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Foto: Hartmut910/pixelio.de Denkmal für Jan Hus in Prag

Interview

In Prag auf den Spuren von Jan Hus

Der tschechische Theologe Jan Hus wollte Gottes Wort allen Menschen zugänglich machen. Er wandte sich gegen Ämterkauf und Elitedenken. Die rheinische Oberkirchenrätin Barbara Rudolph im Interview zu seiner Bedeutung heute und Veranstaltungen zum 600. Todesjahr.

Jan Hus wird häufig als ein Vorläufer Martin Luthers bezeichnet. Wie lässt sich das erklären?

Der Überlieferung nach soll Jan Hus am Tag seiner Verbrennung am 6. Juli 1415 gesagt haben: „Heute bratet ihr eine Gans, aber aus der Asche wird ein Schwan entstehen.“ Es ist eine Anspielung auf seinen tschechischen Namen, der auf Deutsch übersetzt „Gans“ heißt. Dieser Ausspruch wurde dann auf Martin Luther bezogen, der in vielen Bildern den Schwan als Symbol an die Seite gestellt bekam. In gewisser Hinsicht war Hus hundert Jahre zuvor ein Vorläufer Luthers. Wie Luther hat er einen sehr kritischen Blick auf eine Kirche, die nicht nach dem Worte Gottes lebt. Er nimmt für sich in Anspruch, in solch einem Fall dem Papst und den Bischöfen den Gehorsam zu verweigern. Aber sehr viel stärker ist Hus ein eigenständiger Theologe, der vom englischen Kirchenreformer John Wicliff beeinflusst war.

Wie ging die katholische Kirche damals mit dem Anspruch von Hus um?

Das Konzil von Konstanz hat Hus 1415 zum Ketzer erklärt. Er und alle seine Schriften wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Im frühen 15. Jahrhundert protestierte Jan Hus gegen den Ablasshandel, das Finanzgebaren der Kirche und die Missachtung der Laien. Er predigte in tschechischer Sprache und wollte die Bibel in der Muttersprache für die Gläubigen zugänglich machen. Gemeinden, die ihm nahe standen, feierten das Abendmahl in beiderlei Gestalt, mit Brot und Wein. Zu diesen Punkten hat die katholische Kirche erst im Laufe der weiteren Entwicklung ihre ablehnende Haltung verändert.

Warum musste Jan Hus sterben?

Der deutsche König Sigismund hatte ihm für die Reise zum Konstanzer Konzil freies Geleit zugesichert. Doch dieses Versprechen wurde gebrochen. Politische Interessen standen dagegen. Beim Konstanzer Konzil ging es vor allem um die Einheit der Kirche. Es gab zu der Zeit einen Papst und zwei Gegenpäpste. Der Anspruch von Hus an eine Reformation an Haupt und Gliedern der Kirche war weit radikaler. Traditionen sollten sich von der Bibel her infrage stellen lassen. Die Aufforderung auch gegenüber leitenden Geistlichen ungehorsam zu sein, wenn ihr Handeln nicht der Bibel folgt, ist in der Zeit sehr gewagt. Wo er die Hierarchie der Kirche infrage stellt mit Verweis auf Jesus Christus als Haupt der Kirche, sehen der Papst und die Kirche dies als Angriff auf sich selbst.

Was ist das Aktuelle an der Kritik des tschechischen Theologen?

Heute wäre Jan Hus für „transparency international“ engagiert. Er hat sich gegen kirchlichen Ämterkauf gewendet, gegen die Vorstellung, ewiges Heil könne erkauft werden. Elitäres Denken hat er abgelehnt. Er brachte seine Ideen ins Volk. Für die damalige Zeit hatte er so etwas wie zivilgesellschaftliche Bedeutung. Heute wäre er eher bei Demonstrationen als in kleinen Hörsälen. Jan Hus ist jemand, dessen Fragen nicht nur die katholische Kirche vor 600 Jahren bedrängten. Auch wir als evangelische Kirche heute müssen uns fragen, wo Worte und Taten übereinstimmen und wo nicht.

Wie wird Jan Hus in diesem Jahr in der Evangelischen Kirche im Rheinland und anderswo geehrt?

An vielen Orten wird des Todes von Jan Hus gedacht. Zentrale Gedenkveranstaltungen finden am 5. und 6. Juli in Prag statt. Gemeinsam mit dem Gustav-Adolf-Werk Rheinland bieten wir vom 27. Juni bis 1. Juli eine Begegnungsreise nach Tschechien an. Bei der Reise sehen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt Prag, und sie begegnen Männern und Frauen aus unserer Partnerkirche, der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder, 600 Jahre nach Hus.

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ekir.de / rtm / Foto: Hartmut910/pixelio.de / 09.04.2015



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