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Gegen eine Polarisierung: erstes Treffen des Netzwerks 'Israel-Palästina-Rheinland', u.a. mit Präses Manfred Rekowski. Gegen eine Polarisierung: erstes Treffen des Netzwerks "Israel-Palästina-Rheinland", u.a. mit Präses Manfred Rekowski.Bild-Download

Netzwerk Palästina-Israel-Rheinland gegründet

Kooperieren in Zeiten des Nahostkonflikts

Der Konflikt im Nahen Osten steht nicht kurz vor der Lösung – er ist im vollen Gange. Menschen aus Deutschland verspüren oft Gleichgültigkeit, Polarisierung oder Hilflosigkeit angesichts der dortigen Lage, doch was kann von hier getan werden? 

"Uns verbindet die Sehnsucht nach Frieden": Ulrich Suppus.Bild-Download

Um das herauszufinden, haben sich Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Gruppen aus dem Gebiet der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) zu einem Netzwerk zusammengeschlossen. Der Auftakt war am 1. November. „Uns verbindet die Sehnsucht nach Frieden. An diesem gemeinsamen Ziel und nicht an dem Trennenden wollen wir heute ansetzen.“ Mit diesen Worten eröffnete Ulrich Suppus die Gründung des Netzwerks „Palästina-Israel-Rheinland“ (PIR).

Suppus ist Sprecher der Vorbereitungsgruppe, die die Auftaktveranstaltung in Wuppertal organisiert hat. Die Idee von PIR entstand auf Initiative des Arbeitskreises Frieden, einer ökumenischen Interessengruppe, in der auch Suppus Mitglied ist, und der Ökumene-Abteilung der Evangelischen Kirche im Rheinland. „Wir wollen daran ansetzen, gemeinsame Interessen zu verfolgen“, erklärte Ulrich Suppus, „aber das mit Respekt für alle Meinungen“. 

Dialogmöglichkeiten schaffen: Präses Manfred Rekowski. Dialogmöglichkeiten schaffen: Präses Manfred Rekowski.Bild-Download

Präses Manfred Rekowski betonte die Aufgabe der Kirche als Mittlerfunktion: „Die Aufgabe unserer Kirche ist es, Dialogmöglichkeiten zu schaffen.“ Dabei sei das Netzwerk PIR kein Novum. „Wir haben, was das Thema Palästina angeht, schon einige Stationen hinter uns“, so der Präses. Doch das allgemeine Engagement solle sichtbarer gemacht werden – zum Beispiel gebündelt bei PIR. 

Gleichgültigkeit ist auch keine Alternative: Christian Sterzing. Gleichgültigkeit ist auch keine Alternative: Christian Sterzing.Bild-Download

Erfahrungen und Denkanstöße aus der Praxis brachte Christian Sterzing in das Plenum. Er war Grünen-Bundestagsabgeordneter und für die Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah. „Die Sicherheit Israels ist ein Pfeiler deutscher Außenpolitik. Das kann jedoch nicht bedeuten, dass wir israelische Sicherheitsbegriffe und -vorstellungen übernehmen oder kritiklos akzeptieren“, erläuterte der 65-Jährige. Die Frage nach Sicherheit müsse vor allem Frieden beinhalten: „Sicherheit und Frieden für Israel sind nicht ohne Sicherheit und Frieden für die Palästinenser realisierbar“, so der Jurist.

In seinen Ausführungen ging es immer wieder auch um Erfahrungen, die er bei seiner Arbeit vor Ort gemacht hatte. So erzählte er die Geschichte eines palästinensischen Repräsentanten, der zu Friedensgesprächen mit Israel eingeladen war. Nach mehr als halbstündiger, schikanierender Grenzkontrolle drehte er um, fuhr nach Hause und konnte die damalige Außenministerin Livni nicht sprechen. „Deutsche Politik sollte weder Pro-Israelisch noch Pro-Palästinensisch sein – Gleichgültigkeit ist aber auch keine Alternative“, betonte Christian Sterzing.

Zum einen müsse die Selbstbestimmung und Lebensfähigkeit Palästinas gesichert sein, zum anderen sollte es anerkannte und sichere Grenzen für Israel geben. Ein möglicher Schritt in Richtung Frieden sei die Beseitigung der Asymmetrie des Konfliktes: Hilfe von außen, damit Palästina wirtschaftlich und diplomatisch gestärkt werden kann – im Gegenzug müssten aber Menschenrechte gewahrt und demokratische Entwicklung etabliert werden.

