EKiR von A-Z
EKiR von A-Z Themen, Arbeitsfelder, kirchliche Einrichtungen von A-Z mehr

Janssen Claudia Janssen war Studienleiterin im Studienzentrum für Genderfragen der Evangelischen Kirche in Deutschland, jetzt hat sie an der Kirchlichen Hochschule in Wuppertal eine Professur aufgenommen

Genderforschung

„Passive Toleranz reicht nicht“

Bundesdeutsche Gesetze zeugen von Toleranz, was die Geschlechtergerechtigkeit angeht. Doch die Gesellschaft hinkt hinterher. Über Verunsicherungen, Ängste und Hassmails spricht Dr. Claudia Janssen, Professorin für Feministische Theologie und Theologische Geschlechterforschung an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel.

Müssen Sie Ihren Beruf oft erklären?

Tatsächlich muss ich das eher selten. Denn es sind sehr viele Menschen über die Themen Gender, Feminismus und Geschlechtergerechtigkeit informiert und an ihren Inhalten interessiert. Als ich jetzt nach Wuppertal gezogen bin und mich bei einem Nachbar vorstellte, meinte er: „Ach, Genderforschung! Dann beschäftigen Sie sich auch mit Transgender?“ Nein, erklären muss ich meine Arbeit nicht sehr oft, dafür habe ich sie jedoch häufig zu rechtfertigen.

Dann werden Sie bestimmt darauf hingewiesen, dass es die Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft bereits gibt und wir keinen Feminismus mehr brauchen?

Ja, das ist das meistgebrauchte Argument. Doch die Realität sieht immer noch anders aus: 58 Prozent aller berufstätigen Frauen arbeiten in Teilzeit und kommen aus dieser sogenannten Teilzeitfalle auch nicht mehr heraus. So waren im Jahr 2013 rund nur 1,9 Millionen Männer, aber 8,1 Millionen Frauen in Deutschland teilzeitbeschäftigt. Nach wie vor leisten Frauen neben ihrem Beruf den Hauptanteil bei der Pflege und Betreuung von Kindern und älteren Angehörigen. Daneben gibt es immer noch keine flächendeckende Gleichbezahlung von Männern und Frauen, und das neue Scheidungsrecht lässt Frauen, die Kinder versorgen, oft ohne Unterhaltsleistungen zurück.

Und wie sieht es in der evangelischen Kirche mit der Gleichstellung aus?

Auch in der evangelischen Kirche sind wir von der Gleichstellung noch ein Stück weit entfernt. In der rheinischen Landeskirche gibt es derzeit 1799 Theologinnen und Theologen – der Frauenanteil beträgt dabei 38 Prozent. In den Leitungsfunktionen auf Kirchenkreisebene sind Superintendentinnen nur zu rund 18 Prozent vertreten. Vielleicht ändert sich das Geschlechterverhältnis in Zukunft, denn derzeit sind 60 Prozent der 130 Theologiestudierenden in der rheinischen Kirche junge Frauen.

Womit beschäftigt sich Feministische Theologie heute?

Im Fokus der Feministischen Theologie stehen jetzt weniger als in den 80er und 90er Jahren das Frauenbild und die weiblichen Figuren der Bibel im Mittelpunkt. Die Feministische Theologie beschäftigt sich jedoch nach wie vor mit der Geschlechtergerechtigkeit. Seit dem Jahr 2000 werden die Genderfragen weiterentwickelt, und das Verhältnis der Geschlechter wird untersucht. Der Begriff Gender rückt in den Mittelpunkt. Er bezeichnet das, was in einer Gesellschaft als männlich und weiblich verstanden wird und geht darüber hinaus von einer Vielfalt von Geschlechtsidentitäten aus.

Vor allem an diesem Begriff „Gender“ entzünden sich momentan die öffentlich geführten Diskussionen ...

Ja, der Begriff löst Streit und Kritik aus. Denn viele verkennen die Genderforschung als eine Ideologie, die anderen etwas aufdrücken will. Gender ist aber viel mehr eine Kategorie, mit der wir soziale Zuschreibungen einordnen können, die als männlich und weiblich verteilt werden. Gender hilft, die Wirklichkeit zu verstehen und Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten zwischen den Geschlechtern zu sehen.
Ich verstehe Genderforschung als eines von vielen Mitteln, mit denen wir unsere Wirklichkeit beschreiben können. Eine Wirklichkeit, die momentan immer komplizierter und komplexer wird. Denn unsere Gesellschaft befindet sich im Wandel, da sich traditionelle Rollenbilder auflösen und neue Lebensformen sichtbar werden. Und das verunsichert viele Menschen.

Veränderungen können Chancen bieten. Warum verunsichern sie die Menschen?

Immer weniger Menschen fühlen sich getragen von einer Gemeinschaft, in der füreinander Verantwortung übernommen wird. Ob in der Familie oder in der Arbeitswelt: bestehende Sicherheiten lösen sich auf, und das sorgt zum einen für ökonomische Existenzängste. Es ist aber gleichzeitig vor allem eine Krise der Männlichkeit: Viele Männer fühlen sich in ihrer althergebrachten Rolle als Alleinversorger in Frage gestellt, gerade jüngere wollen sie auch nicht mehr ausfüllen. Sie erleben, dass ihnen Vorbilder fehlen, die ein anderes Männerbild präsentieren. Sie fühlen sich überfordert von den Anforderungen zwischen Karriere und Familie.
Auf der rechtlichen Ebene ist unsere Gesellschaft in den vergangenen Jahren immer toleranter geworden. So sind beispielsweise homosexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen seit 1975 nicht mehr strafbar, seit 1977 können Frauen ohne Erlaubnis des Ehemanns berufstätig sein, und seit 2001 sind eingetragene gleichgeschlechtliche Partnerschaften möglich. Doch eine passive Toleranz allein reicht nicht aus, es fehlt uns an der gesellschaftlichen Akzeptanz von Vielfalt und Gleichberechtigung. Das merke ich etwa an der Flut unschöner Zuschriften, die ich erhalte, wenn ich mich zum Thema Gender, Feminismus oder Geschlechtergerechtigkeit äußere.

