und zahlreichen Cafés wird die Brick Lane später am Tag zu quirligem Leben erwachen. Eines dieser Cafés ist das Kahaila, Zu dieser frühen Stunde befinden sich nur wenige Gäste in dem Raum mit Backstein-Ambiente. Eine junge Familie, eine Gruppe im Gespräch, zwei junge Männer mit ihren Laptops. Londons Performer kommen gerne ins Kahaila, weil es hier guten Kaffee gibt. „Hier gibt es sogar den besten Kaffee Londons“, sagt Paul Unsworth. Das ist Programm für den Pfarrer. „Im Viertel hat sich eine Café-Kultur etabliert, so geben wir den Menschen, was sie möchten, und sie bekommen, was sie brauchen.“ Eine angenehme Umgebung, in der mancher auch einmal jenseits vordergründiger Erfolgsgeschichten über seine Lebensfragen sprechen möchte. „Wir knüpfen dort an, wo die christliche Botschaft wirken kann“, sagt der Pfarrer.

"Kahaila" - eine Kirche im Café

Unsworth hat Kirche in diese ansonsten kirchenlose Straße gebracht. „Kahaila“ ist eine Kirche im Café, ein Café als Kirche und Beispiel für zahlreiche neue Gemeindeformen, die sich in England seit den 1990er Jahren gebildet haben, sogenannte fresh expressions of Church, kurz: Fresh-X. „Die jungen Menschen haben nichts gegen Kirche, sie ist bloß aus ihrem Leben entschwunden“, sagt Unsworth. Kirche gehöre für sie allenfalls noch zum Stadtbild von London wie die roten Telefonzellen, schön anzusehen, aber längst außer Gebrauch.

Mitgliederschwund, Spardruck, Nachwuchsmangel, Gemeindeschließungen – die anglikanische Kirche in England steht vor vergleichbaren Herausforderungen wie die Kirchen in Deutschland. In den 1990er Jahren entwickelt sie daher gegen diesen Trend ein Programm mit ambitionierten Zielen: So will etwa die Londoner Diözese bis 2020 100 neue Gemeinden gründen und die Zahl der aktiven jungen Menschen verdoppeln. Ein zentrales Element ist dabei die Entwicklung neuer Ausdrucksformen gemeindlichen Lebens überall dort, wo traditionelle Kirchengemeinden nur noch wenige Menschen ansprechen oder gar niemand mehr erreichen. Engagierte Christinnen und Christen hatten es mit neuen und unkonventionellen Gemeindeprojekten vorgemacht. Die Kirchenleitung machte diese Aufbrüche von unten nun zu ihrer Sache. „Was an der Basis entsteht, braucht einen langen Atem, um Bestand zu haben“, sagt der Bischof von London, Richard Chartres. Für diesen Atem sorge die Kirchenleitung, indem sie die nötigen Freiräume für neue Gemeindeformen innerhalb der anglikanischen Kirche geschaffen habe.

Blick auf den alten Kirchenraum von St. Andrew’s und den Anbau. Bild-LupeBlick auf den alten Kirchenraum von St. Andrew’s und den Anbau.

In St. Andrew's wurden Gestühl und alter Boden herausgerissen

Fresh-X-Gemeinden sind offizielle Kirchengemeinden, wenn auch mit anderer Struktur als eine traditionelle Parochie. Neben der Ausrichtung auf die Lebenswirklichkeit der Menschen zeichnet diese neuen Formen ein gemeinsames und Gemeinschaft stiftendes Engagement, ein gottesdienstliches Leben, sowie eine missionale Kompetenz aus, die ausstrahlt, was eine Gemeinde prägt. „Kirche ist eine Lebenseinstellung“, sagt Paul Unsworth. So lasse allein schon die Atmosphäre im Kahaila die Gäste spüren, was die Gemeindemitglieder trägt. Das gilt erst recht, wenn sie im Café Gottesdienst feiern.

Wenn Pfarrerin Lesley Bilinda sonntags in ihrer 1873 erbauten Kirche St. Andrew’s zum Gottesdient einlädt, muss die Gemeinde den Kirchraum erst bestuhlen. Bei einem Umbau vor zehn Jahren waren Gestühl und alter Boden herausgerissen worden, um einen multifunktionalen Raum zu schaffen. Angesichts drastisch zurückgehender Mitgliedszahlen stand die Kirche vor der Schließung. Sie war im Laufe der Jahre nicht nur im Bewusstsein der Menschen an den Rand gewandert, sondern hatte auch im Stadtteil ihre Funktion verloren.

Doch Kirche soll für die Menschen da sein, einen Wert für die Gemeinschaft haben, sagt Lesley Bilinda. So habe sich die Gemeinde gefragt, wie ihre Kirche gestaltet werden muss, damit sie den Bedürfnissen der Menschen heute gerecht wird – und sich für einen grundlegenden Umbau entschieden. Die Finanzmittel brachte sie mit dem Verkauf eines angrenzenden Gemeindehauses auf. Kernstück der renovierten Kirche ist ein mit Glas verkleideter viergeschossiger Trakt, der im hinteren Bereich eingezogen wurde. Es entstanden Räume, die auch vermietet werden, beispielsweise an die Initiative „IntoUniversity“, die sozial benachteiligte Jugendliche in ihrer Schullaufbahn fördert. Heute bietet die Kirche St. Andrew’s ein tägliches Café für Obdachlose, Räume für Initiativen, Selbsthilfegruppen, Tanztee, Glaubenskurse, auch die kleiner gewordene traditionelle Gottesdienstgemeinde findet nach wie vor ihren Platz.

