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Historische Aufnahme: Nahrungsmittel- und Chemieunterricht um 1955. Historische Aufnahme: Nahrungsmittel- und Chemieunterricht um 1955.

Hilfen für ehemalige Heimkinder

Lernen aus der Vergangenheit: Anerkennung und Schutz

Sie wurden geschlagen, ruhig gestellt und sexuell missbraucht. In den 50er und 60er Jahren soll es auch Pharmatests an Heimkindern in diakonischen Einrichtungen gegeben haben. Die Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe (RWL) unterstützt Einrichtungen und Gemeinden im Umgang mit ihrer Vergangenheit und  entwickelt Schutzkonzepte. 

Birgit Pfeifer Birgit Pfeifer

Auch Betroffene können sich an die Leiterin der "Fachstelle für den Umgang mit Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung" (FUVSS) in der Diakonie RWL, Birgit Pfeifer, wenden. Im Interview erklärt Birgit Pfeifer u.a., warum für ehemalige Heimkinder die Erarbeitung von Schutzkonzepten ein wertvolles Signal ist.

Bis 1975 sollen Kinder und Jugendliche bundesweit in Erziehungseinrichtungen ohne deren Wissen Medikamente zu Testzwecken erhalten haben. Wie stark sind diakonische Träger von diesem Vorwurf betroffen?

Das wissen wir noch nicht genau. Im Rahmen ihrer Doktorarbeit hat die Krefelder Pharmazeutin Sylvia Wagner Belege für mehr als 50 Medikamentenstudien an Kindern in deutschen Heimen gefunden. Dabei handelt es sich um Testreihen, bei denen Ärzte Impfstoffe etwa gegen Kinderlähmung, Psychopharmaka und Neuroleptika verabreicht haben sollen. In NRW sollen Kinderheime der Graf-Recke-Stiftung und der von Bodelschwinghschen-Anstalten betroffen sein.

Es ist gut, dass sich NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens schon mit den in der Untersuchung genannten Akteuren – Einrichtungen, Pharmaunternehmen, die Landschaftsverbände und das Gesundheitsministerium – getroffen hat. Die Aufklärung ist schwierig und kann nur gemeinschaftlich gelingen.

Warum sind diese Medikamentenversuche erst jetzt durch die Doktorarbeit der Krefelder Pharmazeutin Sylvia Wagner ans Licht gekommen? Haben Heimkinder nie darüber berichtet oder hat man das nicht ernst genommen?

Schon am Runden Tisch Heimerziehung war der starke Einsatz von Medikamenten Thema. Betroffene haben davon berichtet, dass sie Pillen schlucken mussten, wussten aber häufig nicht, welche Medikamente es genau waren. Doch es gab bisher keine Anhaltspunkte für gezielte Pharmastudien. In den 50er und 60er Jahren wurden Psychopharmaka verstärkt entwickelt und mussten getestet werden. Bis in die 70er Jahre hinein gab es kein staatlich geregeltes Zulassungsverfahren für Medikamente und keine speziellen berufsrechtlichen Regelungen zu klinischen Versuchen an Menschen. Doch auch damals schon verstießen sie ohne die rechtskräftige Einwilligung der Erziehungsberechtigten gegen das Grundrecht und hätten niemals stattfinden dürfen.

Die von Bodelschwingschen Anstalten in Bethel haben eine umfassende Studie dazu angekündigt. Müssten jetzt nicht auch andere Einrichtungen ihre Archive durchforsten?

Bethel hat deutlich gemacht, dass es wirklich an einer Aufklärung interessiert ist und ehemalige Heimkinder aufgefordert, sich zu melden. Das ist der richtige Weg. Allerdings wird es schwierig, in den Archiven konkrete Hinweise auf diese Tests zu finden. Wären sie so eindeutig dokumentiert, hätten die Einrichtungen sie bereits ausfindig gemacht. Viele haben sich ja schon intensiv mit ihrer Vergangenheit beschäftigt und die noch vorhandenen Akten aus der Zeit gründlich studiert. Ich denke, hier brauchen sie Unterstützung von außen. Jetzt sind insbesondere die Pharmaunternehmen und Landesjugendämter als Aufsichtsbehörde gefordert, ihre Bestände zu untersuchen und Hinweise auf mögliche Medikamentenversuche an die betroffenen Einrichtungen weiterzugeben.

