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Foto: pixabay.com Schwarze in Südafrika mussten Jahrzehnte für Bürger- und Menschenrechte streiten. Das Bekenntnis von Belhar stellte sich gegen die staatliche und kirchliche Praxis der Apartheid.

30 Jahre Bekenntnis von Belhar

Ein Zeichen gegen Apartheid und kirchliche Irrlehre

Die Rassentrennung fand in den weißen Kirchen Südafrikas vielfältige Unterstützung. Das Bekenntnis von Belhar setzte vor 30 Jahren ein Zeichen dagegen. Reformierte Gemeinden und Kirchen erinnern jetzt daran. Auch heute können von diesem Bekenntnis wichtige Impulse ausgehen, erklärt Dr. Matthias Freudenberg im ekir.de-Interview.

Dr. Matthias Freudenberg Dr. Matthias Freudenberg

Im September 1986 hat die Synode der damaligen „Dutch Reformed Mission Church“ in Südafrika das Bekenntnis von Belhar beschlossen. Vor welchem Hintergrund entstand das Bekenntnis und was sind die Kernaussagen?

Das Bekenntnis von Belhar ist in einer Situation entstanden, die von einer tiefgreifenden gesellschaftlichen und innerkirchlichen Zerrüttung geprägt war. Es setzt sich mit der damals vorherrschenden Rassentrennung („Apartheid“) auseinander, die wir auch aus dem fernen Deutschland mit großer Sorge verfolgt haben. Rassentrennung und die mit ihr verbundene Diskriminierung und Ausgrenzung der Schwarzen reicht ins 19. Jahrhundert zurück und wurde schließlich 1948 in der Verfassung festgeschrieben.

Was das Bestürzende war: Die Apartheid war tief in die Kirche eingedrungen. Es entstanden nach Hautfarbe getrennte Gemeinden und Kirchen für Weiße und Schwarze. In der Niederländisch-reformierten Kirche (NGK) wurde die Apartheit theologisch dadurch legitimiert, dass die Lehre von der Erwählung und Verwerfung Gottes und von den Schöpfungsordnungen für die eigene Situation gewaltsam instrumentalisiert wurde – nach dem Motto: Gott hat die Weißen erwählt und die Schwarzen verworfen.

Gegen eine solche Irrlehre und kirchliche Praxis ist eine Gruppe von Pfarrern – sie nannten sich „Broederkring“ (Brüderkreis) und kamen aus Kirchen mit überwiegend schwarzen, farbigen und indischen Mitgliedern – aufgestanden. Als „Beleydende Kring“ (Bekennender Kreis) haben sie im Bekenntnis drei biblische Begriffe mit neuem Leben erfüllt: Einheit, Versöhnung und Gerechtigkeit. Dieser Dreiklang soll das Leben in der Kirche bestimmen: Statt Trennung, Feindschaft und Hass sind die Christen zur Einheit, Versöhnung untereinander und einem Leben in Gerechtigkeit berufen.

Eine besondere Stärke des Bekenntnisses sehe ich darin, dass Einheit, Versöhnung und Gerechtigkeit zuerst als Handeln Gottes am Menschen und von da her auch als ein von Gott gebotenes menschliches Verhalten beschrieben werden.

Der Aufbau des Bekenntnisses erinnert an die Barmer Theologische Erklärung. Ist sie auch von den Inhalten her vergleichbar?

Die formalen und inhaltlichen Anklänge an die Barmer Theologische Erklärung sind kein Zufall. Ganz bewusst sah sich der „Beleydende Kring“ in eine Situation gestellt, die der von Barmen 1934 vergleichbar war: Gegen eine politisch-gesellschaftliche katastrophale Fehlentwicklung und vor allem gegen einen theologischen und kirchlichen Irrweg hieß es Farbe zu bekennen. In Barmen bekannten sich die Synodalen zu Jesus Christus als dem einen Wort Gottes, auf das die Kirche zu hören hat; in Belhar rückte ebenfalls Jesus Christus ins Zentrum des Bekennens, da in ihm insbesondere die Versöhnung ihren Grund hat. Beide Bekenntnisse haben gut daran getan, vom dreieinigen Gott und hier vor allem von Jesus Christus her zu argumentieren, da in ihm die Christinnen und Christen, die Kirchen und die Gemeinden Stärkung und Orientierung finden.

Was bewirkte dieses Bekenntnis in Südafrika und in der Gemeinschaft der reformierten Kirchen?

Schon bevor das Bekenntnis von der Synode der Niederländisch-Reformierten Missionskirche 1986 beschlossen wurde, nahmen die Reformierten in aller Welt die Entwicklungen in Südafrika sehr aufmerksam wahr. Der damalige Reformierte Weltbund (heute: Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen) hat 1982 die Apartheid als Sünde und ihre theologische Rechtfertigung als eine Verdrehung des Evangeliums verurteilt.

