Evangelische Fachhochschule und Diakonie

Inklusion: Mehr Menschenrechte wagen

"Inklusion ist ein gesellschaftliches Megathema", sagte der Rektor der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe (RWL), Prof. Dr. Gerhard K. Schäfer, zur Eröffnung der internationalen Tagung "Menschen Recht Inklusion" im Kunstmuseum Bochum.

Es gehe um die Verwirklichung einer Gesellschaft, in der Menschen selbstbewusst und mit Freude verschieden sein können. Diese Vision mache zum einen die vielfältigen Ausgrenzungen von Menschen und setze zugleich Phantasie zur Veränderung frei. Das christliche Wissen, dass alle Menschen ein Ebenbild Gottes sind, sei eine gute Basis für inklusives Denken und Handeln.

Bereits vor vier Jahren hat der Bundestag die UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderung ratifiziert. Doch in der Umsetzung gibt es bislang nur kleine Fortschritte. Die internationale Fachkonferenz soll neue Impulse für die Verwirklichung gleicher Rechte von Menschen mit und ohne Behinderung setzen, teilte die EFH mit. An der Konferenz nehmen mehr als 300 Beteiligte aus Wissenschaft, sozialer Praxis und Ausbildung teil.

Visionäre Dimension

Prof. Dr. Uwe Becker, Vorstand der Diakonie RWL, unterstrich die visionäre Dimension des Themas. Das bestehende System müsse sich an vielen Stellen ändern, um Inklusion zu ermöglichen. "Inklusion ist kein Prozess, bei dem Menschen mit Behinderungen in ein gleich-bleibendes System eingebunden werden", so Becker. Inklusion sei ein finanziell aufwändiges Projekt, das bisher von der Politik zu halbherzig betrieben werde.

Ministerialdirigent Manfred Feuß vom NRW-Sozialministerium verteidigte die Politik der Landesregierung. In ihrem Aktionsplan "Eine Gesellschaft für alle - NRW inklusiv" seien mehr als hundert inklusive Maßnahmen konkret benannt. Er verwies aber auch auf die Verantwortung des Bundes. Besonders wichtig sei die baldige Verabschiedung eines Bundesleistungsgesetzes, das Bund, Länder und Kommunen gemeinsam für den Ausbau einer inklusiven Infrastruktur in die Pflicht nehmen soll.

Vertrauen in die Gemeinschaft

Anita Silvers, Professorin an der Universität von San Francisco, beschrieb in einer Videobotschaft die Bedeutung von Vertrauen für das Funktionieren einer jeden Gesellschaft. „Welche bessere Möglichkeit gibt es, Vertrauen in die Gemeinschaft zu bekommen als die Durchsetzung gleicher Rechte auch für die, die am wenigsten in der Lage sind, ihre eigenen Interessen zu schützen", so Silvers.

Weltweit leben über eine Milliarde Menschen mit einer Behinderung, so das Ergebnis einer aktuellen WHO-Studie. Dr. Tom Shakespeare von der britischen Universität East Anglia: "Das sind eine Milliarde Menschen, die gleiche Rechte wollen, gleiche Arbeit und gleichen Zugang zu Gesundheitsleistungen." Mit der alternden Bevölkerung nehme diese Zahl in vielen Ländern noch zu. Menschen mit Behinderungen seien besonders oft von Arbeitslosigkeit und Armut betroffen, wobei das Gefälle in den reichen Ländern wie Deutschland besonders extrem sei.

Kirche hat sich auf den Weg gemacht

Oberkirchenrat Klaus Eberl verwies auf die Verantwortung von Kirche, die sich bereits auf den Weg gemacht habe, um umfassende Inklusion zu verwirklichen. Das Thema Inklusion stand im Mittelpunkt der letzten Synode der Evangelischen Kirche im Rheinland, erinnerte er. Viele Gemeinden beginnen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und werden dabei von der Landeskirche und einer Orientierungshilfe "Da kann ja jede(r) kommen" unterstützt.

Dr. Valentin Aichele vom Institut für Menschenrechte in Berlin beklagte die zögerliche Umsetzung der Konvention. Lange sei die Politik davon ausgegangen, dass die Ratifizierung der UN-Konvention als Rahmen für die Gestaltung von Inklusion ausreiche. Tatsächlich gebe es einen großen gesetzgeberischen Handlungsbedarf, um einklagbare Rechte für Menschen mit Behinderungen zu schaffen.

Wahlrecht oft noch uneingelöst

Als Beispiel verwies er darauf, dass Menschen mit Behinderungen, die einen Betreuer brauchen, das Wahlrecht zum Teil weiterhin verweigert wird. Dies sei ein klarer Verstoß gegen Artikel 29 der UN-Konvention. Aichele rief die Politik dazu auf, mehr Menschenrechte zu wagen.

Die Konferenz "Menschen Recht Inklusion" läuft noch bis Samstag. Während am ersten Konferenztag Fragen nach Selbstbestimmung und Inklusion in Wohnen, Arbeit und Freizeit im Mittelpunkt standen, geht es am 8. Juni um Fragen der inklusiven Hochschule.

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Freitag, 7. Juni 2013. Die letzte Aktualierung erfolgte am Freitag, 7. Juni 2013. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / efh, neu / 07.06.2013



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