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Foto: Elke Wetzel "Wohin bringt Ihr uns?" - Detail aus einem Denkmal der grauen Busse, entworfen von Horst Hoheisel und Andreas Knitz. Eine Replika ist dauerhaft platziert vor dem Landeshaus des Landschaftsverbandes Rheinland in Köln-Deutz.

NS-Massenmord

Graue Busse in den Tod

Die Nationalsozialisten ermordeten mindestens 200.000 behinderte Menschen. Deckname der Geheimaktion: T4. Pfarrer Paul Gerhard Braune dokumentierte Namen und Adressen von Opfern, nannte die Tötungsanstalten und protestierte bei der Reichskanzlei.

"T4" war streng geheim. Zunächst. Doch dann schickte der Brandenburger Pfarrer Paul Gerhard Braune am 9. Juli 1940, vor genau 75 Jahren,  seine "Denkschrift gegen die Krankenmorde" an die Reichskanzlei. Er machte das Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten öffentlich, das im September 1939 begonnen hatte. Die Folge: Braune kam in "Schutzhaft". Er habe "staatliche Maßnahmen in unverantwortlicher Weise sabotiert".

Die beiden Kirchen hatten sich lange nicht zur Euthanasie geäußert. "Kein einziger kirchlicher Funktionsträger ist öffentlich gegen den Massenmord aufgetreten", urteilt der ehemalige Professor für kirchliche Zeitgeschichte, Jochen-Christoph Kaiser. "Die Krankenmordaktionen in ihrer konkreten Durchführung blieben immer im Dunkel der offiziellen NS-Politik, wenngleich manches durchsickerte, aber nur 'hinter vorgehaltener Hand' weitergesagt wurde", sagt Kaiser.

Transporte mit „militärischen Planungen“ begründet

Braune versuchte, das Schweigen zu durchbrechen. Er wurde am 16. Dezember 1887 im brandenburgischen Tornow in eine lutherische Pfarrersfamilien geboren. Nach Theologie-Studium und Pfarrdienst übernahm der nationalkonservative Braune 1922 die Leitung der Hoffnungstaler Anstalten in Lobetal bei Berlin. Zuerst eine Wohnstätte für obdachlose und arbeitslose Menschen, wandelte sich die Einrichtung zu einem Schutzraum für geistig Behinderte. Braune, anfangs durchaus offen für das NS-System, stand bis zu seinem Tod am 19. September 1954 an deren Spitze.

Lobetal gehörte zu der wesentlich größeren Anstalt Bethel im westfälischen Bielefeld, die von Friedrich von Bodelschwingh junior geleitet wurde, einem exponierten Euthanasiegegner. Persönlich konfrontiert wurde Pfarrer Braune mit der "T4-Aktion" im Mai 1940: Aus dem Mädchenheim "Gottesschutz" in Erkner, das zu seiner Einrichtung gehörte, sollten 25 "schwachsinnige" Kinder und "anfallkranke" junge Frauen abgeholt werden. Begründet wurde der Transport mit militärischen Planungen. Einer der berüchtigten grauen Busse, die die Euthanasieopfer in die Tötungsanstalten abtransportierten, wartete bereits vor dem Haus. Doch Braune und die leitende Diakonisse Elisabeth Schwarzkopf gaben die Menschen nicht heraus.

Ein systematisches Tötungsprogramm war angelaufen

Begonnen hatte das geheime Morden im Südwesten des Reiches. Nachdem Adolf Hitler die "Aktion T4" angeordnet hatte, benannt nach der Anschrift der Planungszentrale an der Tiergartengartenstrasse 4 in Berlin, wurde das württembergische Heim Grafeneck beschlagnahmt. Es diente fortan wie fünf weitere Anstalten der Ermordung Kranker und Behinderter, die eigens dorthin verlegt wurden.

Die Angehörigen wurden stets mit gleichlautenden Nachrichten über den Tod informiert: Neben einer vorgeschobenen Todesursache enthielten sie den Hinweis, wegen Seuchengefahr hätte der Leichnam sogleich eingeäschert werden müssen.

Braune erfuhr durch Hinweise aus der Pfarrerschaft von der Tötungsaktion und ging den Dingen seit März 1940 auf den Grund. Dabei nutzte er als Vizepräsident des Zentralausschusses der Evangelischen Inneren Mission, dem Vorgänger der heutigen Diakonie, seine reichsweiten Kontakte. Schnell fand er heraus, dass ein systematisches Tötungsprogramm angelaufen war.

