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Gewaltfreie Kommunikation „Menschen haben grundsätzlich gleiche Bedürfnisse, nutzen aber andere Strategien, um sie zu befriedigen. Das führt zu Konflikten“, sagt Pfarrerin Katja Korf. Mit Konfirmandinnen und Konfirmanden übt sie, wie es anders geht.

Gewaltfreie Kommunikation

Die Gefühle und ihre Kraft

Achtsam sein – klingt abgedroschen, verhindert aber Konflikte. Das Achten auf Gefühle und Bedürfnisse bestimmt daher die „Gewaltfreie Kommunikation“, mit der sich am 21./22. April eine kirchliche Fachtagung in Köln beschäftigt. Referentin und Pfarrerin Katja Korf übt das gewaltfreie Gespräch im Konfi-Unterricht. Ein Interview.

Frau Korf, wann wird ein Gespräch gewalttätig?

Ein Gespräch wird gewalttätig, wenn ein Mensch seinem Gegenüber nicht wirklich zuhört, sondern dessen Aussagen bewertet und verurteilt. Dann mündet der Dialog in ein Entweder-oder: „Entweder deine Position oder meine“. Im schlimmsten Fall kann das bei Menschen zu körperlicher Gewalt führen, bei Staaten zu Kriegen.

Und wie hilft dann die Gewaltfreie Kommunikation?

Bei der Gewaltfreien Kommunikation gibt es kein „Entweder-oder“, sie mündet viel mehr in ein „Sowohl-als auch“. Diese Kommunikation basiert auf einer von dem US-amerikanischen Psychologen Marshal B. Rosenberg entwickelten Methode, bei der vier wesentliche Beobachtungen im Fokus stehen: Was fühle ich? Was brauche ich? Und was fühlt und braucht der andere?

Diese Methode geht davon aus, dass Menschen grundsätzlich die gleichen Bedürfnisse haben. Sie nutzen nur jeweils andere Strategien, um sie zu befriedigen. Daher gilt es, tiefer zu gehen: die eigenen Belange genau zu erfassen und die der anderen anzuhören, ohne sie zu bewerten. Zur Gewaltfreien Kommunikation gehört also die Achtsamkeit, die Gefühle und Bedürfnisse in den Blick zu nehmen – bei sich selbst und beim Gegenüber. Diese einfache, aber zugleich sehr radikale Praxis stiftet Verbindung miteinander und führt – im Innen wie im Außen – spürbar zu mehr Frieden.

Wie geben Sie das an die Jugendlichen beim Konfirmandenunterricht Ihrer Kirchengemeinde Köln-Lindenthal weiter?

Zusammen mit den über 50 Jugendlichen übe ich die Elemente der Gewaltfreien Kommunikation. Die 12- bis 13-Jährigen nehmen dabei spielerisch verschiedene Positionen ein – so zum Beispiel die eines Vegetariers, das Gegenüber die eines überzeugten Fleischessers. Wenn es nur darum geht, den eigenen Standpunkt zu verteidigen, dann eskaliert solch ein Gespräch schnell und wird aggressiv.

Anschließend hören wir einander im Sinne der Gewaltfreien Kommunikation zu und nehmen das Anliegen des jeweils anderen wahr. Wir sehen: Beide Parteien wollen Genuss und gesunde Ernährung, dem Vegetarier ist außerdem der Tierschutz und die Geschwisterlichkeit der Lebewesen wichtig. Ihn schmerzt es, wenn er sieht, dass Tiere gegessen werden - und dieses Gefühl lassen wir einfach stehen. Es geht in erster Linie gar nicht darum, auf einen Nenner zu kommen, sondern viel mehr darum, in einer guten Verbindung miteinander zu sein.

Können die Jugendlichen das auch in ihrem Alltag umsetzen?

Der samstägliche Unterricht findet nicht häufig genug statt, um in die Tiefen der Gewaltfreien Kommunikation einzusteigen. Doch Wertschätzung und Empathie üben wir auf vielfältige Weise ein – zum Beispiel beim Bibliolog, bei dem die Jugendlichen die Rolle einer biblischen Person einnehmen und deren Gedanken und Gefühle eine Stimme verleihen.

Ich will nicht, dass die Kinder nur Katechismus-Wissen lernen, sondern auch lebenspraktisches Wissen mitbekommen. Sie sollen ihre Gefühle und deren Kraft kennenlernen. Mit Gefühlen in Kontakt zu sein, ist in unserer Gesellschaft alles andere als selbstverständlich: Unangenehme Gefühle schieben wir gerne auf Seite.

Mir geht es dabei um das Gebot: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Auch hier geht es eben nicht um ein „entweder du oder ich“, sondern um ein „wir beide“. Die Gewaltfreie Kommunikation ist die beste Praxis, die ich kenne, um das christliche Gebot der Nächstenliebe wirklich zu leben. Und zwar mit beiden Seiten der Medaille!

Werden Menschen, die das praktizieren, nicht von anderen überrollt? Denn während der eine noch empathisch sichtet, setzt der andere schon mal seine Belange durch …

Wer gerade erst anfängt, sich mit Gewaltfreier Kommunikation zu beschäftigen, wird vielleicht erst einmal langsamer: Er richtet zunächst den Fokus nach innen, bevor er nach außen in Aktion tritt. Grundsätzlich lässt sich die Gewaltfreie Kommunikation aber in jeder Situation anwenden. Wenn ein Gegenüber aggressiv brüllt, kann ich von seinen Worten absehen und tiefer schauen: Für welches Bedürfnis steht der andere gerade ein? Das spreche ich an – und gleichzeitig verliere ich nicht den Kontakt nach innen.

Nicht immer findet sich so eine schnelle Lösung des Konflikts, möglicherweise aber eine dauerhafte! Denn wenn einmal geklärt ist, welche Bedürfnisse eine bestimmte Situation prägen, findet man dafür oft neue und überraschende Lösungen.

Die Fachtagung in der Melanchthon Akademie am Kartäuserwall 24b in Köln beginnt am Freitag, 20. April 2018, ab 15.30 Uhr und endet am Samstag, 21. April 2018, um 15.30 Uhr. Anmeldung unter anmeldung@melanchthon-akademie.de

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ekir.de / Text: Sabine Eisenhauer, Foto: privat / 18.04.2018



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