"Es ist nicht unser Konflikt"

An der Seite von Christian Sterzing sollte eigentlich Jörn Böhme diskutieren. Böhme war für die Heinrich-Böll-Stiftung in Tel Aviv eingesetzt – aufgrund eines verpassten Fliegers konnte er aber nicht zur PIR-Veranstaltung erscheinen. Christian Sterzing übernahm so kurzerhand Böhmes Teil der Agenda und referierte doppelt.

„Es ist nicht unser Konflikt, beenden und friedlich lösen können ihn nur die Konfliktparteien“, machte Sterzing klar. Dennoch gebe es viele Möglichkeiten des zivilgesellschaftlichen Engagements. Humanitäre Hilfe im Gaza-Streifen, Unterstützung für Menschenrechtsorganisationen, Solidaritätsarbeit, Begegnungs- oder Bildungsarbeit. Ein zentrales Thema bei der Auftaktveranstaltung war der Transfer von Ideen in den Alltag.

Soll eine langfristige Verbindung werden: das Netzwerk Israel-Palästina-Rheinland. LupeSoll eine langfristige Verbindung werden: das Netzwerk Israel-Palästina-Rheinland.

In vier Arbeitsgruppen wurden die Möglichkeiten solches Engagements diskutiert: „Jugendaustausch/Schule“, „Freiwilligendienste“, „Städtepartnerschaften“ und „Handeln - weitere Formen des Engagements“ waren die Oberbegriffe. Alle diese Formen der Unterstützung sollen laut Sterzing aber unter gewissen Leitlinien geschehen. „Der Konflikt ist sehr komplex, man sollte keine Einfachheit vorgaukeln.“

Dazu dürfe man keine „Reproduktion des Konflikts auf verbaler Ebene“ zulassen, da diese eher verschärfend sei. Ferner sollen Begegnungsprogramme nachhaltig und themenorientiert sein: „Überspitzt gesagt: sich zum Kaffeetrinken treffen verhindert nicht den nächsten Krieg.“

Die vier Arbeitsgruppen schlugen Schritte für die Zukunft vor. Finanzierungshilfen aus öffentlichen oder kirchlichen Mitteln, eine gemeinsame Plattform zum Informationsaustausch sowie weitere Vernetzung seien für viele Aktivitäten entscheidend. Der letzte Punkt ist bereits in Arbeit: „Im nächsten Jahr geht es weiter – vielleicht noch intensiver, die konkreten Planungen folgen jetzt“, verriet Dr. Volker Haarmann, der für das Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) in der Vorbereitungsgruppe war. „Die Zusammensetzung der Teilnehmenden war vielfältig, im gegenseitigen Gespräch war viel respektvoller Austausch, was ein Zeichen von Stärke der Gemeinsamkeit ist“, resümierte der Landespfarrer für christlich-jüdischen Dialog.

Ihnen liegen Israel und Palästina am Herz

„Heute hat sich gezeigt, dass auch unterschiedlich denkende Menschen, denen Israel und Palästina am Herz liegen, durchaus ins Gespräch kommen können“, sagte Oberkirchenrätin Barbara Rudolph, sie leitet die Abteilung Ökumene im Landeskirchenamt. "Und das ist, wie viele von uns bei anderen Veranstaltungen schon haben erfahren müssen, keineswegs eine Selbstverständlichkeit angesichts der auch bei uns herrschenden Polarisierung in diesen Fragen."

Rudolph weiter: „Seit die Kaiserswerther Diakonie mit der Missionsarbeit in Palästina begonnen hat und seit dem Synodalbeschluss von 1980 gibt es eine besondere Verbindung zum Nahen Osten.“ Vor dem Abschlussplenum blickte sie auf Bisheriges zurück. „Es gibt ein Gefühl der Erfolglosigkeit des Engagements. Der Konflikt ist in den vergangenen Jahren immer schlimmer geworden“, stellte sie fest.

„Wir haben die Lösung selber nicht in der Hand – aber Sie alle sind absolut wichtig mit Ihrem Engagement. Nicht nur für die Evangelische Kirche im Rheinland, sondern für das Niveau des Diskurses in Deutschland“, so Oberkirchenrätin Rudolph. Nach Analyse der Ergebnisse aller Diskussionen und Arbeitsgruppen soll das Netzwerk eine langfristige Verbindung werden.

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ekir.de / Jan Kleinschmidt, Fotos: Daniel Schmitt / 03.11.2014



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