Sie erhalten Hassmails?

Wer sich öffentlich zu Genderfragen äußert, wird derzeit von Hassmails überflutet. Manche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und ihre Angehörigen werden darin sogar mit Gewalt bedroht. Das ist mir bisher nicht passiert, doch ich erhalte oft Mails mit aggressiven Inhalten. „Ich trete aus der Kirche aus“, ist da noch das Harmloseste, was geschrieben wird. Das zermürbt, und ich überlege mir mittlerweile zehn Mal, was ich öffentlich sage.
Vor wenigen Jahren waren es nur Minderheiten, die ihre Meinung vom rechten Rand aus vertreten haben. Doch die Anti-Gender-Bewegung erhält momentan mit dem Erstarken des Rechtspopulismus einen großen Zulauf – und das auch aus bürgerlichen Milieus.

Woher kommt dieser Zulauf zu rechtspopulistischen Ansichten, die sogar Zuspruch aus manchen kirchlichen Kreisen erhalten?

Auf Verunsicherungen geben Rechtspopulistinnen und Rechtspopulisten einfache Antworten. Sie bieten scheinbare Sicherheiten mit althergebrachten Bildern von Familie und Gesellschaft. Hier werden bestehende Ängste vor Veränderungen gezielt ausgenutzt. Propagiert werden klare biologische Unterschiede zwischen Mann und Frau und daraus abgeleitete Rollen in Familie und Öffentlichkeit. Auch konservativ-christliche Kreise scheinen damit ansprechbar zu sein. Sie bestehen auf einer biblischen Schöpfungsordnung, die es in der Bibel gar nicht gibt.

Was ist Ihre Antwort auf die Angst vor gesellschaftlichen Veränderungen?

Ich bezeuge eine Kirche, die aus der Vision einer inklusiven Gemeinschaft heraus lebt, eine Kirche, in der Vielfalt und Gleichwertigkeit zentrale Grundlagen sind. Die evangelische Kirche sehe ich vor einer besonderen Herausforderung: Sie kann die Menschen herausholen aus ihrer Angst und Verunsicherung, sie kann erfahrbar machen, dass die christliche Tradition eine Weite verspricht, in der jeder und jede als Ebenbild Gottes angenommen und geborgen ist. Die Vielfalt, die in der Bibel beschrieben wird, ist eine Freiheit, die unsere Gesellschaft bereichern kann. Evangelische Christinnen und Christen sollten im gesellschaftlichen Dialog darüber die Wertschätzung füreinander und den Respekt voreinander einbringen.

Wie setzen Sie und die Kirchliche Hochschule Wuppertal/Bethel dies im Studienalltag um?

Die Hochschule besitzt mit der Professur für Feministische Theologie und Theologische Geschlechterforschung ein echtes Alleinstellungsmerkmal. Es ist etwas Besonderes, dass wir bei der internationalen Forschung zu Gendertheorien ganz vorne mit dabei sind. Das finde ich sehr spannend, und ich bin dankbar, dass die rheinische und die westfälische Kirche das ermöglichen.
Sich mit Gendertheorien zu beschäftigen, bedeutet auch, die eigene Identität und Biographie in den Blick zu nehmen. Die Hochschule bietet dafür den Raum, in dem wir uns der eigenen Geschichte stellen. Wir muten uns erlebte Erfahrungen mit Scheidungen, Patchwork-Familien, Homosexualität und Transgender zu – und erleben dabei Weite und Vielfalt, aber auch Schmerz und Abwehr. Die eigene Wirklichkeit ist ein Ausschnitt der Lebenswelten, die den Studierenden später in ihrem Dienst begegnen werden. Der Fachbereich vermittelt damit den angehenden Theologinnen und Theologen eine wichtige Kernkompetenz.

Seit den 80er Jahren befassen Sie sich mit Feministischer Theologie. Erleben Sie, dass Ihre Arbeit Früchte trägt?

Ja, das erlebe ich auf jeden Fall – auch wenn die Veränderungen manchmal einen langwierigen Prozess durchlaufen. So stand damals die „Bibel in gerechter Sprache“, an der ich vor zehn Jahren mitarbeitete, im Kreuzfeuer der Kritik. Sie erntete Abwehr und Häme. Doch jetzt gibt es sie in einer Auflage von 100.000 Stück, und auch die Lutherbibel nennt nicht mehr allein die Männer, sondern spricht von „Schwestern und Brüdern“.
Generell erlebe ich die evangelische Kirche heute als einen Ort, an dem eigene Erfahrungen und Fragen in guter Gemeinschaft zum Austausch kommen. Ich erlebe Vielfalt ohne Beliebigkeit. Und das macht mir Hoffnung, dass wir gemeinsam den derzeitigen Transformationsprozess in der Gesellschaft als Chance wahrnehmen, der uns weite Räume öffnet. 

Dr. Claudia Janssen hat im Oktober 2016 die  Professur für Feministische Theologie und Theologische Geschlechterforschung an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel aufgenommen. Zuvor war sie Studienleiterin im Studienzentrum für Genderfragen der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Facebook, Twitter und Google+ einschalten
Seite drucken Seite versenden

 

ekir.de / Text: Sabine Eisenhauer / Foto: EKD, Jens Schulze / 08.02.2017



© 2017, Evangelische Kirche im Rheinland - EKiR.de
Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung nur mit Genehmigung.