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Interview

Kock: "Es muss Verantwortung füreinander übernommen werden"

"Die Religion ist nicht der Ursprung des Bösen, sondern Menschen missbrauchen die Religion, um Gewalt, Unterdrückung und Kriege zu rechtfertigen", sagt der frühere rheinische Präses und EKD-Ratsvorsitzende Manfred Kock im Interview. Der Theologe, der am Mittwoch 80 Jahre alt wird, setzt sich für mehr weltweite Gerechtigkeit ein.

Im kommenden Jahr jährt sich der Beginn der Reformation zum 500. Mal. Was heißt heute Reformation?

Martin Luther hat mit zwei Begriffen den Hauptanstoß dafür gegeben, dass das Mittelalter aus den Angeln gehoben wurde: Freiheit und Wahrheit. Wir müssen immer wieder neu die Erkenntnis in die Welt tragen, dass der Christenmensch ein freier Herr über alle Dinge und zugleich ein dienstbarer Knecht aller Dinge ist, wie es Luther formuliert hat. Diese Paradoxie von Freiheit und Dienstbarkeit ist gerade wichtig in einer Zeit, in der jeder nach seinen eigenen Vorstellungen lebt.

Es reicht für das Zusammenleben nicht aus, sich nur auf irgendeinen gemeinsamen Nenner zu verständigen. Es muss auch Verantwortung füreinander übernommen werden. Der eigene Wahrheitsanspruch darf dabei nicht als Instrument der Macht über andere benutzt werden. Mit Reformation wird man nie fertig, auch nicht nach 500 Jahren: Die Kirche steht immer wieder vor neuen Herausforderungen und muss sich korrigieren, wenn sie sich an Moden oder Trends anpasst und dabei ihre Botschaft vernachlässigt.

Die Bibelübersetzung Luthers spielt in der evangelischen Kirche bis heute eine zentrale Rolle. Was halten Sie von modernen Übersetzungen?

Das Bibellesen ist die wichtigste protestantische Frömmigkeitstradition. Martin Luther hat die Heilige Schrift in die Sprache seiner Zeit übersetzt. Er war nicht an allen Stellen exakt, aber er hat immer das Wesen der Sache getroffen. Jede Übersetzung ist immer auch eine Interpretation - das gilt bis heute. Ich halte es deshalb für sinnvoll, auch moderne Übersetzungen heranzuziehen. Skeptisch bin ich aber, wenn allzu banalisierend mit den Texten umgegangen wird.

Wird die Christenheit irgendwann aufhören, zwischen evangelisch und katholisch zu unterscheiden, oder mit den Unterschieden weiter leben?

Vor dem Jahr 2000 haben wir gesagt: Im nächsten Jahrhundert muss aus evangelisch und katholisch "christlich" werden. Das ist weiter sinnvoll. Allerdings nicht, indem wir die unterschiedlichen Konfessionen nivellieren, sondern indem wir sie mit ihren jeweiligen Bedeutungen zusammenführen. Die andere Konfession ist nicht die Bedrohung der eigenen, sondern eine Bereicherung. Ich darf wissen, dass es in der anderen Konfession Schätze gibt, die meinen Glauben bereichern können.

Manche Vertreter von Konfessionslosen und Atheisten meinen mit Blick auf Probleme wie den islamistischen Terror, Religion sei ein Problem der modernen Gesellschaft und bedrohe die Freiheit. Was antworten Sie?

Wer so argumentiert, verkennt die Zusammenhänge. Die Religion ist nicht der Ursprung des Bösen, sondern Menschen missbrauchen die Religion, um Gewalt, Unterdrückung und Kriege zu rechtfertigen. Aber Menschen benutzen auch ihren Atheismus in gleicher Weise. In der Geschichte sieht man, dass auch atheistische Systeme nicht das Paradies geschaffen haben - das ist weder dem Kommunismus gelungen noch der Französischen Revolution, die Gott abschaffen wollte. Beide haben selbst viel Unrecht hervorgebracht.

Welche Rolle wird die Kirche in unserer Gesellschaft künftig spielen - auch angesichts zunehmender Ressentiments und der wachsenden Zahl von Muslimen?

Der Einfluss der Kirche wird sicherlich geringer, weil die Mitgliederzahlen im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung sinken und sich viele Menschen für religiöse Fragen nicht interessieren. Aber die Kirchen sind keineswegs wirkungslos, sie gestalten mit ihren Möglichkeiten weiter an vielen Stellen das Zusammenleben mit. Vor allem tragen sie mit der Botschaft des Evangeliums etwas in die Welt, das nötig ist, damit wir nicht in ein sinnloses Nichts hineinfallen. Die Botschaft der Kirchen macht immer wieder deutlich, dass sich kein Mensch seine Würde verdient. Die ist jedem Menschen von Gott geschenkt. Und wer mit dieser Würde ausgestattet ist, ist auch eingeladen, Verantwortung für diese Welt zu übernehmen.