In einer Turnhalle feiert das Projekt  „church@five“ sonntags um fünf Uhr Gottesdienst. Bild-LupeIn einer Turnhalle feiert das Projekt „church@five“ sonntags um fünf Uhr Gottesdienst.

Langer Atem kennzeichnet viele Fresh-X-Gemeinden

Der Umbau spiegelt für Lesley Bilinda auch ein theologisches Programm, in dem zunächst die Gemeinschaft von Menschen im Vordergrund steht und weniger der Glauben, der erst in einem späteren Schritt zur Sprache kommt. Christus in Gemeinschaft treffen, das ist theologischer Ansatz vieler Fresh X-Gemeinden. Weil die Menschen nicht mehr zur Kirche kommen, sucht Kirche sie in ihren Lebensbezügen auf. Die Kirchengemeinde von Lesley Bilinda geht diesen Schritt aus den Kirchenmauern hinaus zu den Menschen in einem benachbarten Stadtentwicklungsgebiet. Hier soll nach dem Abriss eines ganzen Viertels Wohnraum für 20.000 Menschen entstehen. Die Gemeinde engagiert sich dort bereits jetzt für Jugendliche, unter ihnen viele Somalier, und wird auch später im Neubaugebiet präsent sein.

Wie sich das Gemeindeleben im Neubaugebiet einmal gestalten wird, ob die Jugendarbeit gar Basis für eine neue Gemeindegründung wird, warten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von St. Andrew’s erst einmal ab. Dieser lange Atem ist Kennzeichen vieler Fresh-X-Gemeinden, orientieren sie sich doch an den Bedürfnissen der Menschen im Stadtteil oder in der Kommune.

Als Pfarrerin Helen Shannon mit ihrer Familie in einen der ärmsten Viertel Londons zieht, um dort Gemeinde zu bauen, lernt sie zwei Jahre lang die Menschen in ihrer neuen Umgebung kennen, bevor sie zu einem ersten Gottesdienst einlädt. Kirche, das ist in dieser Zeit ihr Wohnzimmer – und ist es bis heute geblieben. „Gott möchte eine gelingende Gemeinschaft, auch wenn die Menschen noch gar nichts von Gott gehört haben“, sagt sie und verweist auf den Anfang des Johannesevangeliums: „Das Wort ward Fleisch und wohnte mitten unter uns.“ „church@five“ heißt ihr Fresh-X-Projekt, weil Gottesdienst sonntags um fünf Uhr gefeiert wird. Dafür steht ihr die Turnhalle des örtlichen Gemeindezentrums zur Verfügung. Dass möglichst viele mitwirken, vom Aufbau der Stühle über den Tee bis hin zu Musik, Predigt und Lesung, ist zentrales Merkmal der niederschwelligen Gottesdienste.

„Den Wert eines Gotteskindes zu spüren, ist etwas, was viele von den Mitwirkenden bislang in ihrem Umfeld und in der Gesellschaft nicht erfahren haben“, sagt Pfarrerin Shannon. Inzwischen kommen Bewohnerinnen und Bewohner des Viertels auch zu Glaubenskursen. „Good for us, Good for our friends, great for our neighbours“ (Gut für uns, gut für unsere Freunde, super für unsere Nachbarn) steht auf dem Einladungsflyer zu einem Alpha-Kurs, der vor kurzem begonnen hat.

Theologiestudium verbunden mit Gemeindepraxis

Lesley Shannon und Paul Unsworth sind zwei jener Theologinnen und Theologen in der anglikanischen Kirche, die sich als „Pioniers“ auf den Weg machen, um die frohe Botschaft dorthin zu bringen, wo Kirche kein Gehör mehr findet. Ihre Zahl wird größer, auch weil die anglikanische Kirche mit einer Reform der theologischen Ausbildung auf einen drastischen Rückgang der Studierendenzahlen reagiert hat. Neben dem traditionellen Hochschulstudium bietet sie seit sechs Jahren eine Ausbildung an, die Theologiestudium mit Gemeindepraxis verbindet. Im Londoner St. Mellitus College etwa studieren die Absolventinnen und Absolventen an zwei Tagen in der Woche. An den übrigen Tagen sind sie in Gemeinden tätig. Bis zu 50 schließen pro Studienjahr allein an diesem College ihre Ausbildung ab.

„Wir haben uns gefragt, was junge Menschen heute lernen sollten, um als Pfarrerinnen und Pfarrer tätig zu sein“, sagt Bischof Graham Tomlin, der Dekan des St. Mellitus Colleges. Er hat selbst als Hochschullehrer unterrichtet und die Pfarrausbildung am Mellitus College praxisnah gestaltet und die Lehrpläne entschlackt. Und damit wieder mehr junge Menschen für den Pfarrberuf begeistert. Für sie ist es selbstverständlich, dass Kirche viele Ausdrucksformen hat, die sich an den Bedürfnissen der Menschen ausrichten. Viele von ihnen werden später selbst einmal an neuen Gemeindeformen bauen.

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ekir.de / Wolfgang Beiderwieden / Fotos: Myriam Cawston (2), Wolfgang Beiderwieden (2) / 23.09.2016



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