Ab Januar 2017 erhalten nun auch ehemalige von Missbrauch betroffene Kinder und Jugendliche, die in Einrichtungen der Behindertenhilfe und Psychiatrie lebten, von der Stiftung "Anerkennung und Hilfe" Unterstützung. Wie sieht die konkret aus?

Die Stiftung wird von Bund, Ländern und den Kirchen getragen. In allen Bundesländern sollen jetzt Beratungs- und Anlaufstellen eingerichtet werden. Man hat aus den Erfahrungen des Heimkinderfonds gelernt und das Anmeldeverfahren einfacher gestaltet. Schon dabei sollen sie erleben, dass man sie ernst nimmt und ihnen mit Respekt begegnet. Die Stiftung will zudem die wissenschaftliche Aufarbeitung vorantreiben. Dass sie das erlittene Leid anerkennt, zeigt sie mit der Zahlung von Rentenersatzleistungen von bis zu 5.000 Euro und einer pauschalen Geldleistung von 9.000 Euro. Für die Gründung einer solchen Stiftung haben Kirche und Diakonie seit Jahren gekämpft. Wir sind froh, dass es sie nun endlich gibt.

Sie verstehen sich als eine Art "Lotsin" durch das oftmals komplexe System von Aufarbeitung, Entschuldigung und finanzieller Anerkennung des Leids ehemaliger Heimkinder. Wie erleben Sie die betroffenen Menschen, die sich bei Ihnen melden?

Es gehört zu meinen Aufgaben, Gespräche mit ehemaligen Heimkindern zu führen, die sexualisierte Gewalt durch Mitarbeitende in diakonischen und kirchlichen Einrichtungen erfahren haben und einen Antrag auf Anerkennung stellen. Es sind überwiegend Männer, und für viele ist es das erste Mal, dass sie über ihre schlimmen Erlebnisse reden. Viele haben so lange darüber geschwiegen, weil sie sich geschämt haben. Manchen reicht das Gespräch mit mir, andere wollen das Heim, in dem sie damals gelebt haben, noch einmal sehen oder auch mit dem theologischen Vorstand der Einrichtung reden. All das versuche ich möglich zu machen. Denn dass ihnen jetzt zugehört wird, man ihnen glaubt und mit Respekt begegnet, gehört zu der Verantwortung, der Kirche und Diakonie sich stellen müssen.

Es geht in Ihrer Arbeit auch darum, aus der Vergangenheit zu lernen und dafür zu sorgen, dass es nicht mehr zu Gewalt und Missbrauch in den Heimen kommt. Sie entwickeln deshalb gemeinsam mit Einrichtungen Schutzkonzepte. Wie sehen die aus?

Diese "Schutzkonzepte" sind ein Prozess, in dem die ganze Einrichtung zu einer "Kultur der Achtsamkeit" findet. Dazu gehört es etwa eine Risikoanalyse. Wo gibt es Situationen und Räume, die Missbrauch begünstigen? Es wird ein Verhaltenskodex erstellt, der den Respekt gegenüber den Klienten zum Ausdruck bringt. Schließlich geht es immer um das richtige Verhältnis von Nähe und Distanz und um das Respektieren der Grenzen des Gegenübers. Da ist es wichtig, dass Mitarbeiter sich zum Beispiel im Klaren darüber sind, wie eine zu knappe Bekleidung wirkt. Es geht auch um Partizipation und ein geregeltes Beschwerdeverfahren. Auf diesen Prozess haben sich schon einige Einrichtungen eingelassen, es könnten aber durchaus mehr sein.

Für die ehemaligen Heimkinder ist diese Erarbeitung von Schutzkonzepten übrigens ein sehr wertvolles Signal. Es zeigt ihnen, dass Diakonie und Kirche heute alles tun, um Missbrauch zu verhindern. Und das ist vor allem deshalb möglich, weil sie den Mut hatten, ihre Geschichte zu erzählen.

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diakonie-rwl.de / Sabine Damaschke / 08.12.2016



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