Die Folgen des Bekenntnisses von Belhar waren immens. Zunächst war das Bekenntnis nach 1986 eine geistliche und kirchenpolitische Stärkung für die Kirchen mit überwiegend schwarzen und farbigen Mitgliedern. Zugleich stellte es den Kirchen wichtige biblische und theologische Leitideen für den Prozess der Überwindung der Apartheid zur Verfügung.

Später wurde es zur Grundlage der neuen „Vereinigenden Reformierten Kirche im Südlichen Afrika“ (URCSA). Und in der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen gab Belhar entscheidende Impulse für neuere Bekenntnisimpulse wie das Bekenntnis von Accra (2004), das die ungerechten Wirtschaftsstrukturen einer Kritik unterzieht. Ich halte Belhar für das bis heute theologisch stärkste Bekenntnis in der reformierten Weltgemeinschaft.

Welche Bedeutung hat das Belhar-Bekenntnis im heutigen Südafrika?

Es spricht für die Strahlkraft von Belhar, dass es durch das Ende der Apartheid nicht erledigt war, sondern – im Gegenteil – eine immer weiter wachsende Bedeutung erhielt. Über die Kirchen hinaus lieferte es durch seinen Versöhnungsbegriff eine wertvolle Denk- und Argumentationshilfe im bis heute anhaltenden Prozess der Versöhnung und friedlichen Entwicklung in Südafrika. Vor wenigen Jahren hat sich sogar die „weiße“ reformierte Kirche (NGK) das Bekenntnis zu eigen gemacht und ihre Gemeinden ebenfalls dazu aufgefordert – ein Prozess, der noch andauert.

Belhar prägt die kirchlichen Diskussionen in Südafrika auch darum, weil es weit über die überwundene Situation der Apartheid in das gegenwärtige Leben hineinspricht. Das gilt besonders für die Frage der Gerechtigkeit. So hat das Bekenntnis etwas im Blick auf so brennende Fragen wir die nach der Verteilung der Güter in einer Gesellschaft und der Teilhabemöglichkeit von an den Rand gedrängten Menschen zu sagen: nämlich „dass die Kirche als Gottes Eigentum dort stehen muss, wo Gott selbst steht: gegen die Ungerechtigkeit und auf der Seite der Entrechteten“.

Auch in Deutschland erinnern in diesen Tagen reformierte Gemeinden und Kirchen an das Belhar-Bekenntnis. Was gibt dieses Dokument Christinnen und Christen heute in Europa mit auf den Weg?

In Gottesdiensten wird die Evangelisch-reformierte Kirche und die Lippische Landeskirche am 11. September das Jubiläum „30 Jahre Bekenntnis von Belhar“ feiern. Vermutlich erleichtert die Nähe zur Barmer Theologischen Erklärung vielen den Zugang zu Belhar. Es liest sich wie eine von Barmen ausgehende Konkretisierung in Diskussionslagen hinein, die auch uns beschäftigen: die Frage nach Einheit der Christenheit, die Frage nach Versöhnung auf der von Kriegen zerrissenen Erde und bei den drohenden Spaltungen in der eigenen Gesellschaft und die Frage nach Gerechtigkeit in einer in arm und reich gespaltenen Welt.

In den Partnerschaftsbeziehungen mit südafrikanischen Gemeinden spielt das Bekenntnis von Belhar ganz natürlich eine große Rolle. Für Christinnen und Christen in Europa hält es die Botschaft bereit: Der Einsatz für ein versöhntes und gerechtes Zusammenleben der Menschen ist nicht nur eine Angelegenheit der moralischen Neigung, sondern ist tief im Glauben verankert.

Die drei Kernthemen Einheit der Kirche, Versöhnung in Jesus Christus und Gerechtigkeit Gottes treiben Christinnen und Christen in Europa um. Und ganz aktuell: Belhar bekennt sich zu dem Gott, der „die Fremdlinge beschützt“. Es ist reizvoll, Themen wie Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und gesellschaftliche Spaltung im Lichte dieses Bekenntnisses zu diskutieren. In dem Bereich, in dem ich als Pfarrer arbeite – die Evangelische Studierendengemeinde –, werden wir das demnächst tun.


Dr. Matthias Freudenberg ist Pfarrer in der Evangelischen Studierendengemeinde Saarbrücken und außerplanmäßiger Professor für Systematische Theologie an der Universität des Saarlandes. Für die Broschüre "Für das Recht streiten. 30 Jahre Bekenntnis von Belhar" hat er eine theologische Lesehilfe zum Bekenntnis verfasst.

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ekir.de / rtm / Foto: pixabay.com / 08.09.2016



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