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Schutz vor drohender Gewalt finden Frauen in Frauenhäusern. Bundesweit gibt es 6800 Plätze. Schutz vor drohender Gewalt finden Frauen in Frauenhäusern. Bundesweit gibt es 6800 Plätze.

Gewalt

Die Türen und Ohren öffnen

Jede dritte Frau erlebt Gewalt, erklärt die Menschenrechtsorganisation „Terre des Femmes“ und ruft am heutigen Tag auf, Zeichen gegen diese Aggression zu setzen. Opfer brauchen Obhut und Beistand weiß Renate Wallraff, Leiterin des evangelischen Frauenhauses in Alsdorf. Doch diese Arbeit wird nicht immer finanziert. 

Auf den Fahnen ist der Umriss einer Frau gezeichnet, sie steht fest auf dem Boden, ihre Arme sind erhoben und weit geöffnet. „Frei leben – ohne Gewalt“ ist unter ihre Silhouette geschrieben. Die Flaggen sind am heutigen internationalen Gedenktag „Nein zu Gewalt an Frauen“ rheinlandweit, unter anderem in und an Rathäusern und kirchlichen Gebäuden angebracht. Die Gender- und Gleichstellungsstelle der rheinischen Kirche hat zum Beispiel eine Fahne im  Foyer des Düsseldorfer Landeskirchenamts aufgehängt. Zu diesem sichtbaren Zeichen gegen die tägliche Gewalt an Mädchen und Frauen hat die Menschenrechtsorganisation „Terre des Femmes“ aufgerufen.

Misshandlung, Isolation und Sexting

„Gewalt wird in den unterschiedlichsten Formen ausgeübt“, sagt Renate Wallraff, Leiterin des Frauenhauses in Alsdorf in der Städteregion Aachen. Und sie treffe gleichermaßen Frauen aus allen sozialen Schichten und Kulturkreisen: Frauen werden körperlich misshandelt, in die soziale Isolation getrieben, zur Abtreibung oder zum Sex gezwungen. „Eine neue Form der Misshandlung ist das sogenannte Sexting, bei dem Männer die Aktfotos der Frauen veröffentlichen und im Internet in Umlauf bringen“, berichtet Renate Wallraff.

Das Alsdorfer Frauenhaus des Diakonischen Werks im Evangelischen Kirchenkreises Aachen hatte anlässlich des internationalen Gedenktags zu einem Fachtag zum Thema „Lover Boys“ eingeladen und über junge Männer informiert, die Mädchen emotional abhängig machen und zur Prostitution zwingen.

Gewalt findet meist zu Hause statt

In Europa habe jede dritte Frau bereits physische oder sexualisierte Gewalt erlebt, berichtet Terre des Femmes. Diese Gewalt finde in der Regel im eigenen Zuhause statt. „Schutz finden viele der betroffenen Frauen nur, wenn sie aus ihrer eigenen Wohnung fliehen – zu Verwandten, Freunden oder in ein Frauenhaus.“ Der Gedenktag steht daher in diesem Jahr unter dem Motto „Offene Türen“. Bundesweit gibt es laut Terre des Femmes 390 Frauenhäuser und Zufluchtswohnungen mit rund 6800 Plätzen für Frauen und ihre Kinder.

„Die Opfer müssen heraus aus der Gewaltspirale, das ist der erste Schritt“, sagt Renate Wallraff. Ihr Haus in Alsdorf hält acht Plätze für Frauen und ihre Kinder bereit, im vergangenen Jahr fanden hier 69 Frauen und 71 Kinder eine Obhut. Die meisten Bewohnerinnen seien zwischen 26 und 40 Jahre alt, die älteste war 83, berichtet Sozialarbeiterin Wallraf. Die Dauer ihrer Aufenthalte würde länger, ergänzt sie: „Blieben die Frauen früher eine Woche, leben sie nun meist drei Monate oder auch mal ein halbes Jahr in unserer Einrichtung.“ Das liege zum einen an der schwierigen Lage auf dem Wohnungsmarkt, zum anderen an den zunehmend verschärft problematischen Situationen, in denen sich die Betroffenen befänden.

Zu wenig Plätze, zu wenig Geld

Seit mit dem am 1. Januar 2002 in Kraft getretenen Gewaltschutzgesetz die zivilrechtlichen Rechtsschutzmöglichkeiten der Opfer häuslicher Gewalt gestärkt werden, kann die Polizei den Täter der Wohnung verweisen und die Frauen haben die Möglichkeit, sich Hilfe und Beratung zu suchen. „Die Opfer, die dafür keine Kraft und keine Ressourcen und auch kein soziales Umfeld haben, das sie auffängt, kommen zu uns“, sagt Renate Wallraff. Diese traumatisierten Frauen brächten ungemein schreckliche Gewalterfahrungen mit, die nicht so schnell aufgefangen und verarbeitet werden könnten.

Im Vorjahr musste das Frauenhaus in Alsdorf außerdem 47 Hilfesuchende aus Platzmangel ablehnen und an andere Unterkünfte weitervermitteln. Laut Bericht der Bundesregierung wurden 2011 bundesweit über 9000 Frauen abgewiesen. Zusammen mit Terre des Femmes fordert das Team des Alsdorfer Frauenhauses daher eine bundesweite verbesserte Ausstattung und Finanzierung der Einrichtungen.

97,23 Euro für einen Tag im Frauenhaus

„Kaum jemand weiß, dass die Frauen den Platz selbst bezahlen müssen, wenn nicht Sozialamt und Arge einspringen“, berichtet Renate Wallraf. Ein Tag im Frauenhaus kostet in Aachen 97,23 Euro. „Dazu kommen noch das Geld für die Verpflegung und die weiterlaufenden Kosten einer bestehenden Wohnung.“ Dringend notwendig sei darum eine pauschale, kosten- und flächendeckende sowie stabile Finanzierung von Frauenhäusern und Beratungsangeboten auf einer bundesweit basierenden Rechtsgrundlage.

Kostenfrei ist die Beratung, die das Frauenhaus in Alsdorf am Telefon anbietet. Und die werde vielfach von Frauen genutzt, die Schutz und Unterkunft bei Eltern, im Freundeskreis oder in einem Hotel finden. Aber auch von Männern, die der Gewalt von Söhnen oder Frauen ausgesetzt sind.

Das Frauenhaus in Alsdorf ist Tag und Nacht erreichbar und aufnahmebereit unter Telefon 02404 91000. Die Beratung am Telefon ist anonym und kostenfrei. 

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ekir.de / Text und Foto: Sabine Eisenhauer / 25.11.2016



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