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Integration Ob zur Arbeit oder bei Ausflügen: Der Syrer Mohammad Kher Ahmad ist rheinlandweit mit dem Rad unterwegs

Integration

"Deutschland ist kein Autoland"

Eine Werkstatt der Evangelischen Kirchengemeinde Solingen-Ohligs gibt Fahrräder an Flüchtlinge weiter. Und bietet dabei viel mehr: Die Reparatur-Aktion ist Teil eines erfolgreichen Gemeindeprojekts, bei dem das Miteinander im Stadtteil gestaltet und gefördert wird.

Gemeinsam mehr als 130 Räder repariert Gemeinsam mehr als 130 Räder repariert

Eine steile Holztreppe führt in den Keller des Gemeindezentrums Wittenbergstraße im Solinger Stadtteil Ohligs. Im Flur des Untergeschoßes hängt ein Mountain-Bike am Montageständer, an seiner Nabe zieht Mohammad Kher Ahmad mit dem Schraubenschlüssel eine Mutter fest. Zehn weitere Fahrräder warten im weißgekalkten Raum nebenan auf ihre Reparatur, in einer Garage am Gemeindezentrum sind es noch einmal mindestens 20 Stück. Seit Anfang dieses Jahres reparieren Ehrenamtliche der Evangelischen Kirchengemeinde Solingen-Ohligs gespendete Fahrräder und geben sie an geflüchtete Menschen weiter. Das 100. dieser Verkehrsmittel aus der Werkstatt der Kirchengemeinde wurde jetzt an den aus Afghanistan stammenden Khadim Khawari überreicht.

Ein Fall für den Tüftler

„Öl, Luftpumpe, Kettennieter, Zangen, Kabel, Drähte und Schrauben- sowie Inbusschlüssel in allen Größen.“ Jürgen Schiemann zählt auf, was bei der Radreparatur zum Einsatz kommt. Als in der Kirchengemeinde Ende 2015 die Ideen für Projekte mit Flüchtlingen gesammelt worden sind, schlug er die Fahrrad-Werkstatt vor. Mit Geldern für Integrationsprojekte von Stadt und Land, mit Spenden und eigenem Material baute Schiemann die Werkstatt auf. Der Solinger ist selbst passionierter Radfahrer und vor allem leidenschaftlicher Hobby-Tüftler: Seltene Ersatzteile stöbert er bei Ebay auf, im Internet findet er Handbücher und dort schaut er sich bei Youtube einschlägige Reparatur-Tutorials an.

"Nehmt mit, die stehen hier eh' nur rum"

Mit Jürgen Schiemann sind Dirk Fischer und Richard Buchholz in der Werkstatt ehrenamtlich aktiv. Mit jedem Rad überreichen sie einen Helm und ein Schloss und zeigen den zukünftigen Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmern einen mehrsprachigen Lehrfilm der Solinger Polizei und des Filmclubs Solingens (siehe Link unten). An diesem Tag waren die Ehrenamtlichen vier Stunden lang mit einem Anhänger in Solingen unterwegs, um weitere gespendete Räder entgegenzunehmen. „Die stammen meist von älteren Leuten, die auf das E-Bike umgestiegen sind oder aus gesundheitlichen Gründen gar nicht mehr Rad fahren“, berichtet Jürgen Schiemann. „Nehmt die mit, die stehen bei uns sowieso nur rum“, hieße es dann. 

Es gibt noch viel zu reparieren Es gibt noch viel zu reparieren

Bei Mohammad Kher Ahmad und seinem Freund Talal Alhaj Ali stehen die Räder nicht herum: Die beiden jungen Syrer fahren damit nicht nur zu Sprachkurs und Ämtern, sie sind außerdem bis nach Köln, Düsseldorf und Wuppertal geradelt. „Immer wenn mir die Decke auf den Kopf fällt, setze ich mich aufs Rad und fahre los“, erzählt der 19-jährige Mohammad Kher Ahmad.

Pünktlich mit dem Rad zur Arbeit

Eines ist ihm aufgefallen: „Es heißt immer, Deutschland ist ein Autoland, das stimmt aber nicht.“ Schließlich sei hier fast jeder mit dem Zweirad unterwegs: „Die Deutschen machen damit sehr oft Ausflüge und fahren gerne mit dem Rad zur Arbeit.“ Auch Mohammad Kher Ahmad ist einige Wochen lang mit dem Rad zu seinem Praktikum in einem Kunststoff verarbeitenden Betrieb in Solingen gefahren. „Da war es sehr gut, das Rad zu haben, damit konnte ich pünktlich morgens um sieben Uhr da sein.“

Rund 1000 Flüchtlinge, die meisten aus Syrien, kamen vor einem Jahr in den Solinger Stadtteil Ohligs. „Es war wichtig, dass wir sie eingeladen und willkommen geheißen haben“, sagt Gemeindepfarrerin Claudia Stark. Doch nun sei es ebenso wichtig, das Miteinander langfristig zu gestalten. Wie der seit einem Jahr stattfindende wöchentliche „Abend der Begegnung“, die Aktion „Gemeinsam kochen in Ohligs“ oder das regelmäßige Frauencafé ist auch die Fahrrad-Werkstatt in dieser Hinsicht ein erfolgreiches Integrationsprojekt: Geflüchtete Menschen arbeiten bei den Projekten ehrenamtlich mit, Kontakte und Freundschaften wurden geknüpft, die neuen Mitbürgerinnen und Mitbürger schulen ihre Deutschkenntnisse und lernen die neue Heimat kennen.

"Wie in einer Familie"

In ihrer Kindertagesstätte Uhlandstraße hat die Kirchengemeinde Solingen-Ohligs jetzt eine junge Syrerin für ein Jahr als hauswirtschaftliche Mitarbeiterin angestellt. Und während sie auf einen Ausbildungsplatz zum Kfz-Mechaniker und Kaufmann warten, arbeiten in der Kita außerdem Talal Alhaj Ali und Mohammad Kher Ahmad ehrenamtlich mit. „Wir sind die Hausmeister“, sagt Talal Alhaj Ali. Und der 24-Jährige erklärt: „Wie in einer Familie haben die Menschen aus der Gemeinde uns geholfen, das wollen wir jetzt zurückgeben.“ 

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ekir.de / eis, Fotos: Sabine Eisenhauer (2), Mohammad Kher Ahmad (1) / 18.11.2016



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