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Integration Sie sind Helden: Die angehenden Maschinenbautechnischen Assistenten Onur Keskin, Bilal Magua und Kevin Jost (v.li.) machen beim Heroes-Projekt des Wuppertaler Berufskollegs Werther Brück mit

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Die Frage der Ehre

Sie kennen das Mittel gegen Übergriffe und Aggression: „Wir reden“, sagt Onur Keskin. Er ist einer von 25 jungen Männern mit Migrationshintergrund, die seit November beim Projekt „Heroes“ in Wuppertal dabei sind. Frauen und Männer entscheiden gleichberechtigt über ihr Leben, das wird unter anderem bei den Workshops vermittelt. 

An Silvester jähren sich die massiven Übergriffe sexualisierter Gewalt gegen Frauen, die Täter mit Migrationshintergrund auf öffentlichen Plätzen in deutschen Städten ausgeübt haben. Für den anstehenden Jahreswechsel werden daher die Sicherheitsmaßnahmen mit zusätzlichen Polizeikräften und Überwachungskameras verstärkt. „Wir sind da ein ganzes Stück weiter und machen Größeres: Wir reden“, sagt Onur Keskin. Der 22-Jährige ist einer von 25 Schülern des Berufskollegs Werther Brücke in Wuppertal, die derzeit bei einem einjährigen Workshop zu „Heroes“, englisch für „Helden“, ausgebildet werden.

Das Projekt „Heroes – gegen Unterdrückung im Namen der Ehre“ ist 2007 in Berlin gegründet worden, es richtet sich an deutsche junge Männer im Alter von 16 bis 23 Jahren mit vorwiegend muslimischem Hintergrund. „Sie leben oft zwischen den Traditionen, Werten und überlieferten Rollenmuster ihrer Eltern und den Werten und Anforderungen der deutschen Gesellschaft“, sagt Berufsschulpfarrerin Petra Wassill, die das Projekt an ihre Schule geholt hat. Finanziert werden die monatlichen Trainings mit Gesprächen und Rollenspielen durch Fördergelder der Evangelischen Kirche im Rheinland.

„Wird die Ehre verletzt, ist man nackt“

Um Identität, um Geschlechterrollen und Menschenrechte ging es Ende November bei der ersten fünfstündigen Gesprächsrunde in der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Wuppertal-Ronsdorf, die von Projektleiterin Sonja Fatma Bläser und Trainer Jaouad Hanin vom Kölner Heroes-Projekt angeleitet worden ist. 300 der JVA-Insassen sind Schüler des Berufskollegs Werther Brücke, zehn von ihnen machen beim Heroes-Workshop mit.

Und immer wieder war bei den Gesprächen die Ehre das Thema. „Als Söhne und Brüder tragen die jungen Männer einen Großteil der Ehre der Familie auf ihren Schultern“, das erlebt Pfarrerin Wassill bei ihrer Schultätigkeit. „Wird diese Ehre verletzt, dann ist das ungefähr so, als würden sie nackt vor der Schulklasse stehen.“ Onur Keskin kann das bestätigen: „Wenn es um meine Familie geht, dann werde ich schnell sauer.“ Stehe die Ehre von Müttern und Schwestern auf dem Spiel, würden andere sogar kämpfen und zuschlagen.

Der Mann soll die Familie schützen

Onur Keskin ist in Deutschland geboren, seine Eltern kamen aus der Türkei nach Wuppertal. Die Verantwortung für seine fünf Jahre ältere Schwester ist ihm schon in jungen Jahren von seinem Vater auferlegt worden. Jetzt hat er mit ihr eine Abmachung getroffen: „Sie sagt mir immer, wo sie abends ist, dann habe ich ein gutes Gewissen, und brauche mir um sie keine Sorgen zu machen.“

„Bei der Ehre geht es wahrscheinlich darum, ein richtiger Mann zu sein und die Familie zu beschützen“, meint der 16-jährige Bilal Magua, der ebenfalls an der Heroes-Ausbildung teilnimmt. Seine Familie kam vor einem Vierteljahrhundert nach Deutschland. „Bei uns zu Hause geht es liberal zu, Frauen und Männer haben Freiheiten, und dafür tragen sie die Verantwortung für ihr Handeln“, erzählt er.

Und genau das ist es, was mit dem derzeitigen Projekt angestrebt werden solle, ergänzt Pfarrerin Wassill. „Die jungen Männer lernen, dass Frauen gleichberechtigt über ihr Leben entscheiden.“ Dafür sorgen bei den Treffen unter anderem die Rollenspiele: „Die jungen Männer schlüpfen in die Rolle der Schwester und erfahren, wie es ist, ohnmächtig zu sein, kontrolliert und reglementiert zu werden.“

Ehrlich über eigene Gefühle reden

Schulleiter Matthias Flötotto hofft, dass das Projekt an seiner Schule schnell Früchte trägt: „Die jungen Männer sind für andere Schüler mit demselben kulturellen Hintergrund glaubwürdig, sie können ihnen daher das respektvoelle Verhalten gut weitervermitteln.“ Etwa 40 Prozent der 100 Schülerinnen und 2100 Schüler seines Berufskollegs haben einen Migrationshintergrund. „Um den Begriff der Ehre entbrennen unter ihnen immer mal wieder Streitigkeiten“, sagt er. „Wir sind stolz darauf eine multikulturelle Schule zu sein, und dabei legen wir Wert auf Regeln und Moralvorstellungen, die andere nicht einschränken“, ergänzt er.

Wie man mit Kränkungen und Meinungsverschiedenheiten gewaltfrei umgeht, das haben die angehenden Heroes bei ihrer ersten Gesprächsrunde bereits praktiziert. „Wir haben Regeln aufgestellt, und das hat perfekt funktioniert“, berichtet Onur Keskin. „Ich habe mich einfach unglaublich wohlgefühlt“, ergänzt sein Mitschüler Kevin Jost. „Wir haben so schnell Vertrauen zu den anderen Teilnehmern aufgebaut, sodass wir über alles reden konnten“, sagt der 19-Jährige. Alle seien ehrlich gewesen, und hätten offen über ihre Gefühle gesprochen.

Ereignisse, wie sie in der Silvesternacht in Köln geschahen, verurteilen die angehenden Heroes aufs Schärfste. „Das zeigt keinen Respekt vor Frauen“, sagt Bilal Magua. Männer, die sich so verhielten, seien überhaupt nicht wirklich in Deutschland angekommen. 

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ekir.de / Text und Foto: Sabine Eisenhauer / 28.12.2016



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