Als größte Bedrohung der Freiheit wird von vielen der Terrorismus erlebt, auch deshalb wächst die Angst vor Fremden und es wird über die Einschränkung bürgerlicher Freiheiten diskutiert. Was ist dagegen zu tun und was können die Kirchen beitragen?

Was das Leben und die Freiheit der Menschen in einer Weise bedroht wie die Terrormiliz IS, muss bekämpft werden, auch mit Hilfe von Polizei und Militär. Wer allerdings meint, das Problem sei allein durch militärisches Eingreifen und mehr Überwachung in den Griff zu bekommen, irrt. Es muss nach den Ursachen gefragt werden: Was schafft in den arabischen Staaten und in Afrika den Nährboden für Gewalt und Terrorismus? Hier geht es vor allem um soziale Fragen. Wenn wir die Art unseres Wirtschaftens nicht ändern, werden die Probleme nicht gelöst werden können. Das protestantische Freiheitsverständnis mahnt, sich in den Dienst zu stellen, um ohne Gewalt nötige Veränderungen herbeizuführen.

Vor einem Jahr hat Deutschland seine Grenze geöffnet, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte ihren umstrittenen Satz "Wir schaffen das". War der Schritt richtig?

Ja, die Kanzlerin hat das aus humanitärer Verpflichtung gesagt. Ich habe ihren Satz nicht so verstanden, dass wir ab sofort das ganze Elend der Welt in unser Land holen und meinen, es hier bewältigen zu können. Sondern ich habe ihn so verstanden, dass den Menschen, die damals an Ungarns Grenzen im Elend festsaßen, dringend benötigte Hilfe gewährt werden musste. Das haben Tausende Helferinnen und Helfer auch so verstanden. Jetzt aber muss unser Staat und müssen die reichen Industrienationen alles tun, um die Ursachen der Flucht zu beseitigen, vor allem, den Krieg in Syrien zu beenden und den Menschen in den armen Ländern ein lebenswertes Leben zu ermöglichen.

Wenn man auf den Umgang der EU-Staaten mit dem Problem schaut, könnte man meinen, die Solidarität in Europa sei am Ende.

In der Tat: Es ist schrecklich, dass jedes Land offenbar nur auf seinen eigenen Vorteil schaut und Länder wie Polen oder Ungarn gar keine Flüchtlinge aufnehmen wollen. Hier mögen wirtschaftliche Sorgen, aber auch nationalistische und rassistische Gründe eine Rolle spielen. Deutschland wird zu Unrecht vorgeworfen, wir hätten die Menschen hierher geholt - so als wären sie nicht vor Gewalt, Not und Elend in ihrer Heimat geflohen.

Die Entwicklung hat dem Rechtspopulismus in Europa Zulauf beschert, auch in Deutschland. Wie sieht es in den Kirchen aus?

Es gibt leider auch in den Kirchen Menschen, die fremdenfeindliche Positionen vertreten und Verführern auf den Leim gehen, die einfache Lösungen anbieten nach dem Motto: Wenn wir keine Fremden und keine Muslime mehr in Deutschland haben, wird die Welt besser. Antisemitismus und Rassismus dienen diesen Menschen auch dazu, ihre eigene Ohnmacht durch ein Gefühl von Überlegenheit zu kompensieren. Eine andere Spielart der Abkehr von den wirklichen Problemen ist übrigens die Spaßgesellschaft: Wir amüsieren uns zu Tode.

Verträgt unsere Gesellschaft einen sichtbaren Islam? Seit Wochen wird über Verbote von Burka und Burkini gestritten.

Die Frage von Burka und Burkini hat nichts mit realen Integrationsproblemen zu tun, im Gegenteil: Durch die Art und Weise, wie bei uns darüber diskutiert wird, schaffen wir erst die Probleme. Wenn diese Kleidung nicht ständig durch die öffentliche Aufmerksamkeit zu einer Bekenntnisfrage gemacht würde, hätten sich viele muslimische Mädchen längst davon verabschiedet, sich zu verschleiern oder Kopftücher zu tragen. Sie wollen doch genauso modern sein wie andere Teenager und junge Frauen. Hier sollte man nicht mit Verboten kommen.

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ekir.de / Ingo Lehnick/epd / 13.09.2016



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