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Friedensdienst Ole Depenbrock, Sophie Weller und Lucia Heinen (v.li.) leisteten Friedensdienste in Argentinien und Russland. Im Hackhauser Hof in Solingen tauschten sie sich aus und gaben ihre Erfahrungen an nachfolgende Freiwillige weiter.

Friedensdienst

„Weder abschrecken, noch beschönigen“

Ein Friedensdienst gewährt Einblick in andere Lebenswelten. Das ist bereichernd und manchmal nicht einfach. Die rheinische Arbeitsstelle für Auslandsfreiwilligendienste lud daher Interessierte und Ehemalige zu Schulung und Austausch nach Solingen ein. 

Auch über die Arbeit mit Kindern wurde in Solingen nachgedacht. Auch über die Arbeit mit Kindern wurde in Solingen nachgedacht.

Nur zögernd nähern sich die jungen Menschen dem gelben Zettel, der in der Evangelischen Jugendbildungsstätte Hackhauser Hof in Solingen auf dem Boden liegt. „Drogensüchtige“ steht auf dem Blatt, das Thomas Franke von der Arbeitsstelle für Auslandsfreiwilligendienste und Freiwillige Friedensdienste der rheinischen Kirche dort platziert hat. „Könnt ihr euch vorstellen, in diesem Arbeitsfeld tätig zu werden? Dann tretet näher heran!“, fordert er die jungen Erwachsenen auf. „Puh ..., ich weiß nicht, ob ich das aushalten würde“, meint eine angehende Abiturientin. „Es ist bestimmt heftig, wenn man miterlebt, wie Menschen körperlich und seelisch verfallen“, erklärt sie.

Zehn junge Frauen und Männer nehmen an diesem Orientierungstag der rheinischen Arbeitsstelle teil. Sie setzen sich in Solingen mit dem Auslands- und Friedensdienst auseinander, sie werden über die verschiedenen Arbeitsfelder des Freiwilligendienstes informiert und denken über eigene Talente und Wünsche nach.

Ehemalige geben ihre Erfahrungen weiter

Seit 1995 bietet die Arbeitsstelle allen 18- bis 27-Jährigen die Möglichkeit eines Freiwilligendienstes im Ausland an. Zurzeit sind 57 junge Frauen und Männer in Projekten kirchlicher Partnerorganisationen in Süd- und Nordamerika, in Rumänien, England, und Frankreich sowie in Israel und Russland im Dienst. Die Freiwilligen werden vor und während ihres Dienstes von der rheinischen Arbeitsstelle betreut. Als Mentorinnen und Mentoren stehen ihnen außerdem junge Menschen zur Seite, die bereits einen Friedensdienst geleistet haben.

Im Hackhauser Hof treffen sich daher an diesem Tag nicht nur Interessierte: Ein Stockwerk höher nehmen gleichzeitig rund 40 Ehemalige an einer Mentoren-Schulung teil. „Wir haben die Erfahrungen vor Ort bereits gemacht und können gut nachvollziehen, wie Gleichaltrige ihren Dienst in einem fremden Land und in einer anderen Kultur erleben“, erklärt in Solingen Sophie Weller. Die 22-Jährige aus dem Westerwald hatte von 2013 bis 2014 im argentinischen Buenos Aires in einem Wohnheim für behinderte Menschen gearbeitet. „Wir schildern den Interessierten ganz realistisch, was auf sie zukommt“, sagt sie. Niemand solle abgeschreckt werden, aber es werde auch nichts beschönigt. 

„Wir haben definitv einzelnen Menschen geholfen“

Ole Depenbrock arbeitete in Argentinien. Ole Depenbrock arbeitete in Argentinien.

Mentorin Lucia Heinen war selbst froh, einen Ansprechpartner zu haben, als einer ihrer Schützlinge während ihres Einsatzes in einem Heim für behinderte Menschen in St. Petersburg starb: „Es half mir, dass ich mich mit meinem Vorgänger per Mail austauschen konnte.“ Die 19-Jährige Aachenerin ist bis vergangenen August in Russland gewesen. Dort erlebte sie einen anderen Umgang mit Menschen mit Behinderung als sie ihn von ihren ehrenamtlichen Tätigkeiten in Deutschland gewohnt war. „Viele Menschen mit Behinderung verbringen ihr gesamtes Leben im Heim, der russische Staat ist ihr Vormund“, berichtet sie.

„Es gibt jetzt natürlich immer noch keinen Weltfrieden, nur weil ich ein Jahr in Russland war“, meint Lucia Heinen. „Doch wir Freiwilligen haben in St. Petersburg definitiv einzelnen Menschen geholfen und neue Ideen und Schwung verbreitet.“ Und so trügen eben alle Freiwilligen auf jeden Fall dazu bei, ein Stück Frieden und Freundschaft in andere Länder zu bringen.

Der Dienst bereichere auch das eigene Leben, ergänzt in Solingen der 20-jährige Ole Depenbrock: „Die Lebensfreude der Menschen und der Respekt vor anderen Kulturen, die ich in einer indigenen Schule in Argentinien erlebt habe, werden mich immer begleiten.“ Wie die anderen Mentorinnen und Mentoren entscheidet er mit darüber, wer Nachfolgerin und Nachfolger in den Einsatzprojekten wird: „Aus unserer Erfahrung heraus, können wir einschätzen, wer zu der Arbeit passt.“

„Ihr müsst nicht die Welt retten“

Ursprünglich als Alternative zum Wehrdienst etabliert, gibt es auch nach dessen Abschaffung im Jahr 2011 bis heute ausreichend Bewerberinnen und Bewerber auf einen Friedensdienst. „Wir wünschen uns allerdings, dass die Bundeswehr bei der Werbung für eine Rekrutenlaufbahn auch auf unsere und andere Friedensdienste als Alternative hinweist“, sagt Thomas Franke.

Die jungen Menschen, die sich heute im Hackhauser Hof um ihn versammelt haben, bringen bereits viel eigenes Engagement mit: Sie wirken ehrenamtlich in Seniorenheim und CVJM, in Sportvereinen oder beim Musikunterricht. Pädagoge Franke gibt ihnen für den Friedensdienst vor allem zwei Dinge mit auf den Weg: „Ihr werdet gut vorbereitet, und ihr müsst nicht die Welt retten.“ Denn vor Ort gebe es ausgebildete Fachkräfte, in deren Händen die professionelle Arbeit und der Fortbestand der Projekte ruhten.

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ekir.de / eis / Foto: Sabine Eisenhauer (2), Arbeitsstelle für Auslandsfreiwilligendienste (1) / 02.01.2017



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