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Fürsorge wieder attraktiv machen: Fragen der Fürsorge sind Thema der Habilitationsschrift 'Realitäten der Abhängigkeit'. Fürsorge wieder attraktiv machen: Fragen der Fürsorge sind Thema der Habilitationsschrift "Realitäten der Abhängigkeit".

Kirchliche Hochschule Wuppertal-Bethel

Nachdenken über unsichtbare, unterfinanzierte "Care"

Pflegenotstand, Kita-Engpässe, Burnout - Fachleute fassen diese Probleme mit dem Begriff Fürsorgedefizit zusammen. Die Theologin Dr. Christine Globig (Wuppertal) hat über diese Fragen habilitiert, hält am 18. Dezember ihre Antrittsvorlesung. Ein ekir.de-Interview. 

Menschen leben in Bezügen: Christine Globig. Menschen leben in Bezügen: Christine Globig.

Der Titel Ihrer Habilitationsschrift lautet „Realitäten der Abhängigkeit – Fürsorge als ethisches Paradigma“. Wie würden Sie einem Laien das Thema Ihrer Arbeit nahe bringen?

Ich würde zunächst auf die empirische Ebene hinweisen: auf die Probleme, die die westlichen Gesellschaften derzeit haben. Es gibt den Begriff des Fürsorgedefizits – „care deficit“. Das bedeutet, dass wir in den Bereichen der Versorgung, Betreuung und Pflege im Moment Mangelerscheinungen haben. Dies wird deutlich, wenn Fragen wie Pflegenotstand oder Kita-Ausbau oder Burnout öffentlich diskutiert werden. Aber es wird auch sehr stark privat deutlich, wenn zunehmend Menschen, die versorgende Tätigkeiten ausüben, in Zeitnot kommen und das Ganze nur unglaublich schwer managen können.

Zum Beispiel bei der Kinderbetreuung?

Kinder sind ganz eindeutig Menschen, die der Fürsorge bedürfen. Kinderbetreuung ist ein Thema. Es ist vielleicht auch das Thema, das am ehesten eine gewisse Öffentlichkeit hat – jedenfalls die Betreuung von Kleinkindern; die von Jugendlichen wird dann schon wieder weniger thematisiert. Die amerikanische Wissenschaftlerin Arlie Russel Hochschild hat präzise darauf hingewiesen, dass es in den westlichen Industriestaaten inzwischen den Versuch gibt, ständig die Sorgebedürftigkeit von Menschen runter zu definieren: Es gibt das fitte Kind, das schon alles alleine kann, oder es gibt die supertolle Seniorin, die sich trotz Gehbeschwerden doch wunderbar sozialisiert und überall dabei ist... Es gibt viele Klischees der Nicht-Sorgebedürftigkeit.

Es geht um ein bestimmtes Menschenbild.

Es die Frage, wie wir uns eigentlich definieren: Verstehen wir uns als Menschen, die gut selber klar kommen, oder verstehen wir uns als Menschen, die in Bezügen leben und grundsätzlich von anderen abhängig sind. Selbst ein Manager in den besten Jahren, der alles wuppt und nur noch zum Vorstand strebt, lebt ja in Abhängigkeitsbeziehungen - sei es die Ehefrau, die morgens früh mit aufsteht, um noch mit ihm zu frühstücken.

Vielleicht lebt er alleine, hat keine Kinder, ein Dienstmädchen und ist gewohnt, für solche Dinge zu zahlen.

Ja, man kann das so sehen, dass man Care-Tätigkeiten ein Stück weit auch auf den Dienstleistungssektor verlagert. Eine Mutter, die sich um drei Kinder kümmert und berufstätig ist, beschäftigt vielleicht eine Migrantin als Kindermädchen oder als Putzfrau. Die Frage ist, ob das gesellschaftlich fair und geschlechtergerecht ist. Meistens arbeiten in diesen Berufen dann wieder im Wesentlichen Frauen, und die Jobs sind oft unterfinanziert oder semi-professionalisiert im sozialen Bereich. Die Fürsorge-Tätigkeiten sind dann zwar nicht mehr völlig unsichtbar wie es die familiäre „Care“-Arbeit ist, aber sie sind durchaus noch nicht gesellschaftlich gerecht oder geschlechtergerecht.

Und zu dem Manager von oben: Die Frage ist, ob man einen Menschen nur in der Altersstufe zwischen 30 und 55 sehen darf, in der er in der beruflichen Höchstleistungsphase ist, oder ob man nicht an sein ganzes Leben denken muss. Auch dieser Manager ist früher einmal versorgt worden und wird möglicherweise im Alter in ein Sorgeverhältnis zurückkehren.

Was ist für Sie gerecht bzw. ungerecht in diesem Zusammenhang?

