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Johanna und Klaus Prust erzählen ihre Geschichte, um anderen Menschen mit Behinderung Mut zu machen. Johanna und Klaus Prust erzählen ihre Geschichte, um anderen Menschen mit Behinderung Mut zu machen.

Partnerschaft

„Manche müssen hart dafür kämpfen“

Den Wunsch zu heiraten, haben auch Menschen mit einer Behinderung. Nicht immer reagiert die Umgebung oder die eigene Familie mit Verständnis – erst recht, wenn das Paar auch noch Kinder will. 

Gefunkt hatte es am Kaffeeautomaten einer Werkstätte für Menschen mit Behinderung. „Klaus wollte mir einen Cappuccino ausgeben“, erzählt Johanna Prust. Sie griff etwas ungeschickt nach dem Becher, so dass sich der größte Teil des Inhalts über Klaus Prust ergoss: „Dabei entstand unser erster Flirt.“ Längst sind Johanna und Klaus Prust verheiratet. Vor zehn Jahren sagten sie in Würzburg „Ja“ zueinander. Das war mutig. Denn beide leben mit schweren Einschränkungen.  

Dass sie einmal heiraten würde, hätte Johanna Prust als junge Frau nicht gedacht: „Ich war nach meiner Behinderung Menschen gegenüber nicht mehr offen.“ Vor 20 Jahren hatte die gebürtige Polin einen schweren Autounfall mit Schädel-Hirn-Trauma. Laufen ist Johanna Prust nicht mehr möglich, sie ist auf den Rollstuhl angewiesen. Auch das Sprechen fällt ihr schwer.

Nie zuvor hatten Bewohner Hochzeit gefeiert 

Klaus Prust leidet an Friedreich-Ataxie, einer genetisch bedingten, neurologischen Krankheit, die mit Lähmungen einhergeht. Mit 21 Jahren kam er dadurch in den Rollstuhl. Zunächst unterstützten die Eltern den heute 48-Jährigen. Später zog Prust in ein Würzburger Wohnheim. Dort begegnete er erneut Johanna. Aus der Romanze wurde eine feste Partnerschaft.  

Das Wohnheim gab ihnen ein eigenes Zimmer und half nach zwei Jahren „Ehe auf Probe“, die Hochzeit vorzubereiten. Das war für alle Beteiligten eine aufregende Sache. Noch nie zuvor in der damals 20-jährigen Geschichte des Heims hatten Bewohner Hochzeit gefeiert.  

Nach langer Suche gelang Johanna und Klaus Prust vor vier Jahren der Auszug aus dem Heim. In ihrer gemütlich eingerichteten, barrierefreien Wohnung, die von zahlreichen Gemälden Johanna Prusts geschmückt wird, fühlen sich die beiden pudelwohl. Assistenten sorgen rund um die Uhr dafür, dass das Paar im Alltag klarkommt.  

Ehepaar Prust möchten anderen Paaren Mut machen

Johanna und Klaus Prust treten dafür ein, dass Menschen mit Behinderung Unterstützung beim Heiraten erhalten. Deshalb erzählen sie in der Öffentlichkeit von sich und ihrem Weg in den Ehehafen. Ehen trotz Handicap seien noch immer nicht selbstverständlich, so Johanna Prust: „Manche Menschen müssen dafür hart kämpfen.“ Durch ihr eigenes Beispiel möchten die Prusts behinderten Paaren Mut machen für den Gang vor den Traualtar.  

Das Recht zu heiraten, haben Menschen auch dann, wenn sie schwerbehindert sind, bestätigt Bettina Leonhard von der Bundesvereinigung Lebenshilfe, einer Organisation für geistig behinderte Menschen. Nach Leonhards Angaben nehmen inzwischen auch immer mehr geistig behinderte Menschen dieses Recht wahr: „Heute sind Eheschließungen für uns von der Lebenshilfe nichts ganz Ungewöhnliches mehr.“ Nur noch selten komme es vor, dass ein Standesbeamter die Ehefähigkeit anzweifelt und mit einem Gutachten prüfen lässt, ob beide Partner wirklich verstehen, auf was sie sich einlassen.  

Eheschließung von Behinderten werden mehr unterstützt

In diesem Frühjahr sorgten Christiane und Jochen Grobe aus Neuss in der Presse für Schlagzeilen, weil sie trotz ihrer kognitiven Einschränkungen die Ehe eingingen. Mitarbeiter der Lebenshilfe begleiteten das Paar. „Die beiden leben heute selbstständig und sind weitestgehend autark“, berichtet die Neusser Sexualpädagogin Alina Mertens, die Menschen mit Behinderung in Fragen der Liebe, Freundschaft, Partnerschaft, Sexualität und Verhütung berät.  

Mertens beobachtet, dass Partnerschaften und Eheschließungen von schwerbehinderten Menschen mehr akzeptiert und unterstützt werden als früher. Problematisch werde es allerdings, wenn sich behinderte Menschen Kinder wünschen.  

Im Falle von Johanna und Klaus Prust aus Würzburg standen die Eltern hinter dem Wunsch nach dem Trauschein. Nach Einschätzung von Alina Mertens ist dies eher ungewöhnlich. Gerade Familienangehörige seien meist nur schwer von der Heiratsidee angetan. Behinderte Menschen, die von einem Elternteil gesetzlich betreut werden, kämen deshalb mit ihrem Hochzeitwunsch sehr oft nicht durch. „Nach meiner Erfahrung ist der Umgang mit Berufsbetreuern einfacher. Häufig sind sie zugänglicher für die Wünsche eines Paares“, sagt Mertens.   

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ekir.de / epd/epd-bild/Pat Christ / 21.10.2016



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