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Bei der Eröffnung der ICCJ-Tagung in Bonn: (von links) Liliane Apotheker (ICCJ-Vizepräsedentin), Abraham Lehrer (Vizepräsident des Zentralrats der Juden) und Manfred Rekowski (Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland). Bei der Eröffnung der ICCJ-Tagung in Bonn: (von links) Liliane Apotheker (ICCJ-Vizepräsidentin), Abraham Lehrer (Vizepräsident des Zentralrats der Juden) und Manfred Rekowski (Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland).

ICCJ-Auftakt

Nur der Dialog kann vor Hass bewahren

Zweifacher Dank an die evangelische Kirche, Sorge vor wachsendem Antisemitismus und Impulse zur Veränderungsbereitschaft der Religionen – darum ging es bei der Eröffnung der Tagung des Internationalen Rates der Christen und Juden (ICCJ).

Kardinal Reinhard Marx und Bischof  Munib Younan Kardinal Reinhard Marx und Bischof Munib Younan

Zweifacher Dank an die evangelische Kirche beherrschte die Beiträge zum Auftakt des Internationalen Rates der Christen und Juden am 2. Juli in Bonn: Weil sie das 500. Jubiläumsjahr der Reformation ökumenisch feiert und weil sie sich von der Judenfeinschafts Luthers distanziert hat.

„Vergangene Reformationsfeiern haben gefragt: Wo ist der andere schwach?, und die eigenen Stärken dagegen gestellt“, sagte der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, in einem Grußwort. „Dieses Mal sind wir Katholiken dabei; es hat sich Freundschaft entwickelt.“ Respekt zollte er dem Protestantismus auch für die Überwindung des Antijudaismus. Auch die katholische Kirche habe sich ihren judenkritischen Traditionen stellen müssen und arbeite sie weiter auf.

Präses Rekowski dankt jüdischen Theologen

Der rheinische Präses Manfred Rekowski dankte den jüdischen Theologen, die nach dem Zweiten Weltkrieg auf die Kirchen zugegangen seien und einen Dialog beider Religionen ermöglicht hätten. Der evangelischen Kirche sei klar, dass sie Luther weder in seiner antikatholischen Polemik noch in seinem Antisemitismus folgen dürfe. Rekowski bedauerte, dass sich die Bekennende Kirche im Dritten Reich in ihrer Barmer Theologischen Erklärung von 1934 gegen den totalitären Anspruch des Staates wandte, aber kein Wort für die bedrängten Juden gefunden habe.

Als Zeichen der Versöhnung stehe seit 2002 auf dem Gelände der Gemarker Kirche in Wuppertal – dort wurde die Barmer Erklärung verabschiedet – auch eine Synagoge. Die Vizepräsidentin des Internationalen Rates der Christen und Juden, Liliane Apotheker, dankte Rekowski, dass er sich persönlich für die dazu nötige Schenkung des Grundstücks eingesetzt habe.

Sorge vor wachsendem israelbezogenen Antisemitismus

Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Abraham Lehrer,  bekräftigte die Sorge der Juden vor einem in Europa wachsenden „israelbezogenen Antisemitismus“, etwa bei einer überzogenen Kritik an am Vorgehen des Landes. Diese lasse sich aus der Realpolitik nicht mehr erklären: „Darin steckt viel vom historischen Aufrechnen und alten Vorurteilen gegenüber Juden.“ Diese Haltung komme zusammen mit einem „Antisemitismus, der leider bei vielen Muslimen anzutreffen ist“.

Mittlerweile gehöre das Wort „Jude“ zu den gängigen Schimpfworten in deutschen Schulen. Lehrer erinnerte auch daran, dass ein 14-jähriger jüdischer Junge in Berlin wegen Mobbing durch muslimische Mitschüler seine Schule verlassen musste. Christen sollten, sagte Lehrer, „ihre Erklärungen gegen Antisemitismus mit Leben füllen“ und „entschlossen einem Antisemitismus entgegentreten, der getarnt als Kritik an Israel daherkommt oder der von zu vielen jungen Muslimen weitergetragen wird.“ Der palästinensische Bischof Munib Younan aus Jerusalem schlug vor, den christlich-jüdischen Dialog auf Muslime auszudehnen und „gegen Antisemitismus wie gegen Islamophobie zu arbeiten“.

Vortrag vom argentinischen Rabbiner Abraham Skorka. Vortrag vom argentinischen Rabbiner Abraham Skorka.

In einem Vortrag forderte der argentinische Rabbiner Abraham Skorka die Religionen zur Veränderungsbereitschaft auf: „Auch Gott verändert sich; nur ein Götze bleibt immer gleich.“ Das Judentum habe lernen müssen, die grundlegenden Wahrheiten der Tora, der Fünf Bücher Mose, in jeder Generation wieder neu zu interpretieren. Die Propheten hätten einen Gott offenbart, „dessen Stimme die ganze Welt hört“. Daher brauchten die Religionen „eine Reformation, eine Änderung unserer Einstellungen, vielleicht auch eine Änderung unserer unterschiedlichen Wahrnehmung Gottes.“ Nur der Dialog könne die Menschen vor Hass bewahren.

Der Internationale Rat der Christen und Juden befasst sich bis zum 5. Juli 2017 in Bonn mit dem Thema „Reformieren, interpretieren, revidieren: Martin Luther und 500 Jahre Tradition und Reform in Judentum und Christentum“. Der Rat ist der Dachverband der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit in 40 Ländern. Als Präsident amtiert der katholische Theologe Philipp Cunningham aus Philadelphia (Pennsylvanien/USA). Zu den Mitveranstaltern der Bonner Konferenz gehört die Evangelische Kirche im Rheinland.

Christliche Schuldgeschichte reflektieren, Impulse zur Veränderung finden

Der theologische Dezernent im rheinischen Landeskirchenamt, Dr. Volker Haarmann, erhofft sich von der Konferenz Impulse für das weitere jüdisch-christliche Gespräch. In der Kombination des Dialogs mit dem Blick auf 500 Jahre Reformation liege eine Möglichkeit, „die christliche Schuldgeschichte zu reflektieren, aber auch gemeinsam neue theologische Impulse für Veränderung zu finden.“

 In der Evangelischen Kirche im Rheinland hat das Verhältnis zwischen Juden und Christen einen besonderen Stellenwert. Als erste evangelische Kirche beschloss sie 1980 einen Verzicht auf Mission unter Juden. 1996 ergänzte sie ihre Kirchenordnung um einen Artikel, in dem sie sich zur bleibenden Erwählung Israels bekannte.

 

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ekir.de / Wolfgang Thielmann, Foto: Martin Magunia / 03.07.2017



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