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Der Glücksstern fällt: 'Frau Höpker bittet zum Gesang'. Der Glücksstern fällt: "Frau Höpker bittet zum Gesang".

Demenzerkrankung

Sahne, Seegras und Gesang

Es war ein Testballon, sagt Katrin Höpker hinterher. Am Sonntagnachmittag gab die Sängerin und Pianistin, bekannt für ihre Mitsing-Konzerte „Frau Höpker bittet zum Gesang“, im Hotel Mutterhaus der Kaiserswerther Diakonie zum ersten Mal ein Konzert speziell für „Menschen mit und ohne Demenz“. Eine Premiere. Und ein großer Erfolg.

Gespannt auf das Mitsingkonzert: Jochen Boskamp Gespannt auf das Mitsingkonzert: Jochen Boskamp

Alle Gesichter im Saal schauen die Musikerin an, die Aufmerksamkeit ist groß. Auch Jochen Boskamp guckt gespannt auf "Frau Höpker", die ganz in weiß gekleidet auf der Bühne steht, singt und auf dem Keyboard begleitet. Hinter ihr erscheint jeweils der Liedtext auf einer Leinwand. Bereits beim ersten Lied singt ein Großteil des Publikums mit. Reinhard Mey. „Über den Wolken“.

Der 81-jährige Boskamp sitzt in der zweiten Reihe. Seine Hände liegen auf den Knien, die beiden Daumen schlagen im Takt gegeneinander. Schon beim nächsten Lied klopft er mit den Händen auf die Beine. Die Musik gefällt ihm, das kann man sehen. Seit etwa vier Jahren ist der Architekt demenzkrank.

Grauer Pullover mit weißen Streifen, graue Jeans, schwarze Chucks und eine schwarze Lederjacke, Boskamp ist flott angezogen. Neben ihm seine Frau: dunkler Kurzhaarschnitt, moderner Schmuck, weißer Bluse, Jeans.

Alle gut in Fahrt: Mitsingen im Mutterhaus in Kaiserswerth. Alle gut in Fahrt: Mitsingen im Mutterhaus in Kaiserswerth.

„Beim nächsten Lied haben Sie die erste Chance heute Nachmittag, Ihren Nachbarn anzufassen“, ermuntert Frau Höpker das Publikum. Mit Freude haken sich die Besucherinnen und Besucher unter und schunkeln mit. Bei „Oh, Du wunderschöner deutscher Rhein“ singt Jochen Boskamp gemeinsam mit seiner Nachbarin zur Rechten laut mit und klatscht auf seine Oberschenkel. Die über 90 Jahre alte Dame strahlt über das ganze Gesicht. 

„Sie sind gerade so gut in Fahrt! Das muss ich ausnutzen“, ruft Frau Höpker gut gelaunt und stimmt „Schuld war nur der Bossa Nova“ an. Inzwischen ist das Publikum so gut eingestimmt, dass es alleine den Background singt: „No, no, der Bossa Nova“, tönt es aus beinahe allen 260 Kehlen.

Frau Höpker hatte zu Beginn gewarnt: „Alle, die nach 1990 geboren sind, kriegen heute Nachmittag ganz viel neue Musik auf ihre Festplatte“, dabei hat sie sich an den Kopf geklopft. Aber die älteren Besucherinnen und Besucher ohne und gerade auch mit Demenz erinnern sich sehr gut an die Texte der alten Schlager, Volkslieder und Evergreens, die die Musikerin an diesem Nachmittag singt.

Die Gesichter im Publikum beginnen immer mehr zu leuchten, der Applaus nach den Liedern wird immer lauter. Das gemeinsame Singen verbindet und macht gelöst. Angehörige schauen sich an, klatschen sich zu und lachen auch mal laut auf. Bei „Take Me Home, Country Roads“ schmettert der Saal den Refrain schon ganz alleine. Frau Höpker auf der Bühne spielt Keyboard und lacht.

Herr Boskamp tanzt, während Frau Höpker zum Gesang bittet. Herr Boskamp tanzt, während Frau Höpker zum Gesang bittet.

„Es gefällt uns total gut“, sagt Ingard Nabe-Boskamp in der Pause. Während der Musik hat sich das Ehepaar immer wieder an der Hand gehalten, angelacht. Jochen Boskamp war und ist ein leidenschaftlicher Fotograf, freut sich, als er mit Fotografen, die den Abend begleiten, ins Gespräch kommt.

Seine Stimmung ist so gut, dass er nach der Pause zu den ersten Takten der Musik zum Platz zurück eher schwingt als geht. Als Frau Höpker wenig später „Aber bitte mit Sahne“ singt, steht er auf, tanzt im Gang. Zuschauer und Zuschauerinnen sind begeistert und applaudieren ihm.

Die Stimmung steigt weiter. Nach „Que sera“ sieht man Einzelne ihre Schals lockern und Strickjacken ausziehen. Bei einem Medley deutscher Evergreens hebt eine Besucherin im Rollstuhl sitzend die Hand und dirigiert förmlich mit. 

Schwingen wie Seegras Schwingen wie Seegras

„Ich möchte, dass Sie gleich alle eine Seegras-artige Armbewegung machen“, fordert Frau Höpker ihre Besucherinnen und Besucher auf und erntet Schmunzeln. Dann beginnt sie „Ich war noch niemals in New York“ zu spielen – und alle im Saal schwingen zum Refrain ihre Arme hin und her.

„Sie haben uns alle im Herzen getroffen“, dankt Claudia Witte, Bereichsleiterin der Altenpflege der Kaiserswerther Diakonie, Katrin Höpker am Ende des Konzerts. „Ich konnte es in den Gesichtern sehen.“

Auch Jochen Boskamp ist sehr glücklich. „Es war so anrührend“, sagt er, und dass er sich über die Qualität der Mitsing-Veranstaltung freue.

Ich wollte ihnen noch die Hand schütteln: Frau Höpker mit den Boskamps. Ich wollte ihnen noch die Hand schütteln: Frau Höpker mit den Boskamps.

Da steht Frau Höpker plötzlich vor ihm. „Ich wollte Ihnen doch einmal die Hand schütteln“, sagt sie, „Sie haben vorhin so schön getanzt.“ Er lacht, glücklich macht er sich mit seiner Frau auf den Weg.

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ekir.de / Alexandra Stoffel, Fotos Gerald Biebersdorf / 18.09.2017



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