Erstmal geht es darum, Fürsorge als Fürsorge-Arbeit klassifiziert zu wissen. Fürsorge ist keine natürliche Begabung, die vielleicht besonders Frauen obliegt oder gar ganz besonders Ehefrauen von vielbeschäftigten Männern. Sie ist kein Naturzustand. Fürsorge ist zunächst einfach eine Tätigkeit, die im privaten Bereich der Familie gerne unsichtbar gemacht wird, die aber emotionalen, gedanklichen, zeitlichen und körperlichen Einsatz erfordert.

Dann ist die Frage: Wie wird diese Arbeit finanziert? Wenn Fürsorge-Tätigkeiten professionell ausgeführt werden, dann gilt in der Regel, dass sie nicht sehr gut bezahlt werden und häufig prekäre Arbeitsverhältnisse bestehen. Das ist ungerecht.

Ich möchte noch ein Beispiel für Ungerechtigkeit im Care-Sektor nennen: das ist die Frage von Migrantinnen in der Pflege. Es ist ja inzwischen ein ganz geläufiges Modell, dass eine Osteuropäerin ins Haus geholt wird, wenn ein alter Mensch pflegebedürftig wird und niemand aus der Familie ständig da sein kann. Es entstehen manchmal auch ganz wunderbare Beziehungen dabei. Aber in globaler Hinsicht muss man das mit einer Sorgenfalte beobachten, weil es inzwischen tatsächlich so etwas wie „Care-Drain“ gibt: Das heißt es gibt einen Abfluss von Fürsorge-Tätigkeiten aus ärmeren Ländern in die westlichen Industriestaaten, die das bezahlen können. Teilweise ist es dann so, dass diese Frauen ihrerseits Angehörige zurück lassen, die dann von noch schlechter Bezahlten zu Hause betreut werden.

Was wäre gerechter? Was fordern Sie?

Es geht um die öffentliche Wahrnehmung: Dass alle wirklich die Aufmerksamkeit bekommen, die ihnen zusteht und dass auch die Probleme benannt werden – ob das halb-legale Arbeitsplätze sind, mangelnde Urlaubsregelung usw. All das muss öffentlich werden, wirklich intensiv diskutiert werden und darf nicht ein Stoßseufzer armer Berufstätiger bleiben, dass sie es mit der Oma irgendwie hingekriegt haben.

Es wäre gut, wenn diese Arbeit besser bezahlt würde, und es wäre gut, wenn sie die gesellschaftliche Anerkennung finden würde, die sie tatsächlich verdient. Solange wir „Care“-Tätigkeiten unsichtbar und unterfinanziert halten, sind sie auch gesellschaftlich nicht anerkannt. Gerechtigkeit würde bedeuten, „Care“ die Wertschätzung zuzubilligen, die sie tatsächlich verdient.

Warum ist die Wahrnehmung so gering?

Es muss deutlich werden, dass „Care“-Arbeit teuer ist. Im Moment ist sie es nicht. Das liegt an der Geschichte, die sie hat. Wir haben inzwischen einen hochdifferenzierten Arbeitsmarkt, wir haben viel Mobilität, wir haben Frauen in anspruchsvollen Berufen, aber die Wahrnehmung von „Care“-Tätigkeit ist fast im 19. Jahrhundert stehen geblieben.

Kann es sein, dass mit zunehmender Ausbildung die Lust auf Fürsorge sinkt?

Das ist eine spannende Frage. Sicherlich ist es so, dass Fürsorgearbeit in manchen Bereichen weniger attraktiv sein kann – sie ist manchmal physisch anstrengend, sie ist auch manchmal unangenehm, kann mit fehlendem Schlaf verbunden sein usw. Es gibt allerdings auch die Gegenthese, dass jeder Mensch sowohl der Fürsorge bedarf als auch gerne für andere sorgt, weil es Freude macht, anderen Gutes zu tun. Dann wäre es eher eine gesellschaftliche Entwicklung, die die Lust an Fürsorge mindert und stattdessen andere Dinge attraktiv macht.

Wer kümmert sich um Sie?

Ganz viele Leute! Ich sehe mich in einem großen Netz. In erster Linie sind das mein Mann und meine Kinder – auch wenn die gerade im Ausland sind. Auch die lassen mir Fürsorge zukommen. Auch meine alte Mutter, um die ich mich viel kümmern muss, lässt mir Fürsorge zukommen, indem sie verlässlich zu Hause ist und mir klug zuhört. Es ist eine Frage des Bewusstseins, sich als jemanden zu sehen, der Gott sei Dank auch abhängig sein darf von anderen.

Die Antrittsvorlesung von Privatdozentin Dr. Christine Globig (Systematische Theologie) am Donnerstag, 18. Dezember, 18 Uhr, in der Kirchlichen Hochschule in Wuppertal trägt den Titel: "Alle lieben Hannah Arendt. Das Konzept der Natalität im theologischen Diskurs".

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ekir.de / Alexandra Stoffel / 17.12.2014



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