Er verfasste seine zwölfseitige Denkschrift gegen die Krankenmorde. Auf die Übergabe folgten zahlreiche Gespräche mit Parteigrößen. Sie wurden geführt in der irrigen Annahme, "durch Appelle an Moral und Vernunft der Staatsdiener eine Beendigung der Euthanasie zu erwirken", wie Jan Cantow schreibt, Historiker und Archivar der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal.

Braune benannte drei Tötungsanstalten: Grafeneck, Brandenburg a. d. Havel und Hartheim. Und er veröffentlichte die Namen, Adressen und geschätzten Todeszeitpunkte von mehr als 25 Patienten. Der Pfarrer hatte zudem herausgefunden, dass 125 Patienten in Gruppentransporten weggebracht und verschwunden waren. Der Theologe kam zu dem Fazit: "Es handelt sich hier also um ein bewusstes, planmäßiges Vorgehen zur Ausmerzung aller derer, die geisteskrank oder sonst gemeinschaftsunfähig sind."

Inhaftiert im Gestapo-Gefängnis

Das Regime schlug am 12. August 1940 zurück: Gestapo-Beamte durchsuchten Braunes Haus, beschlagnahmten Akten und nahmen ihn fest. Inhaftiert wurde er im Gestapo-Gefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße. Offiziell war jedoch nicht die Denkschrift Grund seiner Verhaftung, sondern seine bekannte Gegnerschaft zur Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt und deren Bestreben, die Diakonie zu vereinnahmen. Am 31. Oktober 1940 kam Braune wieder frei. Zuvor musste er eine Erklärung unterzeichnen, "nichts mehr gegen den Staat und die Partei" zu unternehmen.

Doch der Mantel des Schweigens war da längst zerrissen: Am 3. August 1941 attackierte der katholische Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen (1878-1946), in einer berühmt gewordenen Predigt das Mordprogramm: "Wenn man den Grundsatz aufstellt und anwendet, dass man den 'unproduktiven' Mitmenschen töten darf, dann wehe uns allen, wenn wir alt und altersschwach werden. (...) Dann ist keiner von uns seines Lebens mehr sicher."

„Zwangssterilisation und ,Euthanasie‘ im Rheinland“ erforschte Dr. Uwe Kaminsky (Ruhr-Universität Bochum) bereits in den 90er Jahren. Eigene prinzipielle Einwände gegen die vom NS-Staat eingeführte Zwangssterilisation seien mit der Veröffentlichung des Gesetzes im Juli 1933 in der Inneren Mission verschwunden, so der Historiker und Sozialwissenschaftler. Angesichts der nationalsozialistischen Euthanasie seien die Widerstände verhalten gewesen.

Kaminsky berichtet aber, dass im Rheinland und in Westfalen die Anstaltsleitungen das Ausfüllen der Meldebogen verweigerten. Mit den Bogen sollte die Auswahl der zu Tötenden bestimmt werden. Im Gegensatz zu anderen Regionen blieben ihre Patienten so von Abtransporten bis zum Stopp der „Aktion T4“ im Sommer 1941 verschont.

Das Morden dauerte bis Kriegsende an

Ob die kirchlichen Proteste wirklich zum offiziellen Stopp der Tötungen am 24. August 1941 führten, ist in der Forschung umstritten. "Die zahlreichen vertraulichen Eingaben kirchlicher Würdenträger an die nationalsozialistische Regierung zeugen zwar von persönlicher Integrität, blieben aber völlig wirkungslos", urteilt der Bielefelder Historiker Hans-Walter Schmuhl.

Dennoch wurden die Tötungseinrichtungen entweder geschlossen oder umfunktioniert. Das Morden geschah fortan dezentral, dauerte aber bis Kriegsende an. Nach Schätzungen wurden zwischen 200.000 und 300.000 Menschen ermordet.

LeRoy Walters, Professor für Philosophie an der Georgetown University in Washington D.C., sieht Braunes Handeln als "beeindruckendes Beispiel für Zivilcourage". Seine Denkschrift belege, "was ein entschlossener Gegner der Aktion T4 mit der Unterstützung zahlreicher Informationsquellen fünf Monate nach Beginn des Programms darüber hätte wissen können."

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ekir.de / Dirk Baas/epd / Foto: Wikipedia/Elke Wetzel / 09.07.2015



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