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Tief drinne im Glaubensreich: Gruppendiskussionen beim ersten Netzwerktreffen in der Kölner Trinitatiskirche. Tief drin im Glaubensreich: Gruppendiskussion beim ersten Netzwerktreffen "glaubensreich" in der Kölner Trinitatiskirche.

Zukunftsinitiative

Träume teilen und nicht nur beim Träumen bleiben

"Achtsamkeit als Querschnittsthema", "Spirituelle Haltepunkte an Haltestellen",  "Reformation 2.0". Die ersten Ideen bei "glaubensreich" waren breit, unsortiert, positiv. Auf grünen Karten geschrieben, wurden sie verschiedenen Thementafeln zugeordnet.

Ideen entwickeln: Diskussionen in kleinen Gruppen. Ideen entwickeln: Diskussionen in kleinen Gruppen.

Auf der Tafel zu Bildungsverantwortung hat jemand "Kunst meets Kirche" aufgeschrieben. Mit gelbem Post-it hat jemand anderes "Gottesdienst mit Popsongs" angeheftet. Auf der Tafel Spiritualität wirbt jemand für "Stolpersteine für Sinnsucher", per Post-it klebt dieser Kommentar dran: "schöne Idee, provokativ + aufmerksam". Auf der Tafel Gesellschaftliche Verantwortung gibt es gleich mehrere grüne Vorschläge zur Lage von Flüchtlingen.

Die Sammlung von Themen und Ideen steht ungefähr in der Mitte des ersten Netzwerktags für die Zukunftsinitiative der Evangelischen Kirche im Rheinland unter dem Motto "glaubensreich". Rund hundert Frauen und Männer berieten einen Tag lang in der Kölner Trinitatiskirche, wie Glaube neu Ausdruck finden und Kirche in Bewegung kommen kann. Schon an der Eingangstür steht ein Banner und ermuntert: "Worauf warten wir noch?"

Träume und Erfahrungen teilen: Christoph Nötzel. Träume und Erfahrungen teilen: Christoph Nötzel.

Worum es bei "glaubensreich" schonmal gar nicht gehen soll, formulierte Christoph Nötzel, Leiter des Amtes für Gemeindeentwicklung und missionarische Dienste der rheinischen Kirche, so: "Volle Veranstaltung und der Alltag bleibt, wie er ist." Stattdessen sollen Ideen kreiert werden, um Gemeinden lebendig zu gestalten und Gottesdienste lebendig zu feiern. Nötzel: "Wir möchten Menschen vernetzen, die in dieser Kirche etwas wollen, die Träume teilen und nicht nur beim Träumen bleiben."

Die Arbeitsweise erklärte der Landespfarrer kurzerhand so: "Ich begrüße nun die Referenten", erklärte er noch am Mikro, verließ diesen Platz und ging händeschüttelnd von Tisch zu Tisch. Sagte den Teilnehmenden: "Hier passiert, was Sie tun. Hier wird umgesetzt, was Sie machen."

Warum ich hier bin: Gruppenphase. Warum ich hier bin: Gruppenphase.

"Ich möchte gern eingetretene Pfade verlassen", erklärt in kleiner Tischrunde ein Gemeindepfarrer, warum er zu diesem Treffen gekommen ist. Ein anderer erzählt, dass er sich mehr Aufbruch wünscht und dazu auch sein Pfündlein beitragen will. Ein Dritter meint: "Wir leben in einer hochreligiösen Zeit, doch an den Kirchen geht das vorbei." Die Botschaft sei nicht überholt, aber Strukturen und Gottesdienstformen seien es. Ohne Veränderungen bleiben wir nicht bestehen, meint eine Pfarrerin.

Schnell dreht sich das Gespräch um Gottesdienste. "Haben wir zu viele? Wäre weniger mehr?", fragt einer. Der mit den neuen Pfaden meint: "Eigentlich würde ich auch gern mal am Mittwochabend etwas anbieten." Wieso, weshalb, warum? Zu seiner Gemeinde im ländlichen Raum zählten viele Landwirte: "Sie können am Sonntagmorgen nicht", abends an einem Wochentag aber durchaus. "Kundenorientiert" sei die Idee, lobt der Kollege.

Um Qualitätseinbußen zu vermeiden, würde er gern mit Nachbargemeinden an einem Strang ziehen und auf diese Weise Ressourcen freischaufeln, um das Mittwochsangebot zu realisieren. Der Pfarrer mit dem Aufbruch-Wunsch erzählt von Familiengottesdiensten einmal im Monat, Beginn 12 Uhr, anschließend gemeinsames Mittagessen. Aber, sagt er, das funktioniert nur dank Ehrenamtlichen. "Das klappt nur mit Teams. Mit Revierförstern wird das nichts."

Jesus sah die Zukunft positiv

Plenum. Weitere Gespräche an Tischen unter fünf, sechs Leuten. Plenum. "Lassen Sie uns über die Zukunft reden", beginnt Dr. Frank Vogelsang, Leiter der Evangelischen Akademie im Rheinland, seinen "Zwischenruf". Es ist ja hier Zukunftsinitaitive. Er weiß um die schlechten Prognosen, um Mitgliederschwund, schwindenden Einfluss, etc. - und hält dagegen: "Jesus sprach positiv von der Zukunft. Die christliche Botschaft ist durch und durch positiv." Auch wenn sich Hoffnung nicht einfach machen lasse, so gelte es doch, Orte der Hoffnung aufzuspüren, immer wieder.

In einem zweiten Zwischenruf schaute Detlef Koenig kritisch auf die EKD-Kundgebung "Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft" - für ihn eine Enttäuschung, sie geht für ihn nicht weit genug. Die Digitalisierung sei ein Megatrend, doch darauf gehe die Erklärung nur oberflächlich ein, kritisierte der Verlagsleiter und Geschäftsführer. Vor allem gelte es die Chancen der Digitalisierung zu nutzen. Den Gottesdienst als Video ins Netz stellen, mit dem Smartphone die öffentliche Presbyteriumssitzung streamen, Glaubensanstöße über WhatsApp schicken. Koenig: "Wir haben gute Botschaften - lassen sie sie uns auf allen Kanälen anbieten."

Keine Sparfunktion

In der Tischrunde dreht sich das Gespräch weiter um Ehrenamtliche. Man muss ihnen etwas zutrauen, das motiviert, sagt einer. Manchmal kommen Ehrenamtliche aber auch an ihre Grenzen, mahnt die Pfarrerin am Tisch. Kritisch fragt auch der Pfarrer vom Land: "Bin ich nur der Hampelmann, der Leute bindet?" Und der Theologe, der das Loblied auf die Teams gesungen hatte, stellt klar: "Ehrenamt als Sparschwein der Kirche ist nicht funktionabel." Parallel zum Gespräch entstehen die ersten grünen Karten, die später an die Thementafeln wandern. "Gottesdienst mit mehr Laien-Verantwortung", schreibt einer auf. Ein anderer: "Ehrenamtskultur stärken".

Über die Thementafeln gründen sich neue Gruppen. Gottesdienste an ungewöhnlichen Orten ist eines von vielen, völlig verschiedenen Werkstattgesprächsthemen. Eine Pfarrerin erzählt von einer theologischen Vorlesung in einer Shopping Mall. Gottesdienste in Kaufhäusern und Sparkassenhallen, eine Andacht in einer Wanderhütte - die Beteiligten tragen zusammen, was es gibt. Realisieren: Da ist schon viel erprobt. Die Gedanken fliegen hin und her: Wir trägt man Gottes Wort nicht nur an andere Orte, sondern trifft dort auch auch offene Ohren?

Orte und Formate

Ein bisschen geistiges Futter: "Indigenisation" hat der Theologe Ernst Lange (1927-1974) das Heimischwerden des Evangeliums in verschiedenen Lebenswelten genannt, erinnert eine Theologin. Hundeübungsplatz. Schwimmhalle, Bus. Von den Orten schweift die Debatte weiter zu Fragen des Formats. Und dann ist klar: Diese kleine Gruppe möchte Kontakt halten und an der Idee weiter feilen. Es soll ein Projekt werden.

"glaubensreich" ist am späten Nachmittag nicht zu Ende. Das Netzwerk soll wachsen. In einigen Werkstattgruppen wurden konkrete Projekte verabredet, die beim nächsten Treffen vorgestellt werden können. Projekte sind aber keine Bedingung. Die nächsten Netzwerktreffen - auch offen für neue Teilnehmende - sind für Februar, Mai und September 2015 vorgesehen.

"Glaubensreich ist das Highlight seit vielen Jahren", sagt am Ende ein Teilnehmer. "Hier kommt Kirche weiter." 

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ekir.de / Fotos: Anna Siggelkow; Text: Anna Neumann / 24.11.2014



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